Sexismus: Ein Problem beider Geschlechter

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Rainer Brüderle soll also eine Journalistin in einer Bar mit anzüglichen Sprüchen “angemacht” haben. Ein Beleg für den “in der Politik grassierenden Sexismus”, wie es nun heisst. Ist es Zeit, hier eine Grundsatzdebatte zu führen?
Ich möchte dazu gerne auf die neueste Aufforderung zu einer solchen Debatte auf Spiegel Online eingehen [1], wo Patricia Dreyer die alltäglichen Fälle von Sexismus auflistet, die sie selbst beobachten kann.
Vorausschicken aber will ich doch noch etwas anderes: Frau Dreyer meint, die Tatsache, dass Brüderle gerade jetzt angeschwärzt werde, wo er zum Spitzenkandidaten der FDP wurde, tue nichts zur Sache, da es hier nicht in erster Linie um die FDP gehe, um dann gleich dem Brüderle noch den Touch der Weinseligkeit mitzugeben. Das ist (auch) ganz mieser Stil und beweist, dass hier mit dem richtig getimten Vorwurf des Sexismus sehr wohl Politik aus Journalistenkreisen gemacht wird. Führen wir die Debatte tatsächlich, so beginnt das damit, dass die Frauen, welche davon betroffen sind, sich sofort wehren – und nicht damit bei späterer Gelegenheit nachkarten, in einer Situation nota bene, in der der blosse Vorwurf dann Wirkung erzielt.
Es ist in dieser Beziehung das falsche Signal, weil Sexismus oft dann am besten bekämpft werden kann, wenn man oder frau in der Situation, in der er ausgeübt wird, sofort Contra gibt. Nur so wird sich an Reflexen etwas ändern -und lässt sich herausfinden, welche Substanz dahinter steckt.
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Patricia Dreyer erinnert an all die Beispiele, die einfach immer wieder geschehen, und die mann auch nicht abstreiten kann – abwertende Bemerkungen wegen einer bestimmten Kleidung oder Haarfarbe zum Beispiel, die aber leider auch nicht wirklich weiter führen, weil die meisten von uns für sich in Anspruch nehmen können, dass sie dagegen gefeit sind. Zu praktisch jeder Zeit. Und die Einschränkung, die ich dabei mache, sollte Frauen nicht aufschreien lassen. Denn genau so wie es diese Momente gibt, in denen äusserliche weibliche Attribute bei Männern nicht ausgeblendet werden, so gibt es diese Augenblicke, in denen auch die Frau durchaus mit solchen Aspekten spielt, sich darin wohl und “richtig” fühlt. So tun zu wollen, als spielte es in irgend einer Gesprächs- oder Anstellungssituation überhaupt keine Rolle, ob man Mann oder Frau ist, kann auch nicht funktionieren. Und in der gleichgeschlechtlichen Gruppe sind “die Männer” oder “die Frauen” immer ein Thema, meistens in einer generalisierenden Form, die immer Elemente der Abwertung weil Gleichschaltung enthalten.
Und wir Männer können uns auch am Männerbild vieler Frauen stören: Es gibt unzählige Situationen, in denen wir sehr deutlich erkennen können, WAS uns in den Augen der Frauen und gemäss ihren Instinkten attraktiv macht: Nichts macht uns so anziehend wie Geld und Erfolg. Keine menschliche Eigenschaft, die wir vorzuweisen hätten, kann die gleiche Anziehung erzeugen – zumindest, so lange wir uns auf der gleichen oberflächlichen Ebene der Begegnungen bewegen, für welche diese Diskussion geführt wird. Wir werden von Frauen noch immer als Herdenführer angesehen, als potentielle Krieger. Wer etwas anderes behauptet, verkennt die in unseren Geschlechtern noch immer schlummernden Grundinstinkte, und die werden so lange weiter spielen, wie Frauen unsere Kinder gebären. Und daran rüttelt hoffentlich keine®.
Womit wir zu dem Punkt kommt, welchen Patricia Dreyer mit Fug und Recht anprangert:
Wie Männer berufstätige Frauen als tickende Zeitbombe betrachten, denn sie könnten ja gebären wollen.
Die tickende Zeitbombe ist ein bisschen drastisch, da ich annehme, dass es um das Bild jener Männer geht, welche diese Frauen einstellen oder befördern (sollen). Tatsache aber ist sehr wohl, dass der mögliche “Ausfall” einer wichtigen Kraft wegen Schwangerschaft und Geburt ein Thema in den Überlegungen des Chefs oder der Chefin sein muss. Ist das Sexismus? Oder schlicht gesellschaftspolitische Realität? Wohl eher das zweite, und wenn sich das ändern soll, dann ist das ein Auftrag an die Politik, den die Gesellschaft entsprechend entschieden formulieren muss. Dann wird daraus eine Wertediskussion, in der die lenkenden Massnahmen der Politik auf die Wirtschaft diskutiert werden können, oder umgekehrt das möglichst wirtschaftsliberale Umfeld, in dem sozialpolitische Argumente eben weniger zählen, also auch die berufsbegleitende Hilfe bei der Kinderbetreuung durch staatliche Einrichtungen, oder durch vom Staat unterstützte Einrichtungen der Unternehmen.
Am anderen Ende dieser Diskussion gibt es den gesellschaftlich-sozialen Aspekt, bei dem Männer in Partnerschaftskonzepten allzu häufig erfahren, dass zwar Beteiligung bei der Kinderbetreuung erwünscht ist, Frauen aber instinktiv die Vaterrolle auch manchmal eingrenzen wollen: Baut das Kind eine starke emotionale Verbindung zum Vater auf, wird dadurch auch das Gefühl der Mutter geschürt, im Mann den Konkurrenten zu sehen: Mann hat es nicht einfach, seine Rolle anders zu interpretieren, als sie hier teilweise bekrittelt wird – ganz drastisch bekommt er es zu spüren, wenn bei Trennungen die Frage der Betreuung der Kinder geregelt werden muss.
Auch so manche öffentliche Diskussion von Frauenrechtlerinnen ist nicht unbedingt hilfreich, um Sexismus zu ersticken: Wenn laut darüber nachgedacht wird, dass es Männer eigentlich schon gar nicht mehr braucht, um Kinder zu haben, dann lässt mich das nur den Kopf schütteln. Auch betreffend des Verständnisses, das man damit für seine Kinder aufbringt – als potentielle Mutter. Und es wäre, in der Konsequenz dieser Betrachtungsweisen, auch schlicht sexisitisch, wenn eine Frau in einer Partnerschaft in ihrem Innersten mehr den Erzeuger für ihr Kind sucht, als den Partner. Ich kenne mehr als eine Geschichte, die genau davon erzählt – vor allem dann, wenn die biologische Uhr zu ticken beginnt.
Wenn Frauen allen Grund haben, die Diskussion dennoch aus ihrer Warte anzustossen, dann deshalb, weil sie auf Grund ihrer gesellschaftlichen Situaton in der Berufswelt tatsächlich das schwache Geschlecht sind. Werden Männer auf sexistische Bilder reduziert, gehen sie damit in aller Regel leichter um, weil sie sich in der wirtschaftlich besseren Situation befinden. Als Mensch, liebe Frauen, ist das trotzdem für uns genau so Scheisse wie für Euch. Um es mal männlich derb auszudrücken.
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[1] SPON – Brüderle-Debatte: Stopp!
via mycomfor
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