Mein Schreiben. Täglich.

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Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Restaurants und ihre (guten) Geister

∞  13 Februar 2008, 18:03

Fünf Tage Messe bedeuten, dass man spätestens am dritten Abend nicht mehr alles mitbekommt, was am Tisch im Restaurant gesprochen wird. Das hat nicht nur mit der eigenen bedingten Leistungsgrenze an Aufmerksamkeit zu tun, sondern mit der unerfindlichen Tendenz aller Messegänger, partout nach einem lärmigen Messetag mindestens ein ebenso lautes Restaurant zu suchen. Und so könnte ich denn theroetisch auch nur von den ersten drei Abenden berichten – wäre da nicht eine Weisheit aus 25 Jahren Messetätigkeit mit im Spiel, die dazu beiträgt, dass man doch tatsächlich auch mal ausschert und seinen Gehörgängen und damit seinem Kopf was gutes tut, und nicht nur dem Magen…

So soll denn Thema dieses Beitrags das unterschiedliche Auftreten der Bedienung in Restaurants sein.

Dem muss ich etwas voraus schicken:
Wie in vielen Dienstleistungsbetrieben ist auch hier nicht der volle Erfolg des Betriebes von der Kellnerin oder dem Kellner abhängig (eine schlechte Küche ist nicht wettzumachen), aber ein übel gelaunter Kellner kann ganz bestimmt alles andere vergessen machen. Es gehört – das will ich auch erwähnen – dabei zu den Besonderheiten der Gastronomie, dass die harten und schlecht bezahlten Jobs im Service für den Erfolg des Unternehmens enorm entscheidend sind. Ob das tatsächlich immer nur mit der persönlichen Befriedigung der motivierten Angestellten entlöhnt werden sollte, lasse ich einfach mal offen…

Am ersten Abend sind wir bei einem Italiener. Die jüngere schlanke Kellnerin trägt eine Brille ins Gesicht gedrückt, die ihr genau so schräg auf der Nase sitzt wie der Missmut ihr die Lippen konsequent zusammen presst und die Mundwinkel hängen lässt.

Die strähnigen Haare fallen immer wieder ins Gesicht. Die Frau ist kaum zu verstehen und alles scheint mit Widerwillen zu geschehen, als möchten wir nicht mit einem Auftrag drohen, sondern gleich eine Reklamation vortragen. Das Lokal ist voll, eng, das Licht dunkel, der Lärm beträchtlich. Ich möchte den Job nicht machen und wäre nach wenigen Tagen erledigt. Aber essen möchte ich dort auch nicht unbedingt gleich wieder, obwohl es sehr gut geschmeckt hat.

Am zweiten Abend sind wir in einem währschaften Restaurant mit deutscher Küche, dicken Mauern, Holzverkleidungen, traditionellen Möbeln. Die Bestuhlung ist auch hier eng, das Licht aber ist heller, das Personal ausreichend, die Küche sehr gut – und die Bedienung äusserst nett. Die junge Frau ist fast noch ein Mädchen, meistert die Neckereien unseres “offensiven” holländischen Freundes mit Bravour, gibt Kontra und trägt viel zur guten Stimmung bei. Kein Wunsch ist ihr zuviel und alle fühlen sich wohl. Am Schluss wollen alle eine Visitenkarte des Restaurants mitnehmen.

Am dritten Abend sind wir in einem trendigen Lokal in der Frankfurter Innenstadt. Die Möblierung ist modern, eher karg, die Gäste sitzen weit auseinander, aber man hat Mühe, überhaupt etwas von ihnen mitzubekommen. Das liegt nicht nur am düsteren Licht, sondern vor allem am Lärm der Musik, die eben so sein müsse, wie mir meine Kollegen erklären… Während ich still für mich hoffe, dass sie morgen bessere Verkaufsargumente für ihre Produkte haben, beobachte ich die Arbeitsteilung im Lokal. An der Bar stehen sich zwei Barkeeper mit einem einzigen Gast an der Theke die Beine in den Bauch. Trotzdem servieren sie uns nur die Getränke, während ihre Kollegin die Bewirtung aller Gäste allein vornehmen muss. Allein in unserer Gruppe sind wir vierzehn Personen, und auch sonst ist das Lokal zwar nicht bis zum letzten Platz aber doch gut besucht. Ein Knochenjob für die hübsche junge Frau. Wir müssen meist länger warten und es ist absolut unmöglich, dass wir am Tisch auch nur zu sechst das Essen gleichzeitig kriegen.
Die junge Frau tut ihr möglichstes und ist äusserst freundlich. Wenigstens sehen wir das alles und üben uns in Geduld. Am Schluss gibt es gutes Trinkgeld, aber auch einen etwas überhasteten Aufbruch, weil lww angesagt war zuvor (lokalweites Warten).

Das Essen war ausgezeichnet und das Preis-Leistungsverhältnis der Speisen war hervorragend. Dennoch war es eher ein chaotischer Abend – zuerst für die Bedienung, aber auch für uns Gäste.

Als Kontrast dazu der letzte Abend:
Wir fahren bewusst etwas weiter, nehmen eine halbe Stunde Weg in Kauf und besuchen einen uns bekannten Italiener in Wiesbaden. Ein Familienunternehmen auch das. Bedient aber werden wir vom Junior persönlich. Es ist angenehm ruhig, nachdem ein einzelner Gast mit ungewöhnlich tragender Stimme bezahlt hat und gegangen ist. Er war in der sonst herrschenden Stille nicht zu überhören… Das Essen ist ein Gedicht, wir werden mit einer zurückhaltenden aber umfassenden Aufmerksamkeit bedient, die einfach von einer aussergewöhnlichen und überhaupt nicht berechnende Freundlichkeit geprägt ist. Niemand scheint in Eile zu sein. Alle sind entspannt und üben sich in nur einer Sache, die wirklich wichtig bleibt: Im Geniessen.

Wir kommen wieder!