Recht haben oder recht leben
Wer ist im Besitz der Wahrheit? Wer kennt Gott wirklich? Die Führer der Weltreligionen glauben, diese Wahrheit zu kennen. Und sie halten sich an ihr heiliges Buch, nach dem es nur den einen, ihnen bekannten Gott gibt und keinen anderen Weg zum Heil als die Bekehrung zu diesem Glauben.
Im Westen hat – auch begünstigt durch die zunehmende Trennung von Kirche und Staat – ein moderater Umgang mit diesen Dogmen Einzug gehalten – zumal unter vielen Gläubigen selbst die Einsicht herrscht, dass wir alle Suchende sind – und die Wahrheit sich niemandem von uns endgültig offenbart hat. Jede Religion aber kann unser Zusammenleben bereichern, wenn Liebe und Mitgefühl dadurch gestärkt werden und Antworten auf Sinnfragen verschieden, aber in jedem Fall spirituell gelebt werden können.
Indem wir alle nach Antworten suchen, machen wir anderen vielleicht Mut, erst mal mit dem Nachfragen zu beginnen. Denn das verbindet uns Menschen ja am Ende in jedem Fall: Dass wir uns, fragen wir nach unserem Selbst, die gleichen Fragen stellen. “Die Religion” bleibt dabei wie “die Philosophie” ein Begriff, eine Denk- und Lebens- und Erfahrungsschule, die einer Linie folgt und dadurch Orientierung gewinnt. Aber ich möchte nicht auf Nietzsche verzichten, nur weil es auch Karl Barth gab. Beide haben mir etwas zu sagen, weil sich keiner von ihnen leichtfertig mit Antworten zufrieden gab. Und genau so versuchen Menschen verschiedenster Religionen gottgefällig zu leben. In letzter Konsequenz entscheiden sie selbst darüber – und daher ist das Zusammenleben verschiedener Religionen nur in einem wirklich säkularen Staat segensreich für die Gesellschaft. Denn in ihm hört die eigene Religionsfreiheit bei der Durchsetzung von Dogmen der Ausschliesslichkeit der eigenen Religion auf.
So ist es möglich, dass Katholiken Protestanten akzeptieren und Muslime, die den Umgang mit Ungläubigen nicht konservativ verstehen wollen, dies auch so leben können. Jedem Heilsverkünder, der glaubt, seine Nachfolge sei die einzig mögliche, muss klar sein, dass seine Grundlage in dieser Gesellschaft nur eine Meinung unter anderen sein kann und ausser dem eigenen Beispiel kein anderes Mittel der Überzeugung zur Verfügung steht. Auf dass wir in der Vielfalt einig sind: Suchen und Finden gehen weiter.
“Meine Religion ist die richtige, die anderen liegen falsch”,
ist, wie wenn man behauptet:
“Meine Mutter ist gut, deine ist eine Prostituierte.”
Der Kern aller Religionen ist das Mitgefühl. Da hat es keinen Platz für einen Wettstreit.
Amma
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