Mein Schreiben. Täglich.

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Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Ob Minarette spriessen oder nicht...

∞  3 November 2009, 19:52

Die Schweizer werden also über die sog. Minarett-Initiative abstimmen. Sie fordert ein generelles Verbot des Baus von Minaretten. Der Forderung wird mit martialischen Plakaten Nachdruck verschafft, in welchen die SVP mit zu Raketen stilistierten Minaretten und einer Frau mit schwarzer Burka suggeriert, was uns Angst macht, oder machen soll:
Der Islam erobert die Schweiz. Es droht eine muslimische Vorherrschaft, der Verlust der Demokratie, jeglicher Freiheitsrechte (vor allem für die Frau) und im Endeffekt die Scharia. Nichts von dem mag wahr sein, nicht morgen und nicht übermorgen, aber es ist eine Tatsache, dass noch keine andere, wachsende Bevölkerungsgruppe in unserem Land so viel unterschiedliche, sich teilweise widersprechende Signale selbst ausgesendet hat bzw. von einem westlichen, säkularen Staat mit den Prinzipien der Toleranz, des Liberalismus und der Demokratie so schwer einzuordnen war.

Der Grund dafür dürfte sein, dass es in der Tat schwierig ist. Und wir viel zu wenig über die Muslime unter uns wissen. Das muss man einfach einmal eingestehen. Und der Weg, das zu ändern, ist schlicht, sich das auch einzugestehen. Dazu darf auch gehören, für ein Verbot der Minarette zu sein, mag Europa sich auch das Maul über uns zerreissen. Die Anklage der scheinbar Aufgeklärten und der liberalen Geister huldigt oft einer Haltung, die Toleranz genannt wird, aber im Grunde Gleichgültigkeit meint – oder eine genau so falsche Wahrnehmung wie jene der Erzkonservativen, welche jeden dunklen Bart nach Afghanistan wünschen. Die Prinzipien einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung, die jeder Ethnie und Glaubensgruppe so viel ungebundene Lebensgestaltung zubilligen will, wie irgend möglich, beinhalten nicht den Zwang, nicht differenzieren zu dürfen:

Es gibt eine freie Ordnung nur innerhalb dieser Ordnung, und sie beinhaltet nicht nur eine Haltung zu Menschenrechten ganz generell, sondern auch zur Rolle des Staates. Muslime möchten Minarette bei ihren Moscheen haben, weil ihnen dies Sinnbild einer neuen spirituellen Heimat im neuen Heimatland wäre. Im Idealfall. Das bedeutete nämlich, dass sich muslimische Motivation für einen starken, freiheitlichen Staat mit der Heimatverbundenheit von uns Schweizern verbände und echte Multikultur entstünde – eine Offenheit, die verbindet und gestaltet, in der sich die Parteien einbringen und sich erklären. Glaubensgemeinschaften haben oft Jahrhunderte gebraucht, um sich in einer Gemeinschaft einzuleben, einigermassen verstanden zu werden und Berührungsängste abzubauen. Sie lernten dabei genau so selbst, eigene Mauern abzubrechen, wie sie erfahren durften, dass sich auch die Türen der anderen öffneten. Solche Prozesse brauchen Zeit, und es ist überhaupt nicht falsch und beschämend, sich das einzugestehen. Ganz egal, ob die Minarettinitiative angenommen oder abgelehnt wird, der eigentliche Massstab für unsere Gesellschaft wird sein, ob damit die sachliche Diskussion erst beginnt – und der Versuch, genug von einander zu erfahren, um mit einander leben zu können und etwas Gemeinsames zu entwickeln.

Dass wir ein sehr queres Bild im Kopf haben, was gewisse Bevölkerungsgruppen bei uns betrifft, legt ausgerechnet die Weltwoche in Ausgabe 43/09 offen, wo Eugen Sorg tituliert: Ex Jugoslawien sei Dank.

Gemeint ist der Umstand, dass trotz der Tatsache, dass 350’000 Muslime bei uns leben (ein Bevölkerungsanteil von 5% und damit einer der höchsten aller europäischen Länder) bis heute keine wirklichen Parallelgesellschaften auszumachen sind. Er wird erklärt – und dürfte so manchen betroffen machen. Wir alle wohl haben schon vom Albaner, vom Bosnier, vom Kosovo-Albaner gehört oder selbst gesprochen, und nie dürfte der Grund dafür positiv gewesen sein.
Dann wiederhole ich mal ein paar im Artikel aufgeführte Zahlen und Fakten, Eugen Sorg wird nichts dagegen haben, da bin ich mir sicher, und die Weltwoche auch nicht:

200’000 der hiesigen Muslime sind ethnische Albaner aus dem Kosovo und Mazedonien, weitere 50’000 sind Bosnier.

Auch und gerade die Albaner pflegen einen toleranten, sehr weltlichen Islam:
Er kennt keine Missionsgelüste, keinen Antisemitismus. Während der Nazibesetzung wurde kein Jude ausgeliefert. Seit dem 11. September 2001 sind weltweit über 11’000 islamistische Terroranschläge verübt worden.
Kein einziges Mal tauchte ein albanischer Name auf. Die dänischen Mohammed-Karikaturen wurden von einer Zeitschrift in Pristina veröffentlicht, ohne dass sich ein Finger gerührt hätte.

Was ich sagen will:
Erst mal war ich bass erstaunt. Und beschämt. Das alles hätte ich nie gedacht.
Es mag für das Problem der Diskussion zwar nur am Rande von Belang sein, aber das Beispiel zeigt, dass wir lernen müssen. Genau so, wie wir ganz konsequent Zeichen des Willens zur Integration verlangen sollen, so sollten wir uns informieren und Meinungen erst dann bilden, wenn wir die Bausteine dafür haben – also ein Wissen über die Kultur dieser Menschen. Sie umgekehrt, dürfen keine Mühe scheuen, davon auch erzählen zu wollen. Immer wieder. In keinem anderen Land Europas dürfte es dafür so viel innere Kultur geben, wie bei uns. Also zeigen wir uns von der multikulturellen Seite, als Land der Migranten, das wir mit 20% Ausländeranteil und wohl ebenso vielen eingebürgerten Schweizern ja schon immer waren – und auch bleiben wollen. Unter dem Banner einer Schweizer Eidgenossenschaft. Eid: Da haben Landesväter mal einen Eid auf Prinzipien geschworen. Zu deren Einhaltung und Bewahrung gehört ein Einstehen für Werte. Ein Nein, eine Abwehr allein genügt nicht, genau so, wie ein reflexartiges Ja für einen liberal angehauchten Gleichgültigkeits- und Beliebigkeitsverein uns wirklich zu einer manipulierbaren Masse macht: Berechenbar wollen wir aber nicht in unserer undifferenzierten Ambivalenz zu allem, was schmerzen kann, sein, sondern in der Wahrung unserer bewusst wahrgenommenen Grundrechte, die wir entsprechend auch allen gewähren, die gleichen Willens sind. Und nur denen. Dies gehört mit zu dieser Freiheit, für die wir alle so sehr sind.