Nicht angeschmiert bin ich, nur angesprochen
Jede Dissonanz lässt sich auflösen und jedes Ding hat seine nützliche und angenehme Seite. Nur bleibt sie oft dem beschränkten Sinne verborgen.
Heinrich Seidel
Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.
Mir fällt das oft selbst schwer genug...
Heinrich Seidel
Wie gehen mir doch manchmal die “ewig Positven” auf den Geist. Schönmalereii ist das oft, es scheint mir aufgesetzt, gekünstelt. Menschen, die in allem nie ein Problem sehen, beurteile ich gerne als oberflächlich. Oft scheint mir dazu auch ein Egoismus zu gehören: In nichts ein Problem zu erkennen, heisst dann im Grunde erst einmal: Es geht mich nichts an. Geht solchen Menschen etwas “ans Lebendige”, wird die Verantwortung und die Lösung gerne mal von aussen erwartet.
Aber das ist hier nicht gemeint. Wenn es gelingt, den Dingen, die negativ auf uns einstürzen das Tempo zu nehmen, unsere unmittelbare Reaktion verpuffen zu lassen und eine Situation erst einmal auszuhalten, verliert sie oft ihren Schrecken, oder unser Ärger verraucht, kann uns zuweilen gar absurd vorkommen. Aus dem vermeintlichen Kaminbrand wird ein kleines Feuerchen. In Dingen, die uns ärgern, kann man auch Lehrstücke erkennen, den Lehm, aus dem ich Bausteine backen kann, für ein Haus gegen wirkliche Stürme. Voraussetzung dafür ist wohl immer, dass es mir gelingt, mich nicht fortreissen zu lassen von einer Entwicklung und Distanz zu meinen unmittelbaren Reaktionen zu gewinnen: Wenn ich mir und dem Umstand, der Person, die mich gerade nervt, begegnen kann wie ein Beobachter, der mir und dem Problem zusieht, so ist es noch immer mein Problem, aber ich verliere das Gefühl, der Angeschmierte zu sein. Ich bin einfach noch der durch ein Ereignis Angesprochene. Und meist liegt dann der Weg zum gelassenen Umgang mit der Situation auch schon glasklar vor mir.
Bezeichnend der letzte Satz: Nur bleibt sie oft dem beschränkten Sinne verborgen.
Seidel spricht von unserem Sinn. Ja, unsere Sinne sind Teil der Lebenslust, Basis vieler Gefühle, aber es ist geradezu so, als würde sich unser Auge, unser Griff, unsere Nase, unser Herz, unser Gehör auf diese eine unangenehme Wahrnehmung stürzen und sich daran weiden wollen, damit verschmelzen zu können. Bezeichnend, dass wir in einer solchen Situation vor unserem Innern “nichts anderes mehr hören können”, und deswegen sagen: Ich will nichts mehr davon hören.
Als wenn es in diesem Moment einen Impuls von aussen bräuchte, um es nicht weiter in uns gären zu lassen. Das ist sinn-los, weil völlig in unserer Empfindung gefangen.
Wenn wir solche Situationen überwinden können, lernen wir jedesmal eine kleine wirkliche Sensation hinzu: Wir sind nicht die Summe unserer Verletzungen. Wir sind in unserem tiefsten Innern heil und fähig, alles, was uns beschert wird, auf einer Ebene einzuordnen und von ihm zu lernen, bis wir eines Tages sagen können: Damals konnte mich dies aus der Bahn werfen. Heute kann ich es passieren lassen, wie einen Zug, der weiter fährt, und in den ich nicht einsteigen muss.