Natürlich fremdenfeindlich
Welt OL: Fremdenfeindlichkeit hat in Großbritannien in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen. Ein Drittel der Briten gibt einer aktuellen Studie zufolge an, “gewisse rassistische Vorurteile” zu haben.

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Wo beginnt die Fremdenfeindlichkeit, könnte man fragen. In welcher Zeit hat dieses Schlagwort welchen Klang bekommen? Aber damit müssen wir uns gar nicht aufhalten. Interessant ist im Artikel, dass einer der Gründe für die gestiegene Skepsis gegenüber Ausländern in der Globalisierung gesehen wird: Der globale Markt bringt den frei(er)en Personenverkehr und bedeutet, dass nicht nur andere ihr Warenangebot mit uns teilen, sondern dass sie auch uns als Teil ihres Marktes sehen. Wir rücken zusammen und werden uns dabei fremd. Und bleiben uns dabei fremd, müsste es richtigerweise heissen.
Und genau so wie die Werbung uns für den globalen Markt und deren Geschäfte instrumentalisiert, wie die liberalen Wirtschaftskräfte Prosperität mit globalem Handel gleich setzen, genau so instrumentalisiert rechtsgerichtete Politik den Frust der Bürger und kanalisiert ihn, so dass der gebündelte Eindruck entsteht, im eigenen Land fremd bestimmt zu werden – durch die Einwanderungsströme und durch die liberale “classe politique”, welche die Probleme des rechten Fussvolks nicht mal vom Hörensagen kennt. Interessant ist es ja schon, dass heute die schnöden Attacken gegen die Politikerklasse nicht von links, sondern viel eher vom rechten Rand des Spektrums kommen.
Die Muster gleichen sich immer – und offenbaren dann die hässliche Fratze pöblerischer Kampfattacken, welche wie geöffnete Ventile ein Frustpotential offenbaren. Dabei dürfte man – und das, finde ich, würde die Sache eher entschärfen denn erschweren, doch viel unverkrampfter mit der Tatsache umgegangen werden, dass uns Fremde fremd sind: Alles andere ist doch auch unnatürlich: Andere Hautfarbe, Sprache, Religion, Sitten. Was bitte soll ich daran nicht fremd finden? Gehe ich als Tourist in die Länder dieser Einwanderer, begegnet man mir genau so. Und würde ich bleiben wollen, um in einer indischen Lederverarbeitung als Gerber zu arbeiten, wäre die Begeisterung der hiesigen Bevölkerung riesig, sollte ich ihr damit einen Job wegschnappen. Wir Westler würden da schnell ein Ghetto bilden, und wir wären und so viele Dinge anders gewohnt, dass wir da nur bleiben wollten, weil wir da wenigstens etwas Geld verdienen könnten. Dahinter stehen auch Schutzmechanismen – und keine touristische Reise wäre so farbig und toll, wenn sie nicht auch davon leben würde, dass diese Barrieren punktuell überwunden werden – in einer kurzen Begegnung auf dem Markt, in einer Einladung zum Tee. Aber das bleiben Wimpernschläge, ist Gastgeberverhalten gegenüber Durchreisenden. Will jemand bei mir leben, schaue ich ihn mir genauer an. Und verstehe ich ihn nicht, möchte ich, dass er weiter zieht. Dies alles zu negieren und es nicht als natürliches Verhalten im Abrufen der eigenen Identität zu begreifen, ist Augenwischerei, die gar nicht nötig ist.
Vorurteile sind natürlich. Den Beton, den wir anrühren, um sie zu zementieren, den braucht es freilich nicht. Aber wie will ich von hier aus beurteilen, ob Holland ein strengeres Einwanderungsgesetz “braucht”? Wir sollten unverkrampfter mit unseren Ängsten umgehen und sie nicht sofort verteufeln. Denn dann beschäftigen wir uns nicht wirklich mit ihnen – und verschwinden werden sie auch nicht einfach so.
Dazu gehört auch, dass die schnelle Anrufung der Menschenrechte in diesem Kontext besonders gern von Wirtschaftskräften gesehen wird – denn die Globalisierung ist, sind wir ganz ehrlich, ein grosses Geschäft.
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