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Migranten und ihre schwierig zu findende Identität

∞  12 September 2012, 00:25

Schweiz gegen Albanien. Ein WM-Qualifikationsspiel, bei dem fünf Fussballer auf Schweizer Seite mit mehr oder weniger klaren albanischen Wurzeln gegen ihr ursprüngliches Heimatland spielen.

istockphoto.com/koun

Sie verbieten sich selbst klaren Torjubel aus Respekt für Albanien. Nur Valon Behrami hat schon vor dem Spiel deutlich gemacht, dass er nicht wüsste, warum er sich nicht herzlich als Schweizer freuen sollte, würde ihm ein Tor gelingen. Granit Xhaka verstolpert spät im Spiel allein vor dem Torhüter den Ball und verpasst das 3:0, und man könnte deswegen vermuten, er wollte gegen Albanien gar kein Tor schiessen, wenn es nicht unbedingt sein muss. Und beim Stand von 2:0…

Die Hälfte des Stadions in Luzern ist von albanischen Zuschauern gefüllt, die Atmosphäre ist auf und neben dem Platz leidenschaftlich, aber es bleibt alles in allem ein Fussballspiel, und es wird nicht mehr daraus. Das ist gut so und erlaubt uns den nüchternen Versuch, verstehen zu wollen, was in solchen jungen Fussballern vorgehen mag, die aus einem Krieg oder in jedem Fall gravierenden politisch-ethnischen Spannungen geflohen sind. Sie haben bei uns Tritt gefasst, sind zu Stars des Fussballs geworden und verdienen mittlerweile – nach der Ausbildung im Schweizer Fussballverband – bei Dynamo Kiev, Borussia Mönchengladbach, der SSC Napoli und bei Bayern München viel Geld – und machen uns in der Schweizer Nationalmannschaft viel Freude. Sie bieten auch uns die Chance, in der Begeisterung für eine erfolgreiche Fussballnationalmannschaft zu erkennen, wie sehr Multikulti zum Wesen unserer Gesellschaft gehört – und das ist nicht neu.

Und dennoch sind wir auch verwirrt, wenn der Kosovo-Albaner Xherdan Shaqiri auf die Frage, ob er im Fall eines unabhängig werdenden Kosovo sich vorstellen könnte, dannzumal für den Kosovo zu spielen, erklären kann, dass er sich das sehr wohl überlegen würde. Es ist nicht leicht, das Wesen dieser Doppelidentitäten in den Köpfen und Herzen der Menschen zu verstehen, und ich stelle es mir sehr schwierig vor, mit sich selbst dabei klar zu kommen. Ganz sicher gehört dazu auch, dass unser Unverständnis den Eindruck verstärkt, eben nicht wirklich zur Schweiz zu gehören.

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Wir dürfen nicht vergessen, dass jedes Land “seinen” Imigranten in der Realität nicht viel mehr anbietet als das Minimum – eine Randexistenz. Wir lamentieren über die Gelder, welche im Asylwesen für “Nichtstun” bezahlt werden, aber wir dürfen uns auch nicht wundern, wenn Menschen wie Shaqiri ihre wirkliche Stärke auch dann, wenn sie es geschafft haben, in erster Linie durch die Familie genährt sehen, und die bleibt eben kosvoarisch oder albanisch oder mazedonisch, weil sie die Zelle ist, die allein Sicherheit verspricht und Unterstützung garantiert(e).

Ja. Wir sollen Integrationswillen fordern. Und Nachweise dafür. Aber wir müssen auch die Wege dazu aufzeigen und die Angebote machen. Und es genügt nicht, sie in politschen Alibiübungen halbherzig auszugestalten – wir müssen es mit Überzeugung tun und diese Programme, angefangen bei den Sprachkursen, in Angebot, Durchsetzung und Durchführung auch überzeugend gestalten. Auf dass Fussballprofis wie alle anderen Teile der Gesellschaft als wirklich eingebundene Glieder ein Zugehörigkeitsgefühl auch damit begründen, dass man ihnen eigenes Potential zugesprochen hat, dass sie Kredit genossen und man ihren Willen erkannte und förderte, zu uns zu gehören. Erst wenn wir diesen Satz bedingungslos unterschreiben könn(t)en, sollten wir damit beginnen, uns zu wundern, wenn Menschen wie Dzemaili, Shaqiri, Xhaka, Behrami oder Mehmedi und vor allem ihre vielen namenlosen Landsleute auf die Frage nach ihrer Heimat nicht eine absolut eindeutige Antwort geben können.