"Mein Gesicht hat adidas gemacht"
istockphoto.com/koun
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Donnerstagabend, Stadion Letzigrund, Leichtathletik-Meeting “Weltklasse in Zürich”, nach dem 100m-Final. Yohan Blake läuft eine ganz starke Zeit im strömenden Regen – neuer Stadionrekord. Es folgt das danach leider unvermeidliche Interview aus dem Innenraum. Gott mache ihn so stark, meint er, und ich frage mich: Und alle andern lässt Gott links liegen? Aber das ist ja genau so nichts sagend und auch nicht übel zu nehmen, wie die Bemerkung anderer Athleten bei anderer Gelegenheit, sie hätten ihren Erfolg ihrer harten Arbeit zu verdanken – und die andern?
Aber eben, woher sollen sie denn sonst kommen, die Erfolge? Eine Spur mehr Fleiss ist dabei, vielleicht, und das ist ja durchaus sympathisch, auch ein bisschen mehr Demut. Und dann wird der Sprintstar nach seinen Faxen vor dem Start gefragt, den wie Krallen in die Kamera gehaltenen Fingern und dem stechenden Blick. Und die banale Übersetzung seiner unbeholfenen Antwort durch den Simultansprecher im Schweizer Fernsehen:
“Ja, dieses Gesicht hat adidas gemacht.”
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Was Yohan Blake damit offen legt, ist die totale Vermarktung seiner Person durch den Ausrüster. Genau so wie bei Usain Bolt (von Puma) wird die Strahlkraft der zweiten jamaikanischen Sprintrakete von adidas vermarktet. Und dazu gehören Markenzeichen, alles, was den Konsumenten, und mag es im hintersten unbewussten Hinterstübchen sein, bei seinem Kauf bei Puma oder adidas assoziieren lässt, er würde sich damit einen Hauch jamaikanische Coolness und Raketenantrieb mit erworben haben. Und so hat Puma auch das Recht auf die Vermarktung der pantomimischen Gesten Usain Bolts gekauft, und adidas bestimmt eben, wie Yohan Blake vor dem Rennen, also in der Konzentrationsphase des Wettkampfs, in die Kamera zu blicken hat.
Sportartikelfirmen erwerben heute Vermarktungsrechte an den Superstars, welche Gestik und Mimik mit einschliessen: Im besten Fall war eine spezielle Gestik einmal Dein persönlicher Einfall. Mit der Kohle wird die Wiederholung zum Vertragsbestandteil, und wenn du zum Start gehst, dann bist du VERPFLICHTET, den imaginären Pfeil in den Himmel zu schiessen oder eine ganz bestimmte Mimik aufzusetzen, ganz egal, was dich gerade wirklich bewegt.
Was durch simples Marketing so leicht rational erklärt werden kann und wofür man anführen mag, dass die Millionen, die da fliessen, ja dafür mehr als fürstliches Entgelt sind, lässt mir doch die Kälte das Rückgrat hoch steigen…
“Mein Gesicht hat adidas gemacht.” Und adidas weiss, worauf wir “abfahren”…
Wenn mich Blake das nächste Mal in die Kamera hinein so anstarrt bzw. stechend an mir vorbei blickt oder durch mich hindurch, werde ich mich nur noch fragen, wie gut er denn gerade als Schauspieler drauf ist?
Irgendwie sind wir schon alle bescheuert, nicht wahr?
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Nachtrag: Dazu passt, dass genau zu diesem Lauf durchaus interessante Fragen von Päde Kälin hätten gestellt werden können: So wurde gleich neben Blake sein Konkurrent Tyson Gay wegen Fehlstart disqualifiziert, und Blake hatte plötzlich keinen Man mehr neben sich. Wie verändert das den Wettkampf, das Gefühl auf der Bahn, wie gross ist der Nachteil? Aber das wären Fragen zum Sport gewesen, und nicht zur “Person”. Sie hätten das angesprochen, was schlussendlich in der Kompetenz von Yohan Blake bleibt und ihn als Person eigentlich wirklich ausmacht…
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