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Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Mehr Markt, mehr Skandal - für einen Moment ist das fatal

∞  10 Januar 2011, 22:05

Mehr Markt – mehr Skandal: Die Lebensmittelindustrie ist so frei, das Optimum zu produzieren. Was dabei heraus kommt, wird sich immer wiederholen. Und der Handel macht Marge mit Bio – und dünnt die Grundnahrung aus. Wir entrüsten uns gerade mal wieder – aber das wird sich legen.



Mein gestriger Artikel zum Dioxinskandal ist ein wenig zynisch ausgefallen, ich weiss. Neben Dirks Kommentar von gestern lieferte mir heute abend das Interview im Echo der Zeit auf Radio DRS 1 von Ursula Hürzeler mit dem Agrarhistoriker Peter Moser zusätzlichen Anreiz zu einem ergänzenden Artikel. Zuerst einmal will ich ein paar Diagnosen von Moser wiedergeben:

Die Lebensmittelskandale – mit dem Ruf nach schärferen Kontrollen – wechseln sich ab mit der Forderung nach mehr Freiheit und Eigeninitiative, sobald sich die Entrüstung gelegt hat. Skandal und wirtschaftliche Optimierung folgen sich also in Wellenbewegungen. Der Forderung nach der Beschleunigung billigerer Produktionsmethoden wird jeweils nur kurz Einhalt geboten – und die Politik als geforderte Kontolleurin will die Kontrollen den Kontrollierten überlassen…


Nahrung geniesst wenig Wertschätzung, soll im Durchschnitt immer weniger kosten. Doch das beworbene Schlaraffenland ist ein Märchenland: Aus Nichts kann man nichts Gutes (oder eben Gesundes) herstellen.


Bio als Alternative? Die Bio-Nahrungsmittelproduktion unterliegt dem gleichen Trend: Immer grösser, immer effizienter. Die Schaffung von Labels ist sinnvoll, schafft eine Art Bewusstsein – aber keine faktisch nachhaltigen Ergebnisse.


Produzenten und Konsumenten treten gar nicht mehr direkt miteinander in Kontakt.



Hierzu noch ein paar eigene Bemerkungen. Dirk hat natürlich Recht: Selbstverständlich gibt es Millionen von Menschen in Deutschland, welche sich höhere Essenskosten auch schon in geringem Ausmass nicht leisten können. Ich glaube aber, dass deren Bedürfnisse nicht entscheidend sind für die allgemeine Tendenz der Vergiftung in den Nahrungsmitteln. Tatsache ist: Wir geben alle durchschnittlich heute sehr viel weniger Geld von unserem Verdienst für Nahrungsmittel aus als frühere Generationen. Das hat mit unserem Wohlstand zu tun, und dem Konsumverhalten, das wir dadurch an den Tag legen. Nahrung ist sehr vielen Menschen selbstverständlich geworden, die körperlichen Anstrenungen haben sich reduziert. Also hat sich die Wissenschaft mehr mit Geschmacksverstärkern denn mit Qualitätsverbesserungen beschäftigt…

Der Detailhandel hat zudem längst Bio als Produktelinie entdeckt – als eine willkommene Möglichkeit, Margen, die in den Grundnahrungsmitteln preis gegeben werden mussten, wieder zu kompensieren. So dürfte es Usus sein, dass ein Bio-Produkt, in der Herstellung um 30% teurer eingekauft, mindestens zum doppelten Preis verkauft wird als das gewöhnliche, vergleichbare Standardprodukt: Der Handel ist nicht der Gesundheitsapostel, für den er sich gerne ausgibt. Handel strebt nach Gewinnmaximierung – und fragt deshalb bei einem neuen Produkt nach dem höchstmöglichen Preis. Einer der Gründe, weshalb auch Bioprodukte viel von ihrem Ruf schon eingebüsst haben, dürfte darin liegen, dass die anfangs traumhaft hohen Margen bei höherer Nachfrage und gestiegener Konkurrenz so lange wie möglich gehalten werden sollten – mit den entsprechenden Einbussen in der konsequenten Umsetzung der Richtlinien. Auch im Bereich Bio sind die Kontrollen bei weitem nicht so rigoros, wie sie sein sollten oder könnten – und der Konsument erfährt Bio im Regal höchstens anhand einer Alpenlandschaft auf der Verpackung. Den Rest entnimmt er allenfalls noch der Werbung oder dem Konsumentenheft. Er ist, wie Moser richtig feststellt, viel zu weit weg vom Produkt, das da vor seiner Nase im Regal liegt. Dass ein “Biokäsli” allerdings dreimal so viel kosten soll in der Herstellung wie der “normale” Käse nebenan im Gestell, dafür braucht es wirklich ein gutes Marketing.

Womit wir das grösste Problem noch gar nicht angesprochen haben: Für jede gute Idee der Nachhaltigkeit sind wir, sobald die Idee erfolgreich ist, zu viele. Eine hohe Nachfrage zerstört das gesunde Angebot bei Lebensmitteln. Das ist bei neuen Produkten nur eine Frage der Zeit.

Und am tiefen Ende des Nahrungsangebots haben wir es bereits mit Analogkäse und Analogfleisch zu tun. Womit wir uns irgendwie wieder mit den Viechern solidarisieren, deren Fleisch wir uns nicht mehr leisten können, obwohl wir sie mit Fischmehl und anderen Abfallstoffen füttern. Damit sind wir wieder am Anfang und Ursprung dieses Themas angelangt, was mich zur Frage bringt, wie wir uns überhaupt noch empören können über solche Lebensmittelskandale? Denn in der Tat füttern wir Kälber und Schweine schon längst mit Abfallstoffen, die anderweitig aus der direkten Nahrungskette des Menschen heraus gefallen sind. Aus immer weniger kann in der Tag am Ende einfach nichts Substanzielles mehr hergestellt werden. Nur ganz so giftig sollte es dann nicht sein…
Nun bin ich schon wieder zynisch…

Und die Lösung? Sie läge wohl darin, dass sich der Detailhandel verpflichten würde, wirlich nachhaltig produzierte Lebensmittel mit einer vergleichbaren Bruttomarge wie andere Lebensmittel zu verkaufen – und damit faire Preise für einen fairen Umgang mit der Natur wirklich möglich zu machen. Und umgekehrt müsste es verboten werden, Grundnahrungsmittel wie Milch, Eier, Mehl, Butter etc. unter den effektiven Gestehungskosten anzubieten. Denn diese Usanz fördert die Dealer-Kreativität: Wie kann ich denn meinen Stoff nun noch weiter strecken?

Butterberge… Milchkontingente. Wir haben sie ja, die Agrarsubventionen, auch wenn sie abgebaut werden… Sie streiten ja auch darüber in der EU, dass nicht alle Länder genügend schnell genügend viel freien Markt einführen. Dabei wäre es wohl im Sinne der Volksgesundheit und des sozialen Friedens, man würde Subventionen so verstehen, dass sich Grundnahrungsmittel, die sich so nennen dürfen, auch erschwinglich gekauft werden. Eine Subventionspolitik also, die sich am Konsumentengrundbedürfnis orientiert, statt an der Landwirtschaftsindustrie.