Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Macht das Fenster für einander auf

∞  3 September 2011, 21:13

Wenn ein Mensch ein Fenster öffnet.

Ein Mensch jenseits der vierzig ist ein bestandenes Wesen. Er hat seine Kanten. Teilweise wurden sie ihm vielleicht gehörig geschliffen. Viele seiner Eigenschaften sind ihm angeboren, und so manche Erfahrung in unserem Leben führt wohl dazu, dass wir uns getreu unserer Eigenarten an dem orientieren, was wir kennen. Unliebsame Überraschungen brauchen wir nicht (mehr), also sichern wir uns ab – zumindest dort, wo wir dies können. Nur gibt es so viele Unwägbarkeiten in jedem einzelnen neuen Tag, dass uns mit dieser Einstellung nur eine Sicherheit bleibt: Gewusst zu haben, dass “es so kommen würde”.

Besonders unberechenbar pflegen dabei wir Menschen selbst zu sein, so dass es klug zu sein scheint, gerade von Unsereiner nichts zu erwarten, auf Distanz zu gehen und sich an dem zu orientieren, was “man vom anderen schon weiss”. Und mag das nur Hörensagen sein.

Wenn es also geschieht, dass man einen Menschen ganz neu betrachtet, weil man dieses Glück nun verdient, da man ganz bewusst seine bisherige Denke durchbrechen wollte, oder weil dieser andere einen überraschenden Schritt macht – immer geschieht das Eine: Ein Fenster geht auf. Licht flutet ins Zimmer, oder in einer verriegelten Fassade lacht plötzlich ein Mensch aus einem Rahmen, der bisher ein gerändertes Loch war. Nie kann man sich glücklicher schätzen, so ausserordentlich dumm da zu stehen. Denn wenigstens hat man fortan die Chance, nicht mehr gar so viel vom Leben zu verpassen – und ein paar Begegnungen mehr möglich zu machen. Wie viel mögliche Schönheit wir uns aus unserem Leben wegsperren, weil wir die emotionale Pleite fürchten, ist sehr traurig. Wir sollten vermehrt versuchen, die Lehren nicht im bösen Ende zu vermuten, sondern im bewussteren neuen Anfang. Denn das ist das Leben: Eine Folge von Erlebnissen, die wir mit unseren Erwartungen ganz entscheidend beeinflussen – in seiner ganzen Lebendigkeit.