Liebe - Angesichts der Weite unseres Lebens

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Dabei haben wir doch niemanden so lieb wie unsere Nächsten. Und wer wüsste besser als wir, was diese Menschen brauchen? Unsere Liebe ist tief, lebendig, sie will sorgen, behüten, schützen, schenken. Und bewahren, halten, umarmen, an der Hand nehmen.
Fast immer, wenn wir lieben, fordern wir auch. Wir investierten unsere Emotionen, unsere Bereischaft zur Fürsorge mit der stillen Erwartung, dass wir dafür ähnliches zurück bekommen. Gleiches gar. Und immer. Und Partnerschaft funktioniert ja auch nur in dieser Art emotionalen Gleichgewichts. Auf Dauer zumindest. Es sei denn, eine Seite gibt sich damit zufrieden, sich über den Gegenpart zu definieren. Man kann sich auch einreden, der andere wäre ohne mich schlechter dran, er “braucht” mich.
Gestern hörte ich die Redensart einer Frau: “Ich bin bestens versorgt.”
Es war spassig gemeint, vielleicht gar lieb gegenüber dem – nicht anwesenden – Partner. Tatsächlich funktionieren viele Partnerschaften so ganz gut. Eine Lebenszweckgemeinschaft voller Respekt will ich überhaupt nicht schlecht reden. Es ist mehr, als Viele haben.
Aber da wäre so viel mehr zu entdecken: Wenn man mit einem Menschen zusammen lebt, dem man schlicht das Glück wünscht, jederzeit sich selbst sein zu können, dann geht das über den Anspruch hinaus, für ihn immer und überall und in allem der erste Ansprechpartner zu sein. Das gibt es ja gar nicht, kann gar nicht erfüllt werden.
Aber es kann keinen liebevolleren Begleiter als mich geben, wenn ich es schaffe, das, was gut ist für meine Liebste, auch selbst zu wollen. Ich bin dabei nämlich auch frei, meine Grenzen zu spüren und sie auch zu benennen. Ich liebe dann, wenn ich sage:
Ich fühle, was Du brauchst, was Dir Freude macht, und ich möchte, dass Du dem nachspürst. Denn nichts ist so schön, als Dich im Frieden mit Deinen Bedürfnissen zu wissen, oder Dich darin gar erleben zu dürfen.
In einer Liebe, egal ob Partnerschaft oder brüderliche Freundschaft, ist nichts so wunderbar, wie die Erfahrung, als Liebender die Hand offen zu halten und sie nicht um den Fuss des geliebten Vogels zu krallen. Wenn dann der Vogel bei mir ruht, so liegt darin immer ein Audruck dafür, dass er sich geborgen fühlt, und wenn er seine Schwingen ausfährt und von mir hoch fliegt, dann sollte ich seinen Flügelschlag bewundern, beobachten, wie er Höhe gewinnt und dem Aufwind danken, der ihn trägt und zu dem majestätischen Wesen macht, das anwendet, was ihm an Talenten gegeben ist.
Und dann, wenn dieser Vogel in weitem Bogen plötzlich wieder am Himmel erscheint, und sich wieder auf meine Handfläche setzt, dann ist das ein Glück, dem ich wirklich trauen kann: Jemand besucht mich und weilt bei mir, ohne dass ich einen Käfig baue.
Kein Käfig kann das ersetzen, kein Flug ist ohne Gefahr, aber einem Vogel den Wind nicht zu gönnen, auf dem er gleiten kann, ist eine Qual. Es gibt viel Qual, die aus Liebe geboren wird.
Aber es gibt auch die ständige neue Einladung an uns, einander die Weite zu zeigen, die jedem von uns offen steht – und die Freiheit, diese auch an sich heran zu lassen – und sich selbst darin zu finden. Mit einem Ankerplatz, einer Bucht, in der ich immer Schutz finde und in der ich meiner Liebsten von meinem Leben erzählen kann. Und damit von mir. Immer wieder.
