Krise. In der Haltung – und im Ton.
Tage zum Trübsalblasen. Krisen allenthalben. Und verhärtete Fronten in Geschäftsbeziehungen. Immer härtere Bandagen. Desillusionierte Partner. Wir verlieren auch als Gesellschaft gerade eine Menge. Und das wohl für eine lange Zeit.
Mir ist heute, ehrlich gesagt, nicht ums Bloggen. Es gibt so Tage, da ist einem alles zuviel. Und man sollte sich an einem solchen Tag gar nicht erst umsehen, auf dass man nicht in Versuchung komme, fleissig Eindrücke zu sammeln und vor sich aufzulisten, die einem bestätigen, wie viel Grund es gibt, an den Umständen zu verzweifeln…
Es sind schwierige Zeiten. Die Generation, die das Bewusstsein entwickeln konnte, in einer Gesellschaft zu leben, die sich und seine Menschen zusammen halten will, ist wohl heute alt. Und geniesst einen Wohlstand oder eine Sicherheit, für die man auch selbst geschuftet hat. – Dass auch dies für längst nicht alle gilt, weiss ich auch. Aber ich blicke ein wenig weiter voraus, und ich denke an meine täglichen Lektüren – und die Gespräche mit Kollegen – und die Perspektiven der Jüngeren…
Das Wort Krise kennen wir alle längst nicht mehr nur fürs Klima oder die Energieversorgung. Es hat sich längst in alle möglichen wirtschaftlichen Aspekte eingeschlichen, in unsere Perspektiven für uns und unsere Kinder. Der globale Markt für alle offenbart sich als zu klein, um nicht kippen zu können – und wohin soll er denn noch kippen, wenn alle an der gleichen Schaukel hängen?
Diskutiert nicht längst jeder nicht mehr nur theoretisch? Er kann an reale Erfahrungen denken, an geplatzte Obligationen vielleicht, an geschrumpfte Aktienkurse, an gesprengte Hypotheken, an vergebliche Lehrstellensuche. Oder aber er hat mit billigem Geld Anschaffungen getätigt – und muss sich damit beschäftigen, dass nur schon ein halbes Prozent mehr Zinsen plötzlich eine unerträgliche Belastung wäre. Und nur schon die Tatsache, dass niemand wirklich sicher sagen kann, ob es und wann es Zinserhöhungen geben wird, reicht aus, die psychische Belastung bei manchen Menschen zu erhöhen.
Vieles davon mag sich mancher selbst zuzuschreiben haben. Privat ein Auto zu leasen, zum Beispiel, ist nun einfach einmal um ein Vielfaches teurer, als es zu kaufen – und dafür eben auch das Geld erst anzusparen. Wir haben Vieles konsumiert, weil es alle “konnten” – oder zumindest genau gleich taten – und stecken nun im Schlamassel fest. Noch will uns jeder weismachen, dass man das Rad nur irgendwie weiter drehen muss, und dann wird alles gut. Ohne Schmerzen. Dass dies nicht geht, dass unsere Ansprüche an Wohlstand und Konsum in dieser Art des Wachstumsdenkens gar nicht mehr gross genug sein können – es dämmert den Playern so langsam…
Und vielleicht ist es zu spät, vielleicht sind die sozialen Explosionen näher, als wir alle denken.
Die Zeltlager in Spanien oder am Alex in Berlin waren ja noch Folklore. Die Demonstrationen in Griechenland sind es nicht. Auch in Deutschland wird es unruhiger, und die Demonstrationsbewegungen rund um “OccupyWallStreet” weiten sich zu einer linken Tea-Party-Bewegung aus – nur ist zu befürchten, dass irgendwann der Kanal zu schmal wird, durch das die Obrikgeit die Proteste fliessen lassen will. In den USA taucht schon der Gedanke an die Nationalgarde auf…
Das alles kann man noch diskutieren, wie man Wetterprognosen handhabt. Man kann schwarz sehen oder nur hellgrau. Niemand vermag zu sagen, wie es genau kommen wird, aber manche verdienen viel Geld damit, dass sie vermeintliche Lösungen verkünden.
Was mir wirklich Kummer macht, sind die Beobachtungen, die ich im geschäftlichen Umgang mache:
Wie soll eine Geschäftsbeziehung noch funktionieren, wenn Käufer vor Abschlüssen Formulierungen in den Raum stellen, mit denen man sich der Vermutung ausgesetzt sieht, ein Lügner zu sein? Was wird, wenn auf objektiv in Indizes nachprüfbare Kriterien wie exorbitant gestiegene Rohstoffpreise nur lapidar entgegnet wird, anscheinend hätte man den eigenen Einkauf nicht im Griff? Das ist, mit Verlaub gesagt, etwa so, wie wenn man dem Wettermorderator das schlechte Wetter vorwerfen würfe.
Natürlich sind die Hebel einseitig verteilt. Die Siege, die hier aber erfochten werden – Preise runter statt rauf – sind aber Pyrrhus-Siege. Für den Stärkeren wird früher oder später nicht mehr mitgedacht werden. Wenn ich heute höre, eine Kunden-Lieferantenbeziehung funktioniere nur als Win-Win-Situation, dann hat diese Aussage noch Gehalt fürs Theoriebuch.
Die aktuelle Entwicklung wird nicht aufzuhalten sein. Der Konsument am Ende der Kette aber, der scheinbar profitiert, bezahlt für ein bisschen mehr Konsum einen teuren Preis. Dazu aber gibt es in den nächsten Tagen einmal mehr zu lesen. Jetzt, wie gesagt, mag ich definitiv nicht mehr…
