Kleine Anmerkungen zur Toleranz
Toleranz wird oft eingefordert – aber was daran ist wirklich Akzeptanz, und was bleibt nur dank Gleichgültigkeit möglich – oder ist ein reines Lippenbekenntnis?
Toleranz bedeutet, andere Lebensstile zuzulassen – aber wie nahe vor der eigenen Nase?
Es bedeutet, andere Meinungen zu tolerieren – aber was, wenn sich diese Meinung durchsetzt?
Toleranz verlangt, auf Grund eines queren Äusseren nicht auf innere Werte zu schliessen – aber verlangt es auch, das Störende vor der eigenen Nase zu dulden?
Toleranz ist ganz offensichtlich ein Begriff, eine Haltung, die Arbeit verlangt. Nehmen wir den Anspruch ernst, so haben wir alle von dieser Art Arbeit noch eine Menge vor uns. Das ist völlig natürlich, denn unser aller Leben hat eine Orientierung, und zu ihr gehören Massstäbe, welche die eigene Richtungswahl erleichtern. Toleranz ist denn auch eine Aufgabe einer jeden Gesellschaft: Sie muss definieren, was in ihr genehm ist, und was sie ausschliesst. Und Grenzen kennt jede Gesellschaft. Sie kann nur tolerant gegenüber jenen sein, welche für diese Gesellschaft auch etwas beisteuern oder ihr zumindest nicht schaden wollen und ihre Grundregeln akzeptieren. Toleranz ist also auch immer eine Idee, ein Wertgefüge, das nicht starr in Grundfesten verbleibt, sondern sich wandelt – was bleibt, ist die Aufgabe, die innere Position gegen die in mir aufschäumende Intoleranz.
Toleranz zu erfahren, ist etwas Wunderbares: Ich bin anders als Du, als die Mehrzahl. Und das ist in Ordnung? Das ist wunderbar. Willkommen zu sein – das ist Annahme, die im Grunde über die Toleranz hinaus geht. Eine gleichgültige Gesellschaft ist wertfreier als eine konservative – aber das ist kein Gütesiegel.
Est gibt übrigens wenig, das herrlicher zu erleben ist, als eine wertkonservative Gesellschaft, die in ihrer Mitte Exotisches duldet, im von mir aus auch leicht gequälten Versuch, den Verschrobenen leben zu lassen, da Mann und Frau gerade weiss, dass man selbst sehr wohl seine eigenen Zicken und knorrigen Hirnwindungen hat. Regeln fürs Zusammenleben werden da zum gemeinsamen Konsens, unter dem diese Toleranz erst möglich ist – und die Regeln einheitlich angewandt werden können, manchmal auch in einem Lernprozess.
Erst da, wo die Toleranz nur die Vorstufe jedes möglichen neuen Miteinanders ist, wird aus ihr ein Lohn für Alle.
