Ihr könnt nicht mehr, Ihr müsst nicht mehr
Ein kurzer Versuch, am Ende eines aufwühlenden Tages, mit offen zu Tage tretender Hilflosigkeit nächster Angehöriger umzugehen.
Wir sind leer, wir sind müde, wir sind – jenseits aller Attitüde und Dramatik – fassungslos. Hilflos würde es wohl besser treffen, denke ich. Nicht mal beschreiben kann ich es so, dass ich wenigstens subjektiv finde, es passt:
Ihr könnt nicht mehr allein leben. Seid restlos überfordert. Habt Euch störrisch gegen Hilfe gewehrt. Jahrelang. Habt gewurstelt und Euch durchgemogelt und auch für Euch selbst den Schein gewahrt. Nun sitzt Ihr da, zweimal Elend in gebeugten, ausgemergelten Körpern. Und sagt: Ihr könnt nicht mehr. Natürlich wissen wir es, und haben auch längst Notwendiges organisiert, angeleiert, im Hintergrund vorbereitet. Und uns dabei nicht gut gefühlt. Gebangt haben wir, wie viel Streit mag es geben, wie viele böse Worte? Wie alle oder zumindest viele greise Menschen habt Ihr Angst, bestohlen zu werden. Woher nur kommt diese so quälende Angst, dieser Ausdruck totaler Überforderung und Desorientierung? Werdet Ihr endlich Hilfe annehmen, in der eigenen Tochter die Wegschafferin sehen, die Euch nur versorgen will, oder werdet Ihr die Sorge erkennen?
Ihr habt uns geöffnet, und mit grossen Augen angeschaut. Ihr dauert uns in Eurer Hilflosigkeit. Und gleichzeitig sind wir dankbar, dass da noch so viel Licht und Herz ist in nie voraussehbaren Momenten, dass Ihr zum Ausdruck bringen könnt, dass Ihr tatsächlich Hilfe darin seht, dass wir uns einmischen wollen, müssen, dürfen.
Kinder, junge Generationen stehen immer in einem besonderen Verhältnis zu den Älteren, und man mag sich noch so emanzipieren wollen und können – wenn sich alles, was man teilte, was einte und entzweite, am Schluss rückführen muss auf beschattete Momente, in denen nach langem immer gleichem Fragen für einen Moment verstanden wird, bevor die Wirrung wieder Schatten wirft, dann dauert Ihr uns und wir zittern innerlich, dass vor diesem Verfall so manche Chance verpasst wurde, von Euch abgelehnt wurde, die es Euch hätte so viel einfacher machen können.
Aber wir sind da, wir können nun handeln, können begleiten und fachlich geschulte Hände und Seelen bemühen, die Euch aufnehmen und umsorgen, auf dass so einfachte Dinge wie warme Mahlzeiten und saubere Betten hoffentlich so viel Wohlgefühl auslösen, dass ein kleines Bisschen Glück durch Eure Gemüter fliesst – und Ihr Euch erholt. Und ich möchte allen Lesern zurufen:
Ihr noch nicht so ganz Alten und Ihr nicht mehr ganz Jungen – redet mit Nachdruck mit einander und findet ehrliche Pläne fürs Altwerden. Wir lassen uns immer raffinierter warten und checken und ersatzteilen, schliessen Spitex und in jedem Fall das Altersheim als Möglichkeiten aus, reden von selbstbestimmtem Wohnen im Alter und alles klingt so wunderbar eigenverantwortlich und würdevoll – bis der Punkt erlangt ist, in dem wir uns selbst nicht mehr richtig einschätzen können, und es so scheint, als hätten wir uns nichts so sehr erhalten wie die Störrigkeit gegen jeden fremden Einfluss von aussen. Wir können selbst.
Sie lesen das nun und verstehen genau, und Sie werden es bestimmt anders machen wollen. Das galt und gilt für uns auch und für unsere Lieben. Aber den richtigen Zeitpunkt zu erfassen, in dem man einen vorbeugenden Schritt machen muss, um so viel Hilfe zuzulassen, wie nötig ist – das lernt man in unserer Gesellschaft nicht gerade leicht. Und wenn die entsprechende Kommunikation zwischen den Generationen nicht möglich ist, weil das Thema so heikel ist, dann fällt das Wort von den starken Persönlichkeiten. Bis diese Personen eines Tages als Häuflein Elend vor einem sitzen.
![]()
