Heimatgefühl - ganz unkitschig
Ferien in der Heimat. Heimat? Im Grunde ist schon der Eintritt in eine Gegend mit eigenem Cachet eine Gastreise, mag sie auch noch fast vor der Haustüre liegen. Und so war ich heute einfach Tourist mit Eingeborenen-Ahnung: Ich habe diese Landschaft vor der Nase. Nehme ich sie nicht wahr, bin ich selberschuld…
Mein erster Ferientag. Wir bleiben daheim, haben wir gesagt, aber wir nehmen uns vor, dieses Daheim und die Gegend um unser Daheim ein Stück weiter zu entdecken. Denn es ist ja leider schon so, dass wir schon bald einmal, wenn wir unseren Bewegungsradius auf mehr als eine Stunde Autofahrt ausdehnen, zu Touristen im eigenen Land werden. Und was soll ich sagen? Sollten Sie es noch nicht selber wissen: Die Schweiz ist schön, Sie ist sogar ausgesprochen schön, und es gibt bei uns auch viele sehr nette Menschen. Mal sehen, ob ich es, ganz spontan, mal für den heutigen Tag zusammenbringe, in aller Kürze und dafür entsprechend dicht gedrängt:
Eine Autofahrt ins Appenzellerland, während der wir immer wieder das Voralpenpanorama vor der Windschutzscheibe haben, als sässen wir im Kino, während an der Seitenscheibe die Ausläufer des Zürichsees vorbei huschen. Viele speziell heraus geputzte Schindelhäuser, viele mit Blumenschmuck. Geschäftiges Treiben darum herum, so dass man keinen Moment auf den Gedanken kommt, dies wäre nur ein Tourismus-Ballyhoo nach Ballenberg-Art. Nein, es ist einfach ein Stück gepflegter Alltag im Tagesablauf von Menschen, die meist noch ihr Brot mit ihrer Hände Arbeit verdienen.
Dann beginnt unsere Wanderung – und leider schon bald der erste knackige Aufstieg. Wir kommen schwer in die Gänge, empfinden bald schon den eigentlich kühlen Waldschatten als affige Hitze, aber es hilft nicht, weiter geht’s, immer aufwärts, bitte schön, auf wunderbar gepflegten Wegen, das muss ich sagen. Aber die Stufen gehen in die Oberschenkel…
Und dann? Blumenwiesen, der Säntis weit vor uns, Frühlingspracht und Schneefelder auf einem Bild, der Senn, der uns Ziegenkäse fürs Picnic verkauft, ein See, der sich in allen Blau- und Grüntönen vor der Seele ausbreitet. Seit ewiger Zeit ist es im Grund sehr still um uns. Wir hören nur Vögel zirpen, Kühe muhen, und dann, am See – Alphörner. Es ist wirklich fast kitschig, aber einfach Zufall: Am Seealpsee trägt das Echo weit, und gleichzeitig ist es gedämpft, so dass die tiefen Klänge der Alphörner sich nicht verzerren. Mann und Frau stehen da, erst gemeinsam, dann spielen sie sich die Melodien zu, übers Wasser. Es ist einfach nur schön.
So kann der Gässkäs, wie der Senn seinen Ziegenkäse nennt, einfach nur bestens schmecken. Der Weg um den See ist ein Spaziergang, der folgende Aufstieg wieder eine Herausforderung für uns untrainierte Städter. Aber wir lassen uns Zeit, um dann im Bergrestaurant Aescher das beste Panaché seit ewigen Zeiten zu mixen und zu trinken, als wären wir Kühe, die endlich zur Tränke gefunden haben. Nette Leute unterwegs, die auch schwitzen – meistens aber sind wir allein.
Stufen auch beim Abstieg. Viele Stufen. Als wir endlich unten sind, spürt Thinkabouts Wife nichts mehr. Das ist gut. Der Muskelkater kommt morgen. Aber: Wir haben uns für alles genug Zeit eingeplant, uns nicht überschätzt – und sind auf Schritt und Tritt mit vielen wunderbaren Momenten belohnt worden. Da schmeckt der Coupe zum Abschluss erst recht!
Sich so einen Tag gönnen dürfen, wie schön! Aber nein, das ist falsch: Gegönnt haben wir uns die Wanderung, die Zeit, den Tag. Wir haben ihn geplant und angegangen. Was wir dann erlebt haben, war einfach ein Geschenk.
Die Schweiz ist schön. Jede Umgebung, jeder Fetzen Natur kann uns zur gleichen Aussage verhelfen. Und alles, was wir schaffen, als Arbeitsleistung oder als Kunst(hand)werk, wird aus der Harmonie mit unserem Menschsein geboren – oder aus unseren inneren Widersprüchen in diesem Verhältnis.

FÜR VERGRÖSSERUNG AUFS BILD CLICKEN
Mehr Bilder gibt es in den nächsten Tagen, denke ich. Die Galerie wird dann erweitert, oder es gibt einen Link ins Fotoalbum.

