Mein Schreiben. Täglich.

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Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Goldene Bronze

∞  19 Februar 2007, 19:51

Vierzehn Jahre fährt er nun im Ski-Weltcup. Immer ist er uns aufgefallen und lieb geworden durch seinen unbändigen Einsatz und Willen, seinen kraftvollen Stil und seine urwüchsige Sturheit. Immer wieder war Didier Cuche ein sicherer Wert, aber auch oft unglücklich knapp Zweiter oder Vierter.
Letzte Saison wurde es still um Didier Cuche. Die Knieverletzung vom Jahr zuvor schmerzte. In jedem Training, in jedem Rennen. Er gab nicht auf. Aber er fuhr hinterher. Der Metzger (jetzt konnte man von seinem Beruf überall wieder lesen…) war mit der Brechstange unterwegs, immer bemüht, die Schmerzen zu verleugnen. Wenigstens in seinen Augen fuhr er hinterher. Wir waren froh, hatten wir in ihm wenigstens einen Platzfahrer. Denn es stand nicht gut ums Schweizer Team. Seit vielen Jahren schon war das so.

Cuche hatte und hat nicht mehr viel Zeit. Er grübelt. Er pröbelt. Und entschliesst sich Ende Saison zu einem radikalen Schnitt: Er wechselt die Ausrüster. Und erfährt, dass er durchaus auch in seinem Alter noch gefragt ist. Neuer Elan, neuer Mut – und dazu kommt die Erfahrung, das Glück, das Erleben, wie schön es ist, schmerzfrei Ski fahren zu können. Denn das will er weiterhin. Jetzt weiss er auch wieder, wie sehr er das liebt. Und er übt den Sport wieder mit Freude aus.

Und so läuft es denn diese Saison besser. Viel besser. Aber Cuche wird auch jetzt vor allem Zweiter oder Vierter. Jeweils nur um Hundertstel geschlagen oder am Podest vorbei. Doch Didier lacht. Er lässt sich nicht beirren. Er freut sich, dass er da ist, wo er nun wieder steht. Und geniesst. Und kämpft weiter.

Er fährt, dank seiner Konstanz, als Leader im Abfahrtsweltcup nach Schweden an die WM. Die Geschichte schreibt das gleiche öde Kapitel weiter. Cuche fährt in seinen Paradedisziplinen Abfahrt und Super-G knapp an den Medaillen vorbei. Es wird etwas stiller um ihn, aber er behält die Ruhe. Dann kommt der Tag des Riesenslaloms. Seine schwächste Disziplin. Nach dem ersten Lauf ist er Siebter.

Im zweiten Durchgang bolzt er mit Kraft aber auch mit feiner Technik, aber absolut am Limit auf Rang zwei. Aber noch stehen zwei Fahrer oben. Die ersten drei des Zwischenklassements stehen im Zielraum und warten auf die Konkurrenten. Cuche kniet im Schnee, vornüber gegen die Ski gebeugt, als wäre er an sie genagelt worden…
Dann die Erleichterung. Das Rennen ist vorbei und Cuche ist Dritter. Nach vierzehn Jahren an der Weltspitze gewinnt der Mann zum ersten Mal eine Weltmeisterschafts-Medaille.

Im Sport werden in wenigen Karriere-Jahren Hochs und Tiefs in einer Intensität durchlebt, die im Lichte der Öffentlichkeit oft Sinnbild sind für das, was Erfolg ausmachen kann – und für die Relativität, die ihm auch innewohnt. Und Menschen, die ein sichtbares Tief so beispielhaft überwinden, und immer wieder aufstehen, mobilisieren die Massen gerade dann, wenn sie am Ende aller Entbehrungen durch die eigene Rührung begreiflich und fassbar machen, was ein erreichtes Ziel bedeuten kann. Cuche hat sich seiner Tränen nicht geschämt. Und er durfte den Erfolg mit allen teilen: Denn es gab keinen, schon gar keinen Konkurrenten, der ihm die Medaille nicht gegönnt hätte. Und das Schönste: Jeder wollte ihm das auch sagen. Und so durfte Didier Cuche die tollste aller Wertschätzungen erfahren: Neidlose Anerkennung der echten Fachleute – seiner Gegner.

Das Bild zu diesem Blog-Eintrag verdeutlicht wunderbar, was dieser Moment für Cuche bedeutete, als er im Zielraum wusste: Bronze kann mir nicht mehr genommen werden.
Chapeau, Didier.