Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Gestern ist lange her

∞  18 April 2007, 20:46

Wir waren irgendwie gehetzt. Egal was anstand, zu tun war, unerledigt auf uns wartete, unerheblich, ob das viel oder wenig war – wir hatten keine Balance, waren unruhig und unzufrieden. Es spielte keine Rolle mehr, wie die Dinge standen, sie liefen einfach so aus dem Ruder. Wir mochten nicht mehr paddeln, uns mitdrehen, wühlen und graben, einkaufen, dass der Kühlschrank voll wurde, Briefe schreiben, damit die “To-Do-List” kürzer wurde.

Wir wollten wieder einkaufen, um uns was Feines zu kochen und Briefe verschicken, weil wir jemandem was sagen mochten. Wir wollten das Essen geniessen und dahinter nicht den Abwasch sehen und wir wollten so viel Zeit haben, um den Briefen noch zusätzlich gute Gedanken nachzuschicken. Wir wollten Zeit zurück gewinnen. Und in dem, was wir tun, nicht länger das Gefühl haben, dass wir sie hierbei verlieren.

Also haben wir ein paar Dinge in unserem Leben umgestellt. Die noch immer allzu oft versteckt gebliebene Unruhe gebärdete sich anfangs wild, der Körper nutzte die angebotene Rast zu einem gründlichen Klagen. Unser Verstand wollte und konnte das verstehen, aber wirklich begreifen? Allmählich aber feiern wir neue Feste im Alltag, lernen wir neu die Geduld üben, denn die vorhandene Zeit wird nicht unbedingt weniger, wenn Pläne sich nicht erfüllen.

Und so staune ich je länger je mehr mit kindlicher Freude über unseren Alltag.
Wie ich mich mit simplen Umstellungen schwer tue. Wie freie Minuten, die mit Stunden drohen, erst angenommen werden müssen. Und wie verführerisch und dabei rein dieses Angebot ist.

Nun kaufen wir ein wie immer zuvor. Aber im Dorf. Wir leben hier. Wir arbeiten nicht vor allem wo anders. Wir schlagen Wurzeln. Ein Haus, in dem wir wohnten, wird ein Daheim. Wenn wir länger brauchen, um etwas zu finden, zieht uns das keinen Nerv. Wer sagt denn, dass die Zeit im Supermarkt schlechter sein muss als diejenige irgend wo anders. Zeit wird immer erst durch unsere Stimmung beliebig und flüchtiger, als sie eh schon ist oder scheint.

Ich habe noch immer eine Telefonrassel am Hosenbund – und es kann mich gerade dann stupsen, wenn ich alles andere in der Hand oder im Kopf habe, als ein Telefongespräch mit einem Hosentelefon zu führen. Egal. Gleichmut kann sich wunderbar einprägen. Und muss nicht mit Gleichgültigkeit verwässert werden.

Mir war mein morgen folgender Tag noch selten so wenig gleichgültig wie gerade heute oder gestern oder morgen. Und gleichzeitig übe ich mich darin, mir den Gedanken an morgen zu sparen und ihn dem Augenblick zu schenken.

Wie habe ich es genossen, diese Zeilen schreiben zu dürfen, ohne einen Gedanken an Minuten zu vergeben, die mir für anderes fehlen könnten!