Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Geschafft ist es bis zum Ende nicht

∞  23 September 2012, 19:08

Prüfungen erwarte bis zuletzt.

Johann Wolfgang von Goethe


Mehr als die Hälfte Wegstrecke ist geschafft. Das Leben ist ja ein Pfad, an dessen Ziel ein Ende steht. Also könnte man darauf wandeln in der festen Absicht, diesem Ende bitte womöglich beständig auszuweichen; und so sind wir ja auch angelegt. Alle unsere Ängste, alles in uns will Eines zuallererst: Überleben. Davonkommen. Weiter machen können.

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Glaube, ob an sich selbst und (oder) eine begleitende, behütende oder bestimmende Macht, ist Teil der Ausrüstung für unseren Lebenspfad, und manchmal höre ich Menschen sagen, sie könnten nicht mehr an diese Fügung glauben, weil sie Leid erlitten haben, das ein liebender Gott seinen Schutzbefohlenen doch nicht zumuten würde. So, als wäre Gottes Beistand eine Garantie, vor Leid gefeit zu bleiben. Und tatsächlich höre ich mich selbst beten für meine Liebste, meine Freunde, meine mir bekannten zugeneigten Seelen. Ich wünsche Ihnen Wohlergehen, Gesundheit, gutes Auskommen, Sorgenlosigkeit. Diese Wünsche werden nicht in Erfüllung gehen, nicht immer, jederzeit und für alle. Ich weiss. Wir alle wissen es. Und verstehen Freundschaft als Beistand für diese Menschen, gerade in Situationen, in denen sie verletzbar werden oder schon bedroht sind. Meist trauen wir uns eine solche Rolle eher dann zu, wenn sie für andere geleistet werden soll, als wenn es darum geht, uns selbst durch eine Not zu tragen.

Dabei gibt es einen Leitspruch, den ich mir früh gemerkt habe:

Niemand weiss, wie weit seine Kräfte gehen, bis er sie nicht versucht hat.

Ich könnte auch schreiben: Bis er sie nicht versuchen musste…

Tatsächlich erbitte ich mir von meinem Gott nicht, zumindest nicht in starken Zeiten, Verschonung von Krankheit oder Misserfolg. Aber ich bitte sehr wohl darum, Blick, Gefühl, Weisheit und innere Bereitschaft dafür aufzubringen, mit jeder sich mir stellenden Situation so umgehen zu können, dass ich mich ihr öffne und ich an ihr wachsen kann. Dann ist eine Schicksalsfügung in dem Sinne eine Prüfung, wie man sie ganz unmoralisch verstehen und annehmen kann: Eine Lektion, eine Aufgabenstellung, eine Herausforderung, ein Lehrblätz, ein Weg, auf dem ich erfahre, was ich von dem anwenden kann und darf, was ich zuvor vom Leben schon lernen durfte: Wenn es mir gelingt, die Vorstellung, wie lang mein Leben zu dauern hat und was es mir noch bringen muss, abzulegen, dann kann ich mich dem widmen, was es mir gerade jetzt oder morgen zeigt, rät, vorgibt.
Ich kann den einzigen Schulmeister, den es wirklich gibt, akzeptieren: Das Leben ist ein Pfad des Lernens, und jeder Tag ist neu. Wie viele es davon gibt, und was es damit auf sich hat, dass die einen sehr Viele davon bekommen und andere ganz Wenige – ich werde es auf diesem Weg nicht erfahren. Ich kann einfach lernen, mich während meiner Wanderung nirgends anders hin zu wünschen und mir den Weg nicht länger oder kürzer zu denken – und ich kann mit meiner Müdigkeit wie mit meinem Übermut besser umgehen, wenn ich sehe, dass ich zu guter Letzt eine Müdigkeit kennen lernen werde, in der ich los lassen kann oder muss, was immer mir lieb und teuer ist.

Diese Fülle an Gründen meines Wohls so zu behandeln, dass ich sie als Geschenk begreife, als Leihgabe, ob Mensch oder Ding, ob Annehmlichkeit oder Mühsal, das ist wohl das Geheimnis, und vielleicht helfen die angehäuften Jahrzehnte ja dabei, weniger neue Steine in den Rucksack zu laden und auf jene Bergführer zu hören, die es gut mit einem meinen.