Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Gefallen, und auch diesmal wieder aufgestanden

∞  17 Dezember 2012, 17:27


istockphoto.com/Imagesbybarbara: “Fallen”

Meine Mutter ist im Dunkeln ausgerechnet über einen Pylon, einen dieser rot-weissen Warnkegel gestolpert und dabei aufs Gesicht gefallen: Nase gebrochen.

Die Art und Weise, wie sie das in ihrem hohen Alter weg zu stecken versucht und mit mir die Weihnachtsfeier besucht hat, bewundere ich sehr. Sie kann wirklich sehr eisern sein.

Leider hat die
Abschrankung und der
freundliche Herr gefehlt…

Aber natürlich war das für sie ein Schock, ein Schlag gegen das Bemühen, die eigene Unsicherheit im Alltag beim Gehen immer wieder zu überwinden und eben doch vor die Tür zu gehen. Wir alle können uns nicht vorstellen, wie es ist, wenn der kleine Einkauf im Volg oder die tägliche Körperpflege eine Unternehmung wird – statt etwas, das wir, meist mehr oder weniger gedankenlos, so nebenbei erledigen. Die Welt wird klein im Alter, und die kleinen Aufgaben werden wieder zu Herausforderungen. Wenn dann so etwas passiert und der Kopf noch wach genug ist, um sich sogleich danach zu fragen: Wie kann mir so was geschehen?, dann ist das schwer. Alte Menschen, die ich auf meinen Spaziergängen immer wieder antreffe, wie sie Fuss vor Fuss langsam setzend mir auf offenem Feld begegnen, haben meinen grossen aufrichtigen Respekt. Sie erbringen Willensleistungen, die ich selbst tagelang oder wochenlang nie in ähnlichem Ausmass erbringen muss. Dabei geben sie uns ein Beispiel. Leider sagen wir es ihnen viel zu selten, teilen wir ihnen nicht mit, dass sie mit ihrer Haltung eine Inspiration für uns sind.

Wenn meine Mutter mit zerschlagenem Gesicht bei der Weihnachtsfeier sitzt und den Kopf leicht zur Seite neigt, dann schmerzt es mich, sie so verletzt zu sehen. Es ist, als würde ihre Verletzung für das ganze Elend, welches das Alter bereithalten kann, stehen, und ich fühle körperlichen Schmerz im Mitgefühl für sie. Dabei hatte ich es mir nach der Schilderung des Unfalls noch schlimmer festgestellt, aber der Anblick und die Verletzlichkeit, die darin zum Ausdruck kommt, rührt mich ganz tief drinnen an. Zum ersten Mal singe ich an der Weihnachtsfeier kräftig die Lieder mit, weil ich merke, wie sie neben mir lauscht und den Kopf zu meiner Seite legt, und es ist mir herrlich scheissegal, ob es “richtig” klingt – ich bin höchst unmusikalisch – wir feiern einfach Weihnachten und damit ihren Triumph, auch hier und jetzt gerade dem elenden Alter ein Schnippchen zu schlagen. Wir treten dem Kobold ans Schienbein, der sie hat stürzen lassen, und ich freue mich über das Personal, das sich sehr herzlich um meine Mutter kümmert.

Glück im Unglück. Das sagt sich so leicht. Man kann mit der Fügung hadern bis zur Selbstzerstörung, und mancher hätte wohl Grund dazu – auf jeden Fall will ich das niemandem absprechen, der es schwerer hat als ich – oder schwerer daran trägt. Wir erleiden Verletzungen, bewusst zugefügt, durch Nachlässigkeit möglich gemacht, durch Pech uns treffend, womöglich immer wieder ganz besonders uns. Und doch machen wir immer das, was auch meiner Mutter gelang, nach einer gewissen Zeit am Boden: Wir stehen auf. Mit Hilfe, oder, hol’s der Teufel, auch ohne. Wir fragen uns manchmal, für was das alles gut sein soll, noch weiter gehen soll, aber wir stehen auf, um einen nächsten Fuss vor den andern zu setzen. Dieser innere Antrieb kann etwas Trotziges haben, in dessen Stimmung wir sogar die Anteilnahme von uns weisen, er kann aber auch begleitet werden von seelischer Not, indem erst die Sorge der Mitmenschen einem offenbart, wie sehr man diesen Zuspruch braucht.

Ein Pylon am falschen Ort kann uns aber genau so bestimmt sein wie der Zuspruch danach, die Hilfe in der Not, die Erfahrung, sich Weihnachten nicht nehmen zu lassen und das Ereignis im üblichen Rahmen neu wahrzunehmen, als plötzlich genau so gewünschter Festanlass.

Sich helfen lassen – manche Menschen, die ihr Leben lang gelernt haben, dass es auf ihren Willen ankommt, auf ihr Funktionieren, auf die Erfüllung der familiären und geschäftlichen Pflichten, tun sich damit unheimlich schwer. Aber manchmal treffen sie auf Betreuer, die an der abwehrenden Hand vorbei und im Ton der abschwächenden Aussage erkennen, dass Zuspruch gebraucht wird. Für die Seele, die jedem brennenden Schmerz einer Hautschürfung die Zuversicht entgegen hält, dass die weitere Fügung nichts fordern wird, was nicht verkraftet werden kann.