Europa hat keine Sprache
Ein geeintes Europa. Wie sehr ist es Illusion?
Ich kenne niemanden, der den Kontinent Europa nicht interessant findet, und, so er Europäer ist, Westeuropäer zumal, nicht findet, dass er privilegiert geboren ist. Und ganz bestimmt gehört auch die kulturelle Vielfalt, die wir auf relativ kleinem Territorium antreffen können, zu den mit schönsten Begleiterscheinungen dieses Kontinents.
Wir sind, denke ich, alle in diesem Sinne Europäer, dass wir gerne Nachbarn sind – von Völkern mit unterschiedlichsten Mentaliten, Geschichten und – vor allem auch Sprachen.
Es ist schön, bereichernd, exotisch, diese Vielfalt zu erleben, und dafür offen zu sein, beschert einem wunderbare Erlebnisse und einen Reichtum, der im Verbleib der eigenen Grenzen niemals zu erahnen ist. Aber es ist ein Unterschied, ein riesiger Unterschied, gute Nachbarn sein zu wollen, oder ein Kontinent mit einer einheitlichen politischen Grundstruktur. Und ich denke, dass die grosse Idee des geeinten Europas eine begeisternde Idee ist, ein ehrlicher Wunsch, aber auch eine noch lange naive Utopie. Zu unterschiedlich ist die Geschichte der einzelnen Staaten, und zu klein ist der politische Wille, wirklich nationale Identität abzugeben – weil es dafür zu wenig europäische Identität gibt, die man eintauschen könnte. Das grösste Handicap, das dafür besteht, ist keines, das politisch zu beseitigen wäre: Es ist die Vielfalt der Sprachen, die gesprochen wird. Auch wenn sich Englisch als Weltsprache immer mehr verbreitet – so viel an Gefühl, Identität ist mit der Sprache verwoben, dass es für ein Zusammenwachsen ohne dieses Element viel mehr Zeit braucht.

Dass der Weg viel weiter ist, als ursprünglich angenommen, und dass die wirtschaftliche Idee nicht von politisch flankierenden Strukturen getragen wird, sieht man an der Einführung des Euro: Die gemeinsame Währung wollten alle, weil es der Turbo für die Entwicklung der Handelsbeziehungen sein konnte – und auch war. Aber niemand wollte auch die Regularien für eine gemeinsame Währung einführen – eine Finanzpolitik, die Länder übergreifende Währungspolitik hätte betreiben können, die auch Eingriffe in die Souveränität der einzelnen Länder eingeschlossen hätte. Wir funktionieren in letzter Konsequenz alle weiter als Nationalstaaten, und den wenigsten kommt über die Lippen, dass sie Europäer sind – sie sind erst mal Deutsche, Franzosen, Italiener, Briten, Polen, und schlecht daran ist nur, wenn man das negiert und ein Tempo anschlägt, das die Völker im Herzen nicht mitgehen können und wollen.
Für die meisten aber gibt es in erster Linie eine europäische Verwaltung, die als Bürokratie wahr genommen wird, und einen Euro – und eine nationale Souveränität. Das Erfordernis der Einstimmigkeit bei EU-Beschlüssen unter den Mitgliedstaaten schützt diese Souveränität vordergründig. Sie verhindert aber auch, dass sich die Mitglieder wirklich konkrete Gedanken über die Prozesse der Meinungsbildung auf europäischer Ebene machen – was bei verbindlichen Beschlüssen durch Mehrheiten sehr schnell erforderlich würde. So aber regiert die Macht des Faktischen, und die hat mit Demokratie, wie sie die einzelnen Staaten kennen mögen, nichts zu tun.
Europa braucht Beschäftigungsprogramme für Europa, konkrete, sachliche, vielleicht interventionistische Eingriffe gegen die Jugendarbeitslosigkeit. Wenn aber nicht die Zeit ist für grundsätzliche Debatten über die politische Tiefe der EU, dann ist jetzt auch nicht die Zeit, diese durch weitere neue Mitglieder noch grösser werden zu lassen.
Und vielleicht, ja vielleicht ist tatsächlich die Wirtschaft, vorab die Güter produzierende Industrie, in der Lage, mit besonderen Efforts das Problem konkret anzugehen: Nestlé hat die Schaffung von zwanzigtausend neuen Arbeits- und Ausbildungsplätzen für die Jugend in Europa angekündigt.
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