Es ist nur ein Tennismatch
Wettkampf ist Wettkampf. Auch wenn es nur um die goldene Ananas geht: Was uns welchen Druck macht und welche Strategien wir dagegen entwickeln, oder eben nicht, ist ganz individuell.
Druck ist ein sehr subjektiv wahrgenommenes Problem – und dagegen gibt es die unterschiedlichsten Strategien. Nirgends lässt sich das so gut beobachten wie im Sport. Am besten noch in einer Sportart, bei der ein Ball im Spiel ist, der sich manchmal so schlecht beherrschen lässt, und bei dem doch ziemlich viel von einem selbst abhängt. Also zum Beispiel in einem Tennisdoppel.
Ich konnte heute in einer Interclub-Begegnung dieses Phänomen sehr gut studieren. Es stehen für unsere Farben zwei Teams auf dem Feld, in denen jeweils alle vier sehr gut Tennis spielen können. Auf jeden Fall beherrschen alle Schläge, die ich mir nur im Traum für mich selbst so ausdenke. Beide Teams haben auch Gegner, die auf Augenhöhe mit ihnen sind, die Ausgangslage ist also zumindest offen, auf jeden Fall für niemanden hoffnungslos. Nun passiert folgendes:
Auf beiden Plätzen gibt es den Druck, das Spiel gewinnen zu können. Auf Platz 1 ist es eher ein Druck, die Erwartung erfüllen zu müssen, weil man doch eher stärker einzuschätzen ist, auf Platz 2 die Erwartung an sich selbst, eine Überraschung schaffen zu können.
Auf Platz 1 wird gescherzt, auch mal laut kommentiert, gelacht, ein Spruch riskiert, alle Bewegungen wirken rund, die Schläge werden durchgezogen, die Schwünge wirken nicht abgewürgt. Die Atmosphäre ist auch unter den Gegnern entspannt, man konzentriert sich auf den Punkt, gibt sein Bestes, und das wars.
Auf Platz 2 können auch alle Tennis spielen. Auch hier respektiert man den Gegner, aber alle sind nervös und stecken sich gegenseitig an. Es werden Bälle verschlagen, die ich so noch nie im Training gesehen habe, Volleys, die ein Blinder wie ich versenkt hätte, segeln ins Aus. Meterweit. Jede Bewegung wirkt ungelenk, dem Ball werden Stossgebete hinterher gesandt, “Hauptsache, du gehst drüber, egal wie”. Es ist kaum zum Zuschauen. Das einzig Gute an der Geschichte: Auch auf Platz 2 herrscht Frieden. Die Partner tun sich in ihrer Unsicherheit nicht unbedingt gut, aber keiner herrscht den andern an. Und über dem Netz geht es den Gegnern genau so.
Was ich nun behaupte, ist folgendes: Der joviale eloquente Spassvogel auf Platz 1 spürt vor dem Spiel nicht weniger Druck als seine Kollegen auf dem Nebenplatz. Er will das Spiel mindestens so sehr gewinnen, wie sie. Aber er reagiert ganz anders darauf – und nervt womöglich mit seiner augenscheinlichen Lockerheit den Gegner doch ein bisschen. Er beeinflusst mit seiner Verhaltensweise das ganze Match –man sieht wenig Schläge, die ohne Vertrauen gespielt werden. Es wird geschlagen, nicht geschubst, der Ball wird getrieben, nicht gestossen.
Alle spielen mehr oder weniger das Tennis, das sie spielen können. Auf Platz 2 aber werden nicht die besseren Spieler gewinnen, sondern das Team, das mit der Verschärfung der Nervenschlacht besser umgehen kann, wenn es einen engen Spielverlauf gibt.
Und danach fragt man sich dann, wie das Einfache so kompliziert werden konnte? Und das nächste Mal? Ist es wieder ähnlich. Menschen empfinden unterschiedlichen Druck und reagieren verschieden darauf. Es ist auch nicht in jedem Fall gesagt, dass es besser liefe, wenn die Kollegen auf Platz 2 so zu tun versuchten, als würde das alles tatsächlich nicht wo wichtig sein.
Wenn sie jeweils drin stecken, in dieser Situation, ist es auf jeden Fall eine Schule für die eigene Persönlichkeit. Und das ist das Faszinierende an der Nebensache Sport, kaum begeben wir uns hinein und ein Ball beginnt zu hüpfen…
