Es ist anders als Indien, aber es könnte hier auch wärmer sein
Ich werde die Tage, ja jede einzelne Stunde, wie es mir heute noch vorkommt, nie vergessen, die S. vor vielen Jahren damit verbrachte, uns seine Stadt Nashik, sein Indien zu zeigen. Und wenn ich heute über unsere Feldwege und durch unsere Strassen gehe, dann frage ich mich manchmal, wie ich seinen Kindern meine Welt erklären würde, ja, was ich Ihnen erzählte, wollte ich sie darauf vorbereiten, was sie hier erwarten würde…
Wir spülen unsere Toiletten mit Trinkwasser. Warum kann ich Dir nicht erklären, es ist einfach vorhanden, Kanalisation und Wasseraufbereitung sind ganzheitlich gefiltert organisiert. Wir haben es eben gerne perfekt, organisiert und aufgeräumt. Wenn wir nach Hause kommen, von einer Fernreise, so geniessen wir Sauberkeit, Komfort, Verkehrswege, die funktionieren, Pünktlichkeit.
Wenn du durch unsere Strassen läufst, dann wirst du das Gefühl haben, durch eine Trabantenstadt zu laufen. In Indien wäre dies ein Zeichen für eine höchst unsichere Gegend, dass sich niemand draussen zeigt. Für uns bedeutet Wohnen eine Geborgenheit, die Mauern braucht, wir meinen damit je länger je mehr eine Unabhängigkeit, die mit einschliesst, auf niemanden angewiesen zu sein. Wir leben sehr oft und sehr viel allein, kommunizieren über Bildschirme.
Wenn wir uns treffen, so müssen wir das organisieren, uns verabreden, Punkte aufsuchen, die dafür gedacht sind. Clubs, Vereine, Geschäfte. Auch sie alle haben irgendwie Mauern.
Mag bei Euch erstrebenswert sein, dass alles besser erreichbar ist, so glauben wir das auch, freuen uns aber eher, wenn wir nicht erreichbar sein müssen. Wir setzen uns der Welt nicht gerne aus.
Natürlich haben wir Jahreszeiten, dieses Jahr waren es wieder einmal wirklich vier Stück, der letzte Winter, Frühling, Sommer und jetzt auch der Herbst in seiner ganzen Pracht und Vielseitigkeit zu erfahren. Und dann gehen auch wir raus, wir gehen spazieren. Wir tun es zu zweit, mit dem Partner, oder auch allein, wir gehen über Felder, Wiesen, durchs Quartier, und da man dabei auch anderen begegnet, aber nie allzu vielen Menschen, kann es vorkommen, dass man einander grüsst, wenn man sich kreuzt. Aber so richtig zusammen ist man eigentlich selten. Das Nichtstun ist in der Regel nicht etwas, was wir teilen. Wir arbeiten zusammen, aber in der Freizeit, da sind wir für uns.
Manchmal wäre es schön, mit dir über unsere Felder zu laufen. Dein Staunen über unsere Natur würde uns die Augen öffnen, sie ganz neu empfänglich machen für Wunder, die eigentlich danach rufen, dass wir sie teilen mögen:
Die Blütenpracht der Fruchtbäume im Frühling, die kraftstrotzenden sattgrünen Wiesen im Sommer mit einer unzählbaren Blumenpracht, der Herbst mit seinen feuerroten und -gelben Laubbäumen im zart warmen Licht,

das sich manchmal mit den aufziehenden Nebeln mischt, und der Winter mit Schnee, der jeden Lärm dämpft und alles in eine kühle Mattigkeit packt, bis die Sonne glitzernde Lichter im Schnee entzündet, Kristalle blitzen und schliesslich schmelzen lässt und den Kreislauf erneut in Gang setzt.
Ja, es tut gut, in Gedanken mit dir an der Hand über die Felder zu laufen, und vor meinem Haus zu stehen. Ich schaue den Menschen direkter in die Augen und lächle ganz selbstverständlich im Bewusstsein des Glücks, den Tag zu erleben. Du lehrst mich das immer wieder. Nichts davon wird den Asphalt vor meinem Haus weg tragen. Keine Grasnarbe zusätzlich wird deswegen wachsen. Aber Mensch sein kann ich dennoch mehr, als es mir gemeinhin einfallen will. Zum Wohl von mir selbst und allen, die mir begegnen.
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