Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Gegen unseren unveränderten Umgang mit Aids

∞  31 Januar 2010, 17:23

Eine der karitativen Organisationen, die ich seit vielen Jahren unterstütze, ist die Aids-Hilfe Schweiz. Grund für mein (finanzielles) Engagement waren dabei nicht zuletzt Reaktionen aus meinem weiteren Umfeld, aus denen ich entnehmen konnte, dass die Versuchung auch bei uns – versteckt – gross war, mit Gedanken von Schuld und Moral Wertungen vorzunehmen und damit Betroffene zu stigmatisieren. Hat das mal begonnen, so bewegt man sich sehr schnell in einem Fahrwasser, das ich höchst problematisch finde:

Ach, Du bist durch eine Blutkonserve angesteckt worden? Jaaaah, wenn ich DAS gewusst hätte. Das ist natürlich etwas anderes…

Entsprechend problematisch finde ich die Kampagne der Aids-Hilfe Schweiz, in der verschiedene bekannte Köpfe eine Art Patenschaft für verschiedene Patientengruppen übernehmen (Mütter, Schwule etc.). Das finde ich höchst bedenklich: Es wird für Unterstützung gegen eine Krankheit geworben, aber es darf unterschieden werden, welchen Kranken das Geld zukommen soll? Haben wir hier eine Art Kotau der Aids-Hilfe vor dem offensichtlichen Umstand, dass jene, welche Spender sind, noch mit ihrer Geldspende urteilen können und dürfen? Das ist doch höchst fragwürdig, zeigt aber auf, wie im Kopf diese innere Haltung verbreitet ist – während die “gesunde” Gesellschaft längst nicht mehr bereit ist, sich für Werte wie Treue oder jede Form von Verzicht einzusetzen, geschweige denn, dass der Einzelne solche Massstäbe an sich selbst anlegen würde.
Es scheint zu gelten: Man möge das Leben geniessen, wie immer man will. Man sollte schlicht einfach nicht so blöd sein, sich von diesem Virus erwischen zu lassen…
Ich kann diese Denke nicht teilen und finde sie einfach abscheulich. Ja, viele Menschen verhalten sich unverantwortlich. Das gilt aber auch für viele andere Krankheiten. Wäre der Mensch an sich ein vernünftiges Wesen, würde es sehr viel Leid gar nicht geben. Jeder Mensch hat aber eine Geschichte, deren äusseren Verlauf, so ich denn wenigstens den wirklich kenne, mich höchstens erahnen lässt, welche inneren Zwänge und Nöte zu dem geführt haben mögen, was heute im Raum steht: Eine tödliche Krankheit. Und ich werde mir nie den Hochmut anmassen, dieses Verdikt einem einzelnen Menschen als verdient zuzuweisen und mich von ihm abzuwenden.
Und dafür, dass möglichst wenige Menschen überhaupt in die Lage kommen, sich solchen Fragen oder Gefahren der Ausgrenzung ausgesetzt zu sehen, möchte ich hier nochmals an ein paar Dinge erinnern:

Seit 2002 liegt die Zahl der in der Schweiz jährlich hinzu kommenden HIV-Infektionen stabei bei rund 750 Fällen – trotz teurer Präventionskampagnen. Rund 25’000 Menschen in der Schweiz leben mit HIV. Es herrscht die Meinung vor, dass es sich mit HIV mittlerweile gut leben lässt, da es ja Medikamente gibt, welche den Ausbruch der Krankheit verhindern. Wie sieht aber die Behandlung wirklich aus?

HIV-Tablettenkuren bleiben nicht endlos wirksam: Die Tabletten müssen täglich eingenommen werden, und selbst wenn keine Nebenwirkungen auftreten sollten: Das Virus gewöhnt sich an die Medikamente und wird resistent. Dann wird eine neue Medikamentenkombination verschrieben. Einige Jahre später wirkt auch diese nicht mehr. Zur Zeit sind etwa vierzehn solche Wechsel möglich, weil es so viele Medikamentenkombinationen gibt. Danach kann man nur noch hoffen.

So schön sind die Aussichten also nicht. Und wer in dieser Mühle steckt, dem ist das rein äusserlich übrigens nicht anzusehen. Auch wenn 20% der deutschen Jugendlichen dies glauben…

Also: Das Leben ist kostbar. Und es bleibt kostbar, gerade dadurch, dass wir einander mit Achtsamkeit, Güte und Respekt begegnen. Auf dass wir als Menschen gesund bleiben, mag unser Körper auch krank oder angeschlagen sein. Gefährdet ist er stets, genau so, wie auch unsere Seele Schaden nehmen kann, wenn wir unsere Herzen verschliessen oder gedanklich die ersten Steine schmeissen, nach welcher Richtung auch immer.