Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Ein paar Schritte in die erste Dunkelheit des Jahres

∞  1 Januar 2010, 19:49

Schon später Nachmittag. Das Licht wird schon fahl. So kann ich das neue Jahr doch nicht beginnen: Mit einem reinen Stubenhock. Also raus. Dass es nieselt, ist egal. Und so laufe ich los, ins Neue Jahr, dem ersten Eindunkeln entgegen. Es ist Schnee angesagt worden. Aber noch ist es kühl, aber der Jahreszeit gemäss eher mild. Es kommt immer auf die Relationen an…

Meine Gedanken wandern derweil in Platitüden gekleidet durchs Hirn: Was das Jahr bringen mag? Was hat wohl was zu bedeuten? Beim Mitternachtsspaziergang gestern schob sich der Mond kurz vor zwölf durch die Wolken. Er fand immer wieder ein Guckloch, um sein Vollmondlicht blaumilchig verschwenderisch hell über die offene Landschaft zu leeren. Dann schoben sich die Wolken wieder vor ihn; und ich weiss nicht, was es für ein Omen sein mag, dass in diesen Minuten in unserem Rücken ein nassschwarzer Fetzen unter der Wolkendecke über ünsere Köpfe schlich… Ich weiss auch nicht, wo dieser Schatten war, als wir uns um zwölf in die Arme namen. Ich weiss nur, dass, als ich mich danach umdrehte, das dunkle Nichts nicht mehr zu sehen war.

Und nun also laufe ich durch unsere Strassen und mustere die beleuchteten Fenster hinter den Hecken und Gartenzäunen. Das blau stählerne Licht der Fernseher leckt an Vorhängen hoch, während die Glühlampenbehagichkeit an anderen Fenstern weich in die Gardinenbahnen fällt. Da und dort ein Schatten, ein Leben, auf den Strassen viel Leere. Man lässt das neue Jahr werden und hält sich raus. Drinnen, daheim, so, wie wir eben zusammen leben oder auch nicht.
Die schmalen Wege, hoch zur Bahnstation, sind eng, trittsicher, aber die Füsse versinken in langen Schatten. Meine Sohlen sehen den Weg, und ich gehe gemächlich, wiege meinen Schritt und lasse meinen Körper pendeln. Ich bin allein. Irgendwann kommt mir jemand entgegen, der kein Gesicht bekommt. Auch er ist allein. Oben bei der Station ist niemand da, der auf einen Zug warten würde. Es ist auch niemand da, der wie ich auf nichts wartet. Ich überquere die Gleise und gehe ein Stück entlang eines jungen Wäldchens, das in den Sturmschlag hinein atmet, den freien Raum, den der Sturm Lothar vor zehn Jahren schuf. Ein paar Baum- und Sträucherspitzen stehen starr im letzten Licht, wie schwarze Scherenschnitte am dunklen Fenster.
Weiter unten höre ich die Räder der Autos auf der nassen Strasse rollen. Zischlaute einer Hetze, die in wenigen Tagen schon die vertraute alte Hektik wieder aufgenommen haben wird.

Im kleinen Einkaufszentrum hocken die vielen beleuchteten Zierchristbäume verloren im Spalier und scheinen es sehr zu bedauern, dass sie nicht mit einander reden können. Nichts wirkt verlorener wie ein Einkaufszentrum am 1. Januar. Natürlich bin ich da genau so Fehl am Platz, aber ich kann wenigstens mit mir selber reden. Ich lasse die Weihnachtsbäume zurück und wandere über die Ebene nach Hause. Am Ort unseres Jahreswechsels regnet sich der Himmel gerade seine Wolken aus. Kein Mond, keine dunklen Fetzen, nur Geniesel und sehr viel mehr gleichmässig verteilte Dunkelheit wie gestern.

Ich friere nun ein wenig und freue mich auf daheim. Auf das warme gelbe Glühlampenlicht hinter den eigenen Vorhängen, auf die Anwesenheit meiner Frau, auf das Fertigen der Teigwaren, für die der Teig schon ruhig gelagert worden ist, auf das Schreiben dieses Textes und den Fruchtteller daneben. Wie viel Luxus steckt doch in kleinen Dingen, und wie wenig bin ich mir dessen bewusst, weil ich sie meist zwar habe, aber nicht erfahre.