Ein Musterprofi auf der Flucht
Ein ausgewiesener Musterprofi wird zum Egoisten – oder ist er nur ein Kämpfer in eigener Sache?
Sport ist längst mehr als die schönste Nebensache der Welt. Insbesondere Fussball, wo wir von einem Massenphänomen mit entsprechendem wirtschaftlichem Profit reden.
Also lässt sich an den Geschichten, die dieser Sport bietet, auch wunderbar zeigen, wo wir heute mit unserer Welt stehen.
Da ist also ein Fussballer, der seit vielen Jahren in Lyon sein Geld verdient und regelmässig zum Gewinn von vier Meistertiteln in Folge beigetragen hat. In dieser Saison ist er nicht mehr ganz so häufig eingesetzt worden. Dann verletzt er sich. Kreuzbandriss. In der Regel bedeutet diese schwere Knieverletzung 6-9 Monate Pause und tägliche Regeneration, je nach Schwere der Verletzung.
Nach fünf Monaten ist der Spieler zurück. Denn er hat ein Ziel: Er will mit der Schweiz an die Europameisterschaft. Zumal man ihm in Lyon gekündigt hat und er weiss, dass man in der neuen Saison auf ihn verzichten will. Patrick Müller braucht die EM, um sich international zu präsentieren, und die Schweiz braucht Patrick Müller, wie nicht nur Köbi Kuhn glaubt, weil er optimal zu Senderos passt und weil seine Erfahrung und sein Spielverständnis enorm sind.
Erfahrung kann sich nicht verletzen. Aber Knochen, Sehnen und Muskulatur brauchen Ernstkämpfe. Nur so stellen sich die Automatismen wieder ein.
Doch in Lyon winkt keine Gelegenheit zum Ernsteinsatz: Es sind zwei Innenverteidiger ausgefallen und der Dritte hat sich erst gesund zurück gemeldet. Trotzdem ist Müller nur als Ersatz für die Bank vorgesehen, doch sein Clubtrainer will sich für den französichen Cupfinal genau so absichern wie Köbi Kuhn, der gleichentags das letzte ernsthafte Testspiel gegen Slowenien bestreitet.
Patrick Müller ist mittlerweile bei der Nationalmannschaft eingetroffen, wie es heisst. Er hat einfach die Koffer gepackt und ist beim Club abgereist. Gegen die Anweisungen seines Arbeitgebers. Dass er dabei nicht zuletzt von Anwälten aus dem Kreis der Nationalmannschaft beraten worden ist und die Bauernschläue eines Kuhn, der zu Aktivzeiten auch so manche Finte zu schlagen wusste, auch eine Rolle spielen dürfte, ist klar.
Was ist jetzt davon zu halten?
Ein im auslaufenden Arbeitsverhältnis (der Vertrag Ende Saison wird nicht erneuert) stehender Angestellter kommt einer Arbeitsaufforderung nicht nach. Wie massgeblich dass es dabei ist, ob diese Arbeit im Ausharren auf einer Ersatzbank besteht, sei dahin gestellt. Dem Spieler wird nicht frei gegeben, um sich an anderer Stelle für neue Anstellungen zu empfehlen. Der Club hat kein Interesse daran, denn er kassiert keine Ablöse mehr bei einem Wechsel, da Müllers Vertrag eh auslaufen würde. Das Interesse des Clubs besteht also nur noch im Ausschöpfen der Möglichkeiten des Spielers bis zum allerletzten Tag. Und mag die Aussicht, dass man ihn tatsächlich braucht, noch so klein sein.
Ich bin gespannt, was passieren würde, wenn Lyon versuchte, Müller wegen Vertragsbruch zu sperren. Und wie das gegenüber einer Nationalmannschaft durchzusetzen wäre, oder gegenüber der UEFA. Ein ziemlich heikles Thema. Mich interessiert dabei aber der Blick und das Urteil der Beobachter auf diesen Fall:
Vor dreissig Jahren hätte niemand verstanden, dass ein Club in dieser Situation und mit der grundsätzlich negativen Einschätzung für die Zukunft seinen Spieler daran hindert, seinem Traum nachzuleben, für den er fünf Monate wie ein Berserker geschuftet hat. Heute ist jedem klar (weil er es selbst so kennt?), dass der Arbeitgeber sich so verhält, denn das Argument, dass schliesslich gutes Geld für die Arbeit bezahlt wird, mag sie auch bald zu Ende sein, war noch nie so stark und unbestritten wie heute (gerade in gehobenen Anstellungsverhältnissen).
Oder: Vor dreissig Jahren hätte jeder von Müller erwartet, dass er im Zweifelsfall Loyalität zum Arbeitgeber beweist. Vertrag ist Vertrag. Heute solidarisiert man sich viel eher mit ihm und attestiert ihm, dass er sein persönliches Fortkommen ins Zentrum stellen muss.
Die Fronten stehen sich abgegrenzt gegenüber. Das Geben und Nehmen ist viel mehr ein Zerren und Ziehen als früher.
Loyalität ist ein kostbares Gut. Und selten geworden.
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