Ein Fussballfamilienfest
Ein Fussballspiel im Stadion, live erlebt, kann alles mögliche sein. Die Polizei nennt heute so was schon mal einen Hochrisikoanlass. Bestimmte Ausgänge werden geschlossen, Shuttle-Busse eingestellt, Tramlinien eingeschränkt oder umfunktioniert. Ein Fussballstadion kann ein Kübel sein, in dem (und aus dem) sich aufgestaute Frustrationen in verbaler und noch schlimmerer Aggression ergiessen – es kann aber auch ganz anders gehen:
Die Familie ist zu viert. Vater und Mutter haben ihre Dreikäsehochs in die Mitte genommen: Vater und Sohn tragen rot-blau und werden einen tollen Abend haben. Mutter und Tochter sind in weiss-blau gekleidet, auch sie werden den Abend überleben.
Am Ende gewinnen eben die rot-blauen 3:2. Alle sehen ein tolles Fussballspiel, mit einem Alex Frei, der, kaum scheint er für französische Clubs wieder interessant zu sein, zu seiner Form findet, mit einem U-17-Weltmeister Rodriguez in den Zürcher Reihen, der von Anfang an spielt und mit einem Eckball das 1:0 vorbereitet, mit vielen tollen Szenen, viel Kampf und Einsatz und Intensität. Anderthalb Stunden hervorragende Unterhaltung an einem der schönsten Sommerabende des Jahres. Und alle, fast alle scheinen zu feiern.
Die Kleine hat eine Fahne mitgebracht, also, ein Fähnchen, mit einem krummen Weichplastikstiel. In der ersten Hälfte wird es manchmal zaghaft, dann wieder herzhaft geschwungen. In der zweiten Hälfte verkommt das Stück Fahnenstoff zum Schnupftuch, in das sich aufgeregte Mädchenfinger verkrallen, bis das ganze Stück Stoff zerknautscht ist und die eine Ecke vom Ausfransen bedroht ist. Dabei wird doch das gute Stück noch eine ganze Saison lang gebraucht. Das sagt ihr auch die Mutter, sich selber Mut machend:
“Wer zuletzt lacht…”, flüstert die Mutter ihrer Verbündeten zu, während sich Vater und Sohn abklatschen. Am Schluss haben alle ein Lachen im Gesicht. Die einzige in der Familie, die vor dem Stadion ein Eis vertilgt, ist die Kleine. Verlieren ist manchmal gar nicht so schlimm, selbst wenn man mit den Siegern nach Hause fahren muss.
So schön kann Fussball sein. Ein Familiensport mit Neckpotential und viel, viel Gesprächsstoff. Die WM ist erst gerade vorbei, aber Fussball ist irgendwie immer.
Und ich denke mit Dankbarkeit an meinen Bruder, der mich als eben ein solcher Dreikäsehoch an die Fussballspiele in den Letzigrund mitgeschleppt hat. Ich weiss gar nicht, welcher Art mein Materialverschleiss war, wenn es Niederlagen absetzte. Aber an eine Portion Pommes kann ich mich noch heute erinnern. Irgendwie schmeckt mir das Zeugs heute noch so gut, weil es mir immer solche Erinnerungen auf den Gaumen zaubert, wenn ich zu kauen beginne.
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