Die grossen Geister sind für die kleine Stille gar nicht nötig
Ich habe heute aus dem Kreis meiner Leser ein sehr schönes Mail bekommen – und ich erlaube mir, einen Gedanken daraus aufzunehmen und hier ein wenig auszuführen, in einer Art Antwort an mich selbst, denn alles Schreiben hier, zumindest das Tiefgründige, richtet sich zuerst an mich selbst. Nur so wird es wirklich verbindlich.
Thema in diesem Mail war die freiere Gestaltung der eigenen Zeit, der Abbau der geschäftlichen Termine, das Einrichten einer festen Zeit, die niemandem gehört als Ihnen selbst – und die man auch nicht selbst gleich wieder befüllt. Zeit, die leer bleiben darf. Oder besser: Die sich mit Leere – oder zumindest Stille füllen darf.
Nun, mein heutiger Absender weiss um meine Versuche in diese Richtung. Ich habe ihm auch von meinen Erfahrungen erzählt. Und nun schreibt er mir von seinen Gedanken zu meinem Frei-Tag, und wie er sich freitags immer wieder mal daran erinnert, wie ich diesen Tag begehe.
er immer noch das für dich sein kann, was du mir darüber erzählt hast.
Nun, lieber Begleiter, da rührst Du etwas an bei mir. Nicht immer gelingt mir das, und gerade heute habe ich durchaus so schnöden Dingen wie geschäftlichen Pendenzen Tribut gezollt. Aber ich war dabei doppelt und dreifach unruhig, so tief gibt es in mir schon eine Art körperliche Erinnerung, wie der Frei-Tag eigentlich aussehen sollte und sich anfühlen müsste.
Und weiter lese ich in diesem Mail von einem harten persönlichen Kampf des Loslassens von geschäftlichen Pflichten und vom Wunsch,
wie Epikur zu leben, in einer Lebenssituation, in der man keinen materiellen Dingen mehr anhaftet und auch keinen Besitz mehr kennt. “Noch bin ich nicht so weit.”
Nachdem ich oben schon die Einschränkungen bei meinen Freitagen oder Freistunden gebeichtet habe, erlaube ich mir hierzu einen Rat:
Ich habe Jahre, wenn nicht Jahrzehnte damit verbracht, mich für meine Zukunft in eine Art klösterliches Leben zu denken, in dem ich keine Zeit damit vergeude, Besitz anzuhäufen, sondern mich darin schulen kann, dem falschen Gefühl der Sicherheit, den Besitz verspricht, auf die Schliche zu kommen und das Wagnis geistiger Freiheit zu (ver-)suchen. Auch ich wollte den ganz grossen Wurf. Und war darin schon wieder der Leistende, von sich selbst Fordernde. Ich machte Lärm in einer Gedankenwelt, die gar keine Chance bekam, Realität zu werden, weil ich sie zu Ende dachte, bevor ich eine Ahnung hatte, was sie wirklich bedeuten würde.
In der wahren Wirklichkeit zeigt sich der Weg, wenn Sie den ersten Schritt tun. Und es ist sehr wohl sehr befreiend und erlösend, wenn Sie dann bemerken können, dass mehr im Moment gar nicht möglich ist, in einem selbst noch nicht frei gelegt ist. Das Schönste daran ist, dass einen das gar nicht stören muss. Man kann die Zufriedenheit am kleinen Erfolg, am ersten kleinen Loslassen lernen. Wer sich seine Zeit frei gibt, löst sich nicht zuletzt von seinen absoluten Vorstellungen, wie das dann aussehen müsste: Er lässt einfach mal an einer kleinen Ecke etwas geschehen, und schaut (sich) zu.
Darum mein Rat: Nicht gleich die ganz grossen Geister bemühen, sich höchstens von ihnen anstossen lassen. Aber richten Sie sich “irgendwo in Ihrer Woche” einen Platz ein. Warum nicht einfach mal eine feste Stunde, an einem bestimmten Tag? “Nur” eine Stunde?” fragen Sie? Falsch. “Eine GANZE Stunde” sollten Sie sagen und damit eine Zeitspanne umfassen, auf die Sie sich richtig freuen, die nichts Bedrohliches hat, die nicht nach Leistung riecht. Die einfach für Sie da ist. Positiv denken, und das begrüssen, was dann passieren kann und darf. Und mit Genuss vielleicht feststellen, dass die Stunde wie von selbst mehr wird, auch anders erlebt wird, sich verlängert, ausstrahlt in den Rest der Woche.
