Mein Schreiben. Täglich.

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Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Der Sonnenkönig und der Maestro

∞  27 Oktober 2014, 20:29

Kein Lebenswerk währt ewig – schon gar nicht, wenn patronale Sentimentalitäten im Weg stehen…

Die Swissindoors sind einer der grössten Sportanlässe der Schweiz – und sollen das drittbedeutendste Hallenturnier der ATP-Saison sein. Damit sind dann nicht die ATP-Punkte, die es zu gewinnen gibt, gemeint, sondern Umsatz und Auslastung des Turniers.

In jeden Fall ist es schon eindrücklich, was unter der Ägide von Roger Brennwald in 44 Jahren entstanden ist. Ich habe das Turnier selbst mehrmals besucht, mit besonderer Vorliebe am Freitag: Acht im Turnier verbliebene Cracks – das garantiert vielfältige Tenniskost auf höchstem Niveau. Meine Prioritäten liegen dabei beim Tennis selbst, das heisst, ich verpasse kaum eine Minute Sport. Das halten nicht nur die Gäste in den VIP-Logen anders: Über weite Teile des Nachmittags sind viele Plätze im Rund leer. Die Stimmung ist nicht schlecht, aber über weite Strecken doch ein wenig lau. Flaniert man doch mal in den Gängen, so fallen mir nicht nur die im Scheinwerfer strahlenden Produkte und Cüpli-Gläser auf – sondern auch so manche nur notdürftig verdeckte Rohbeton-Mauer: Die St. Jakobs-Halle ist nicht mehr ganz neu, und es sind umfangreiche Sanierungsarbeiten notwendig. Zurück in der Halle: Einmal an diesem Tag wird es wirklich stimmungvoll. Und der Unterschied ist verblüffend gross: Wenn jeder Platz besetzt ist und alle gespannt auf den Auftritt des Einen warten. Um acht Uhr abends ist die Partie von Roger Federer angesagt, und dann interessieren sich wirklich alle für Tennis. Die Atmosphäre wird knisternd, Federer ist auch in Basel ein Garant für hohes Niveau. Und die Geschichte dieses Turniers ist mit Federer noch mehr verknüpft als alle andern. Sechs Turniersiege, elf (!) Finalteilnahmen. Unvorstellbar, dass das Turnier ohne ihn diese Bedeutung hätte – und bestimmt wird er dafür auch bezahlt. Wurde er entsprechend honoriert. Denn seit zwei Jahren gefrieren die Minen, wenn sich Brennwald und Federer was zu sagen haben müssen. Roger Brennwald liebt sein Lebenswerk so sehr, dass das ein grosses Problem werden kann. Der Macher IST die Swiss Indoors. Wenigstens nach seinem Duktus. Er kann ja auch Fakten vorweisen. Doch dabei geht vergessen, dass jede Erfolgsgeschichte von heute nicht zwingend eine Fortsetzung findet. Und die Swiss Indoors brauchen Geld. Viel Geld. Neben dem noch offenen politischen Sukkurs sind die Pläne für die Hallensanierung längst nicht garantiert – und woher sollen sie kommen, diese Mittel? Als vor zwei Jahren Federers Management den Vertrag mit Brennwald neu verhandeln wollte, muss das Brennwald in den falschen Hals geraten sein. Denn Federer spielt (auch) nicht nur in Basel, weil er hier praktisch vor der Haustür wohnen kann. Brennwald stellte sich stur, engagierte Nadal als Aushängeschild und wurde von diesem letztes Jahr prompt versetzt. Das Kalkül, dass Federer sein Heimturnier schon nicht auslassen würde, ging zwar auf, aber Brennwald muss in Kauf nehmen, dass seine ungelöste Management-Aufgabe immer lauter in den Medien diskutiert wird. Aber geht es wirklich nur um die Gage für Federer? Es muss vermutet werden, dass dahinter etwas ganz anderes steht:

Die Probleme sind nämlich ziemlich genau so alt wie der Zeitpunkt, zu dem Federer mal laut darüber nachdachte, dass er mit seinem Management die Swiss Indoors einmal übernehmen und damit die Finanzierung sicherstellen könnte – und damit auch die Suche nach einem Titelsponsor leichter fallen könnte: Federer spielt vielleicht noch zwei, drei Jahre, danach wird das Turnier extrem hart in die Eisen oder aufs Gaspedal steigen müssen, um seine Bedeutung und die Finanzierung aufrecht erhalten zu können. Brennwald scheint das Vorpreschen von Federer so in den falschen Hals bekommen zu haben, dass er mit der Empfindlichkeit des Sonnenkönigs den Niedergang seines Lebenswerks riskiert – während er die Lösung vor der Nase hat und nun auch noch zusehen kann, wie dieser seinen dritten Frühling zelebriert und drauf und dran ist, erneut die Nummer 1 im Ranking zu werden.

Peinlich, wie säuerlich Brennwalds Worte an der Siegerehrung rüber kamen, und tragisch, was hier auf Grund persönlicher Befindlichkeiten riskiert wird.

Es ist dies ein öffentlich vorgetragenes Beispiel für die so oft nicht funktionierende grösste aller Lebensaufgaben: Das Erschaffene in neue Hände geben zu können und sich wirklich zurück zu ziehen. Zu erkennen, wann neue Kräfte neue Herausforderungen stemmen sollen, das ist für jeden Patron die schwerste aller Aufgaben. Wer es hin bekommt, ist wirklich gross. Das gilt für den Metzgermeister in ihrem Dorf genau so, wie es auch für Roger Brennwald gelten könnte.

Er versucht es jetzt mit der Agentur Ringier Infront. Vielleicht ist der Weg erfolgreich. Weil die Agentur eines hin bekommen sollte: Das neue Gespräch mit neuen Gesichtern mit Federer und dessen Management. Vielleicht. Das Turnier ist auf jeden Fall darauf angewiesen, dass Federer am Ende sein Herz sprechen lässt – und nicht den gleichen Hochmut in den Vordergrund schiebt, der ihm entgegen gebracht wird:

Im Jahr, in dem die Schweiz mit Federer und Wawrinka zwei Top-5-Tennisspieler besitzt, prangt auf dem Plakat des einzigen Schweizer Tennisturniers von Bedeutung das Konterfei von … Nadal. Im Grunde sagt das schon alles.