Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Der moralingetränkte Boulevard von eigenen Gnaden

∞  23 November 2011, 20:24

Die Beobachtung kann wohl bei allen Zeitungen mit den extra grossen Buchstaben gemacht werden: Keine Zeitung schwärzt so unverholen moralisches Fehlverhalten an wie die Boulevard-Postille, wobei sie natürlich selbsredend auch gleich das Fehlverhalten aufdeckt und entsprechend bewertet.


Keine andere Zeitung weiss so genau, was rechtens ist, und schwingt sich dann auch gleich zum Richter auf. Umgekehrt verkauft kein anderes Medium so unverholen skrupellos nackte Haut als Teil des Geschäftsmodells – in Redaktion wie Anzeigenakquisition.

Ein neues Beispiel für das gefällig, was ich meine? Ein Skifahrer wurde letztes Jahr aus dem Hotel geworfen, weil sich ein Zimmermädchen über ihn beschwert hatte. So ganz genau weiss man bis heute nicht, was da abgelaufen ist.. Fakt ist, dass der Athlet zuerst einen falschen Grund für den Rausschmiss angab, sich danach auf andere Aussagen behaften lassen musste, irgendwann erklärte, die Sache tue ihm leid, sich mit der Mannschaftsleitung und dem Hotel arrangierte und weiter ganz passabel Ski fuhr. Das Theater, für den Blick “eine der grössten Skandale der Skigeschichte”, ist nun ein Jahr her, und ich bin sicher, nicht nur ich hätte sie schon vergessen, wenn, ja wenn eben nicht die Zeitung Blick wäre. Die hat den Hotel-Manager zum Interview geladen, in dem dieser dann Andeutungen zum Vorgang machte, über den er scheinbar bestens Bescheid wusste, während ihm gleichzeitig nicht bekannt war, ob das besagte Zimmermädchen noch immer in seinem Hotel arbeiten würde. Fakt ist auf jeden Fall, dass der Athlet wieder im Hotel willkommen ist.

Ein bisschen dünn die Geschichte, irgendwie. Darum schrieb der veratnwortliche Journalist W. Perren hierzu gestern dann auch noch einen Kommentar, in dem er Zurbriggen aufforderte, endlich die (den Blick?) quälende Ungewissheit zu beenden und reinen Tisch zu machen, damit man sich endgültig wieder dem Sportlichen zuwenden könne.
Da macht eine Zeitung mit einer Schmuddelkampagne Stimmung, um dann weis zu machen, man wünsche sich nichts lieber, als die Sache abschliessen zu können, wäre der an den Pranger gestellte Athlet nur endlich so charakterstark, seine Verfehlungen dem Blick stellvertretend fürs gelangweilte Publikum zu beichten. Es ist einfach zum k…

Aber die Tatsache, dass die Geschichte hier Platz findet und ich mich damit zum Aufwärmer einer alten Sauce mache, zeigt eben auch, dass das Kalkül, ein bisschen Schmutz aufzuwerfen um ihn dann anplärren zu können, immer wieder verfängt. Hauptsache, man spricht über den Blick, am besten empört. Also, was rede ich und schreibe ich also weiter, die Sache geht, so wie sie steht, endgültig nur noch die direkt Betroffenen etwas an.