Das politische Desaster rund um zu Guttenberg
Die Doktorarbeit des Herrn zu Guttenberg mag vergangene Sünden offenlegen. Der Umgang damit in der Gegenwart aber muss allen Beobachtern Schauer über den Rücken jagen – auch und gerade dann, wenn sie durchaus nicht linke Positionen vertreten.
Die Debatte rund um das Plagiat der Doktorarbeit des Herrn zu Guttenberg in Deutschland wird allmählich gefährlich. Denn noch immer scheinen die Parteien nicht begriffen zu haben, dass sie längst ein Abbild dafür liefern, wie sie ihr eigenes Wertesystem ausgerichtet haben. In den aktuellen Erklärungen geht es längst nicht mehr darum, ob eine Schummelei gravierend oder entschuldbar wäre – es geht um den Umgang mit Wahrheiten, um die öffentliche Uminterpretation und Beugung von Fakten, die jedem, der mit einigermassen distanziertem Blick die Ereignisse betrachtet, Schauer über den Rücken jagen muss.
Längst ist diese Affäre kein Anschauungsunterricht mehr für den Umgang mit Vergangenheit – die aktuellen, tatsächlichen, jetztigen Verhalten stellen die eigentliche Katastrophe dar, und sie lassen tief blicken.
Da ist erst einmal der Kniff des Herrn zu Guttenberg, auf seinen Doktortitel „freiwillig“ zu verzichten. Welchen deutschen Akademiker man auch immer befragt, er wird das immer gleiche antworten: Das geht gar nicht. Eine Doktorwürde wird verliehen, sie wird nicht angenommen, und entsprechend bleibt sie zugeordnet – so lange, bis sie von der Instanz, die sie verlieh, wieder entzogen wird. Die Uni Bayreuth kann sich gar nicht leisten, die Sache damit auf sich beruhen zu lassen, will sie sich nicht in ihrer akademischen Glaubwürdigkeit selbst dauerhaft beschädigen.
Der Schaden, dass ein solches „Werk“ mit der höchsten Auszeichnung honoriert werden konnte, ist schon gross genug.
Was aber viele dem rechten politischen Lager durchaus wohl gesonnene Beobachter mehr als ängstigen dürfte, ist die Freimütigkeit, mit der in der aktuellen Lage dem Wehrminister Unterstützung geleistet wird. Dass die Kanzlerin öffentlich erklärt, dass sie ein bewusst irreführendes Verhalten ihres Ministers in dessen jüngster Vergangenheit zur Erschleichung eines Doktortitels für dessen jetztige Amtsführung als irrelevant bezeichnet, ist genau so blindwütig gefährlich und erschreckend wie die Aussage von Mappus, Herrn zu Guttenberg als Wahllokomotive im Wahlkampf fest einzuplanen.
Kaum ein Politiker im Umkreis von CDU und CSU scheint realisiert zu haben, wie ernst die Situation ist. Eine Krise dieser Art aber macht man noch grösser, wenn man sie ignoriert.
Denn es ist abzusehen, was weiter geschehen wird:
Es wurde mit der Doktorarbeit des Freiherrn zu Guttenberg eine Plagiatsarbeit abgeliefert. Und zwar nicht nur in Teilen, sondern in der Hauptsache. Das Vorgehen hatte ganz offensichtlich System und machte auch nicht vor den substanziellen Ausführungen in der Einleitung Halt, mit denen die eigenen Einschätzungen und Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst werden sollten. Die Abschreiberei hat so dreiste Züge, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass der zweifellos gescheite Herr zu Guttenberg wirklich so dumm sein konnte, zu meinen, damit durchzukommen. Womit nahe liegt, dass unter Umständen die ganze Arbeit oder grosse Teile davon von anderen Personen geschrieben wurden. So ungeschickt, wie der öffentlichkeitserprobte Minister sich in seinen Verlautbarungen verhielt („es wurden Fehler gemacht“) und angesichts der Salamitaktik, die er anwendet, ist absehbar, wie es weiter gehen wird:
Es wird genügend hartnäckige Journalisten oder Internet-Aktivisten geben, die nach den Ursprüngen und dem Entstehen dieser Arbeit fragen werden. Der ganze Lebenslauf dieses Vorzeigepolitikers wird neu hinterfragt werden und es ist völlig offen, wie das enden wird – auch und gerade, weil in der Person des Herrn zu Guttenberg jemand Werte mit Füssen getreten hat – und, DAS ist entscheidend, sie auch ganz aktuell weiter missachtet, die er sich selbst zuvor auf die Fahne schrieb. Für ein vernichtendes Urteil braucht es gar nicht den Blick in die Vergangenheit – es genügt die Beobachtung des aktuellen Verhaltens.
Immer wieder ist im Zusammenhang mit solchen Affären besonders erschreckend, welchen Realitätsverlust diejenigen erleiden können, welche sich an der Macht wähnen und den Gerechtigkeitsanspruch hierfür längst nach eigenem Gutdünken bejahen. Dass in diesem Fall die ganze Führungstruppe der rechten Parteien unisono ins Glaubwürdigkeitsdesaster marschiert, ist die Komponente an der Geschichte, die mich wirklich fassungslos macht.
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