Mein Schreiben. Täglich.

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Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Das fragende Zeichen Afrika

∞  12 Mai 2010, 21:20

In einem Monat, am Freitag, 11. Juni 2010 um 16h00, beginnt in Südafrika mit dem Spiel des Gastgebers gegen Mexiko die Fussballweltmeisterschaft.

Damit findet die WM erstmals auf dem “vergessenen Kontinent” statt, wie man Afrika gelegentlich nennt. Und es ist wohl eine treffende Bezeichnung. Afrika – das kennen wir doch fast ausschliesslich als Synonym für Armut, Rückständigkeit, Stammeskämpfe, Hungersnöte, Korruption. In den Städten droht die Gewalt, Prostitution und sexuelle Freizügigkeit, gepaart mit tiefem Unwissen oder Natur- und Aberglauben fördern die Ausbreitung von Aids. Die gefürchtete Geissel der Menschheit, das HIV-Virus, hat am Ende vor allem Afrika heim gesucht. Die Malaria ist unausrottbar, die Erreger und Überträger werden resistent, die Forschung ist unzureichend, die Medikamente entsprechend zu teuer – gegen welche Volkskrankheit auch immer.
Afrika hat Probleme – und wird ausgebeutet. Die neusten Kolonialisten sind die Asiaten, welche ihre Hand auf die Bodenschätze legen. Despoten regieren in vielen Ländern, und die Bevölkerung kann im Grunde nur den Clan wählen, der sich die Pfründe sichert.
Kaum ein Staat ist in seinen Grenzen natürlich entstanden. Der Rassismus, den die Afrikaner erfahren haben, leben sie ihrerseits aus. Alle gegen alle, so scheint es oft, und dies blutig. Kindesoldaten töten für Brot. Man könnte seitenweise so weiter schreiben, und ich glaube, mir würde ständig was Neues in den Sinn kommen.
Alles daran ist klischiert, und doch irgendwie wahr. Alle unsere Reisen in Afrika haben nicht dazu geführt, dass wir dem betreffenden Land auch nur ein bisschen näher gekommen wären. Die einheimische Kultur bleibt ähnlich fremd wie jene der Aborigines fremd bleibt für alle Weissen im Land, auch die Australier selbst.
Es lässt sich kaum und zu nichts raten. Denn auf jedem herunter gekommenen Flecken Erde dürfte sich weisse Schuld ausmachen lassen. Alles, was wir sagen, kann wie blanker Hohn verstanden werden.
Vielleicht aber lässt sich gerade deshalb nirgends so rein das lernen, was jeder Entwicklungshilfe anstehen müsste: Demut. Die Frage: Was brauchst Du? – Sie sollte nicht sogleich selbst beantwortet werden. Zuhören wäre gefragt.
Vielleicht käme man dann auf Projekte, welche die Selbstbestimmung vorsehen – immer mit der Gefahr, dass wandelnde Interessen und fehlende Disziplin gegrabene Brunnen versanden lassen. Was ich mir irgendwie am meisten wünschen würde:
Viele aufmerksame Kinderaugen, ALLE Kinderaugen in Schulbänken. Bildung für alle. Das ist der Anfang der Selbstbestimmung.
Trotz aller Probleme – und selbst dann, wenn Sie kaum Kontakt zur einheimischen Bevölkerung herstellen können, wenn Sie also nur als Bilderbuch-Tourist unterwegs sind – und sie nach Afrika reisen: Gehen Sie hin. Liegen Sie aber nicht nur am Strand. Gehen Sie auf Safari. Schaffen Sie eine Situation, in der Sie auf einen Führer vertrauen müssen, und stellen Sie sich mit Ihren Füssen auf Mutter Erde.
Nirgends lässt sich so unmittelbar wie in Afrika erfahren, was es bedeutet, Teil der Natur zu sein. Nirgends erlaubt die Tierwelt einen so leichten Zugang und das Erlebnis, Zuschauer zu sein und doch nicht im Zoo. Es kommt eine Ahnung davon auf, wer wir eigentlich sind. Oder wären. Oder waren.
Ich habe ein paar afrikanische Männer vor mir, welche eine Ruhe ausstrahlten, welche ich zu spüren vermochte, und von der ich genau wusste: Ich habe sie längst verloren. Aber manchmal, wenn ich in meiner digitalisierten Welt in all den künstlichen Problemen sitze und mir den Kopf mit Dingen zerbreche, die selbst viel zerbrechlicher sind als eine einzige Ähre in der Steppe, die aufbricht und ihren Samen vom Wind verstreuen lässt, ja, dann halte ich einen Moment inne und denke zurück an ein paar Wochen meines Lebens, in denen ich dem Zauber des Lebens nahe kam – und in denen auch der Tod seinen Sinn hatte – und seine ständige Ahnung das Leben zur Sensation machte.
Das Brimborium rund um die WM wird einen Beleg dafür darstellen, dass die Welt der Menschen auch in Afrika den gleichen Impulsen folgen wird wie auf allen anderen Kontinenten. Vieles aber wird verpuffen. Nicht nur die Profite werden in anonymen Hosentaschen verschwinden. Und doch: Afrike ist immer auch eine Art Wiege der Menschheit. Noch kann man dieses Wiegenlied hören. Weil man zu einer ehrfürchtigen Stille findet.