Blogger Steinbrück und andere Peinlichkeiten
Angela Merkel spricht ihren Ministern reihenweise das Vertrauen aus, bevor sie in den Abgrund stürzen [1] und beweist dabei regelmässig wenig Gefühl dafür, was für ein politisches Amt an offensichtlich angeschlagener Glaubwürdigkeit noch erträgliches Mass darstellt, während ihr theoretisch gefährlicher politischer Gegner Peer Steinbrück nicht mal ungestört bloggen kann. [2]
Während die herausragende Eigenschaft der Frau Merkel zu sein scheint, dass sie zwar die Tragfähigkeit ihrer Crew regelmässig falsch beurteilt, bezogen auf die eigene Person aber zumindest keine Fehler macht und wahrscheinlich genau diese in der Wahrung der Form gegebene Glaubwürdigkeit, die man schon fast skandalunfähigkeit nennen könnte, stets mit sich trägt, versucht Peer Steinbrück äusserlich stoisch unbeirrt von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen stapfend die Startlöcher zu erreichen, aus denen er erst zu einem tatsächlich valablen Kandidaten fürs Kanzleramt werden könnte. Lars Reichow hat es gestern in der Fasnachtssendung Mainz bleibt Mainz [3] treffend bissig formuliert [4]: Seitdem Peer Steinbrück für seine Reden kein Geld mehr verlangen kann, sind seine Reden nichts mehr wert. Zumindest werden sie kaum mehr gehört. Und nun wollte er also bloggen.

Wir Blogger, also ich meine, wir wirklichen Blogger, wir wissen, dass es dafür sehr wenig braucht, noch nicht mal technisches Wissen – jeder kann ein Blog führen und auch schreiben, und genau das macht es ja auch aus, das Bloggen: Es ist pure Demokratie – freie Meinungsäusserung mit der (zumindest thoretischen) Chance, gelesen zu werden. Das einzige, was es dazu wirklich braucht, das ist Zeit. Und das ist das Problem, zumindest für einen Kanzlerkandidaten in Deutschland. Also lässt man schreiben, was auch ein Stück weit schon erklären mag, warum ein solches Blog schon mal einen sechsstelligen Betrag an Sponsorengeldern nötig haben kann. Wer allerdings hier sponsert, wird nicht bekannt, und das Geld kann jetzt auch anderweitig eingesetzt werden, denn offiziell wurde das Blog so sehr gehackt, dass der Versuch der freien Meinungsäusserung ausgerechnet dem Kanzlerkandidaten unmöglich gemacht wurde und die Seite wieder vom Netz genommen wurde. Damit ist eine weitere Chance vertan, zu erfahren, was Peer Steinbrück gerade denken lässt, dafür hat sich die Frage nach den Geldgebern erübrigt. Vielleicht ist das praktischer als der angebliche Hackerangriff ärgerlich ist?
Wir Twitterer und Blogger staunen ja eh, was aus unseren ursprünglich so verlachten Gefässen geworden ist und wie sie heute perfekte Teile der Werbemaschinerie sind. Kein Sportler, der nicht eine Facebookseite und ein Twitter-Account hätte, so dass jeder Fan hautnah mitlesen kann, was einen Skifahrer am Abend nach einem Sturz bewegt. Und längst sind die etablierten Medien so weit, dass sie solche Tweets in die eigene Berichterstattung mit integrieren, so dass Social Media öffentliches Medium wird, richtig öffentliches, und damit “social” sehr relativ.
Dass dabei ausgerechnet die Politiker, die über die öffentliche Relevanz, über Freiheit im Internet und über eigene Auftritte im Netz befinden müssen, so herzlich wenig Ahnung haben und viel zu selten zu Hause sind, dass sie sich das wenigstens von den Kindern erklären lassen könnten, ist einigermassen peinlich. Für niemanden ist die Versuchung grösser als für Politiker, Stellvertreter an dieser Schnittstelle wirken zu lassen, denn natürlich müssen die Gefässe bedient werden, zu offensichtlich ist, dass gehört wird, was geblubbert wird, bevor die Blasen dann doch irgendwie platzen. Ich bin mir noch nicht sicher, was stärker wiegt?
Der Mummenschanz vermeintlicher Web-Präsenz oder die Kunst, im Netz zumindest nicht zum Gespött zu werden, einen Shitstorm verhinden zu können?
Auf jeden Fall sollten sich die Internetgläubigen keine Illusionen machen: Wenn es je ein Netz gab, das wirklich frei war, und wenn Twitter je Ausdrucksform dieser Freiheit war, dann sollte man diese Illusion schnell vergessen: Kein Phänomen, das wichtig genug wird, Chancen bietet, Risiken offenbart, bleibt wirklich frei in seiner Entfaltung. Die Manipulatoren, die Regulatoren, die Kontrollfreaks und Strippenzieher, sie sind schon dann zur Stelle, wenn in der aktuellen Gymnasialklasse die Hälfte der Kids mit einem neuen Ausdrucksmittel experimentieren.
Als das Schweizer Fernsehen am letzten Wochenende erstmals von der Super Bowl berichtete, wusste Daniel Glauser [5], Footballer an der Florida State University mit aktueller Chance, im nächsten Draft im Mittelfeld möglicher neuer Spieler für die NFL gezogen zu werden, von seinen Twitter-Erfahrungen zu berichten. Danach beschäftigt die Uni seines Teams einen Überwachungsdienst, der rund um die Uhr das Netz über Tweets zum Betrieb überwacht – und kritische Twitterer unmissverständlich auffordert, entsprechende Tweets wieder vom Netz zu nehmen.
Das wär’ doch was, nicht wahr? Hacker lassen sich immer mal wieder aus dem Hut zaubern, ihre Schlechtigkeit leuchtet den Biederen gerne ein – doch die eigentliche Gefahr liegt bei den Manipulatoren, welche Nachrichten schon wollen, aber nur die Richtigen.
Die Politiker allerdings, welche zu diesem Thema was zu sagen hätten, sind wohl wirklich sehr dünn gesät. Und dass die Piraten zu den ersten gehörten, die in ihren Reihen gegen Diffamierungen per Twitter zu kämpfen hatten, macht diese scheinbar neue Kraft auch nur zum spachlos machenden Ausstoss eines neuen Phänomens, dessen Urkraft genau so wie jede ander zivilisatorische Errungenschaft in den Fängen jener verendet, welche stark genug sind, die “Information” dieser Quellen zu lenken.
Und die Medien? Die Profis des Informationsmanagements? Sie schaffen es bis heute nicht, ihre Quellen in Berichten sauber zu nennen, geschweige denn, sie zu verlinken. Dabei wäre dies ein kleiner Beitrag dazu, dass von Zeit zu Zeit eine tatsächlich unabhängige Stimme Gehör fände, gelesen würde, so dass dieses Ding mit der Demokratie eben doch ein Faktor bleibt, ein möglicher Windstoss, der ja gar nicht Stürme auslösen muss, unbedingt, aber eben doch Diskussionen aufzufrischen vermag. So, dass sie tatsächlich mit uns allen zu tun haben, uns alle meinen und uns allen dienen könn(t)en.
Einen Schuss Naivität behalten zu können – auch dies ist ein Privileg eines Bloggers. Denn wer wollte mich daran hindern? Eben.
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[1] Sascha Lobo: Dr. Merkel’s vollstes Vertrauen
[2] DWN: Dolchstosslegende: Steinbrück-Blog unter Cyber-Attacke zusammengebrochen
[3] Mainz bleibt Mainz, ARD, Gesamtsendung
[4] Lars Reichow, die Fasnachtsthemen, ab 15m50
[3] Twitteraccount Daniel Glauser
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