Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Bittere Gebrechlichkeit

∞  24 Februar 2013, 19:13

Krankheit. Gebrechlichkeit. Endlichkeit. Wo bleibt die Würde in unserem Leben, wenn unser letzter Akt ein langer ist?

istockphoto.com/MHJ: Carrot And Stick

Ich bin nicht Pensionär. Doch hätte ich Kinder, könnten sie nun gut schon erwachsen sein – oder mich zumindest die Ansprüche lehren, die Junge, erwachsen Werdende heute ans Erwachsensein und also an die Erwachsenen stellen würden. Damit würde ich auch von junger Seite und nicht nur mittels meiner eigenen Perspektive daran erinnert, dass die Zeit, in der ich in Lohn und Brot stehe, eine näher rückende, fassbare Endzeit verkündet: Es treten die Brüche ins Leben. Es enden Dinge, Hochblüten verwelken, Kräfte schwinden, Gewicht tritt an die Stelle von Schwerelosigkeit, Selbstläufer werden zu Blindgängern:
Was Substanz versprach, verblasst, vergeht, verendet genau so wie die Dinge, die wir leichthin schon fahren gelassen haben.

Und Altersgenossen in meinen Jahren um die fünfzig werden bereits recht häufig in der Begleitung der Eltern mit einer uns absurd erscheinenden Laune des Lebens konfrontiert: Wir werden in der Begleitung der gebrechlich werdenden Mütter und Väter zu den jungen, starken Töchtern und Söhnen, die doch Trost versrpechen sollen, während wir uns selbst erschreckt fragen, nein sagen, wie nah doch uns selbst schon so mancher Verlust steht. Oder stehen mag.

So manches reiches Leben an seinem Ende zu begleiten, ist oft qualvoll – auch und gerade für den Begleiter, weil er mit ansieht, wie wenig Würde den Menschen bleiben kann, wenn sie die Zeichen ihres Erfolges nicht mehr ausfüllen können, wenn das Haus zu gross und das Auto zu schnell wird, wenn die Welt sich wandelt vor der Tür. So mancher, der “es geschafft hat”, verzweifelt an der letzten Aufgabe, die vielleicht die grösste ist:

Der Wunsch und der Stolz, “unabhängig” zu sein, niemandem “zur Last zu fallen”, bedingt, dass man sich am Ende gerade von Insignien der eigenen Bedeutung lösen kann, dass man allen Dingen einen wahren Wert zumessen kann, weil sie unerheblich werden dürfen. Ihnen nicht nachzutrauern, sondern Heiterkeit dafür zu entwickeln, dass man mit guten Erinnerungen etwas sein lassen kann – das ist die eigentliche Souveränität, welche zu erlangen einem im fortgeschrittenen Alter als letzte Aufgabe bleibt.

Das Glück trauert nicht. Es zieht weiter. Es empfindet dabei keine Schadenfreude.
Man darf darum trauern. Vielleicht kommt es wieder, für Momente, die erneut Zukunft werden, also müde.

Flacher atmen zu müssen, sitzen zu bleiben, wie es der Körper fordert – hat zwar immer etwas Bitteres. Man könnte sich endlos wo anders hindenken wollen. Aber das ist lächerlich, wütend, kindisch, so lange man den Segen nicht erkennt, der darin liegt, Sitzen und atmen zu dürfen. Denn es geht immer noch schlimmer, und wir wissen alle nicht, wie es kommen wird mit uns. Vielleicht haben es Menschen darum manchmal ganz leicht, uns zu verblüffen und zu beschämen: Wir betrauern ihren Kummer, ihre Einschränkung, ihr Elend, während sie uns zeigen, was SIE alles sehen, wie tief ihr Empfinden dort geht, wo ich nur grau sehe.

Was und wie von Leere reden, wenn sie einen nie angesprungen und verschlungen hat und man nie diese riesige mutige Arbeit leisten musste, in diese Leere hinein zu schauen? Vielleicht liegt die grösste Bitterkeit für Menschen, welche diese Herausforderung immer wieder annehmen, annehmen müssen, weil ihnen Körper und Geist diese Not aufzwingen, darin, dass wir ihnen nicht wirklich vermitteln können, wie hell das Licht sein kann, das sie dabei in sich tragen. Das Leben ist ein unerbittlicher Lehrer, wenn es will, dass ich “einfach” werde. Einfach bin. Und warum es die einen quält und andere mit einem Fingerschnippen von der Bettkante schubst? Ich weiss es nicht.

So lange ich aber den Morgen erlebe, geht es im Grunde immer darum, nichts wirklich zu brauchen.