Aufrichtige Freude
Gründe, mich zu freuen, habe ich täglich im Überfluss. Und doch drohe ich der Fülle der auf mich einstürzenden Eindrücke überdrüssig zu werden, mich mit meinem Geist zu verkriechen.
Für andere wird es nie richtig hell oder viel zu wenig dunkel. Sie reden von “Lichtduschen”, von “Lichtverschmutzung”.
Menschen, die nicht mal mehr mit dem Licht umgehen können, verlernen das Leben. Und die Freude. Und es ist, als wäre die Depression eine unterschwellig in allen lauernde Volkskrankheit geworden. Dass solches Denken überhaupt auf Papier oder im Netz zum Ausdruck kommt, ist bereits Teil des Problems:
Es lässt sich alles so leicht vervielfältigen und potenzieren.
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Ralph Waldo Emerson
Wie steht es denn um diese Geistesnahrung? Handelt es sich um Mangelware, so dass wir hungrig und durstig bleiben müssen, angesichts der Schwierigkeiten in modernen Gesellschaften?
Das starke und entscheidende Element im Satz von Emerson ist das Wörtchen aufrichtig. Versuche ich, mich selbst an der Nase zu nehmen, so darf ich feststellen:
Mein Leben ist bestimmt nicht grauer als das früherer Generationen. Ganz im Gegenteil. Grau ist nur mein Blick. Doch für den Schleier auf meinem Auge kann die Welt nichts. Sich “aufrichtig” zu freuen, ist eine Aufforderung, dem schönen Moment zu vertrauen und ihn einfach geniessen zu können. Nur, weil es der Moment gut mit mir meint, heisst das nicht, dass ich morgen doppelt dafür büssen muss – aber es kann bedeuten, dass, wenn ich meinen Geist dem Schönen öffne, ich den Morgen erwarten kann. Mir kommt es so vor, dass wir mehr als je zuvor mit unserem “Wissen” Prognosen erstellen. Wir können die Zukunft nicht mehr auf uns zukommen lassen. Wir wollen ihr vorbeugen – oder im Jetzt kompensieren, was früher nicht möglich war – und in Zukunft “bestimmt” fehlen wird.
Aus solcher Motivation heraus freuen wir uns nie “aufrichtig”. Wir konsumieren ein Stück Unbeschwertheit, fressen es beinahe weg. Und sehen uns beständig als zu kurz Gekommene – die höchtens einen Moment verschnaufen mögen, bevor wir wieder vom Argwohn angetrieben werden, uns werde bestimmt bald etwas (wieder oder zusätzlich) fehlen. Je mehr wir haben, um so mehr reden wir von dem, was uns fehlt. Wir haben keine Sicherheit und können sie nicht kaufen.
Aufrichtige Freude ist jene Art Unterbruch, die uns stehen bleiben lässt, weil uns die Blume am Wegrand auffällt und wir zum ersten Mal genau hinsehen, wie wunderbar ihr Blütenkelch angeordnet ist. Wenn wir Gegebenes als Trost annehmen können, wenn wir staunen mögen über Bestehendes, statt uns vor Kommendem zu ängstigen oder von Glück zu träumen, ja dann richten wir uns auf, um hier und jetzt tatsächlich mit klarem Blick ein Stück lichte Freude annehmen, aufnehmen und vielleicht gar teilen zu können.
