Auf dem Weg, gesund und klarsichtiger zu werden
Es geht vorwärts und aufwärts. So sehr, dass ich wieder Sinn und Aufmerksamkeit für die Menschen um mich entwickeln kann. Und immer wieder fällt mir eines auf:
Die Trennlinie zwischen Spital und Aussenwelt ist gross und dick und tief. Vor allem jene zwischen dem kranken Arbeitnehmer und seiner Firma. Ich sage es nicht gern, und mancher mag hoffentlich etwas anderes erleben. Aber sehr oft ist der kranke Mitarbeiter im Spital für die Firma – und für seinen Chef und seine Kollegen – vor allem eines: Ein Problem.
Und wenn die Diagnose “Krebs” lautet, dann ist die hinzu kommende Berührungsangst enorm. Jeder in der Firma weiss etwas, was er gar nicht wissen kann. Jeder fühlt sich bemüssigt, zu spekulieren, ob jemand wieder zur Arbeit erscheint oder ob man “den vergessen kann”. Aber anrufen oder gar besuchen? Pustekuchen. Das mag im Einzelfall ein menschliches Problem sein, aber ich erlebe es eher so, dass ich dahinter eine Tendenz sehe: Sind Sie krank, so sind sie in erster Linie ein Problem. Man wünscht sich, dass Sie gut betreut sind, weil das die eigene Unruhe besänftigt: Alles, was nicht funktioniert, was Probleme macht, wird an Institutionen überwiesen, die sich “darum kümmern”. Ein Spitaltag ist verdammt lang. Sie bekommen jede Menge Gelegenheit, Bilanzen aufzustellen, und sehr oft lautet die Quintessenz:
Die Firma, meine Arbeit, ist die Mühe nicht wert, die ich investiert habe.
Es geschieht das, was immer sein müsste:
Man muss sich fragen, ob die Betätigung, die man ausübt, fern aller Anerkennung durch Dritte eine Befriedigung darstellt – oder nicht.
Es wird kälter im Land. In jedem Land. Auf der Welt. Konsumgüter mögen diesen Weg pflastern, scheinbare Versorgung durch Krankenversicherung, Sozialversicherung etc. In Tat und Wahrheit aber verlieren wir die Kunst des Mitgefühls. Wir kümmern uns nicht mehr. Wir verkümmern.
Selbst darf ich anderes erleben. Ich weiss, dass ich mir alle Zeit nehmen darf, um meine Nierensteine los zu werden. Die Kollegen müssen den Laden am Laufen halten, das weiss ich auch. Aber sie lassen mich nichts dergleichen spüren. Ich kann mich sehr glücklich schätzen. Zudem bin ich meine Steine wenigstens auf der einen Seite los geworden – den Rest schauen wir uns dann nächstes Jahr an. Ich habe meine Ferienpläne revidiert. Die Reise nach Gabun ist vertagt. Ich werde ein ruhigeres 2011 planen – und so Gott will, wird es so verlaufen. Ich werde aber meinerseits weniger auf später verschieben als bisher. Auch ich habe erfahren, wie schnell etwas sich grundlegend anders darstellen kann.
Sich um sich selbst kümmern darf auch bedeuten, sich in andere hinein versetzen zu können. Man darf sich für niemanden und für keine Aufgabe auf-geben, aber man kann auch die Lehren annehmen, die einem tagtäglich auch geboten werden. Kranke Menschen sind keine Aussätzigen, sie tragen auch keine graue Wolke über dem Haupt spazieren. Sie sind vielmehr sehr oft in einer Weise geerdet, die einem selbst sehr viel Mut machen kann. Ein Witz, der aus dem Krankenbett kommt, hat eine unbändige Lebenskraft. Ich wünsche mir und den Menschen, denen ich hier begegnen durfte, eine ganze Menge davon.
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