Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Auch jetzt mal einen Ärger zulassen

∞  20 Dezember 2011, 21:00

Wenn du jeden Ärger auslassen willst, wird dich immer mehr Ärger erfassen.

Aus Arabien



Es gibt das Adjektiv “harmoniesüchtig”, mit dem die Streitlustigen gerne die Weichspüler unter uns charakterisieren. Tatsächlich werden sich die meisten eher Frieden wünschen – und wir kennen zumindest alle Tage, an denen wir einem Streit gerne aus dem Weg gehen. Auch die Tagesform spielt eben eine Rolle. Angezogen fühle ich mich da, wo ich bei jemandem beobachten kann, dass er oder sie sich tatsächlich ganz allgemein weniger oft und weniger stark ärgert als ich. Diese Menschen sind auf einem Weg weiter, den ich gerne auch gehen würde:

Engagiert, interessiert sein, sich für eine Sache einsetzen – und doch nie oder immer seltener die Contenance verlieren, wenn sich die Sache in die – zumindest nach meiner Meinung – falsche Richtung entwickelt. Ärger kann ja mal helfen, sich bewusst zu werden, dass es Grund gibt, sich zu wehren, denn schliesslich soll man den Ärger nicht in sich hinein fressen. Er vernebelt aber den Kopf und verhindert kühles Denken. Er müsste mit dem Dampf zumindest entweichen, wenn man ihn ablässt. Nichts ist so ungesund wie ein sich einfressener Ärger.

Den Spruch für diese Zeit ausgewählt habe ich aber aus einem anderen Grund: Die Advents- und Weihnachtszeit ist eine Zeit der Familienfeste. Da ist der Wunsch nach Harmonie besonders gross und stark. Und so gibt es wohl in vielen Familien eine stille Seele, die sich gerade in diesen Wochen jeden Widerspruch verkneift, um die gute Stimmung nicht zu trüben – und “die Familie nicht durcheinander zu bringen”. Zusammenhalt wird oft genau so eingefordert, dass in den sich fügenden Herzen nach und nach eine ganze Menge Überdruss oder stiller Kummer wächst. Möglich, dass er nie zum Vorschein kommt. Das macht ihn aber, scheint mir, noch gefrässiger, und er bemächtigt sich dann eben der eigenen Seele.

Warum kommt eigentlich niemand auf die Idee, dass gerade an Weihnachten auch mal die tragenden und treibenden Kräfte schwach sein dürfen und sich zurücklehnen möchten? Warum ist das grösste Geschenk, das man einander macht, nicht eine Änderung der Ordnung, in dem in der Vorbereitung die Lasten einmal anders verteilt werden?

Weihnachten verbinden wir alle mit Traditionen. Es gibt Dinge, die wir nur in dieser Zeit essen, kochen, schmücken. Die Freude an der Tradition vermittelt Geborgenheit – aber manchmal wird mit dem eigenen Anspruch, es “schön wie immer” einzurichten, auch ein Druck aufgebaut. Und wenn dann jemand quer schiesst, ein zusätzliches Problem auftaucht, dann ist – gerade in dieser Zeit des Festes der Liebe dafür scheinbar keine Zeit. Und das ist doch schade, nicht wahr?

Weihnachten ist auch der Versuch, das Leben als Geschenk zu begreifen, geborgen in der Obhut seines Schöpfers. Man stelle sich vor, wie der Ärger eines Menschen aussähe und wo er bliebe, wenn der Mensch in diesem Bewusstsein durch die Tage seines Lebens gehen könnte.