Mein Schreiben. Täglich.

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Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Amt und Würde, von Volkes Gnaden?

∞  14 Februar 2012, 12:36

Wo stecken Sie nun, die Ehrenmänner, die Wichtelmännchen oder die Windbeutel, die Geschäftemacher oder die Altruisten? Und wen erkennen wir als was und warum? Was sagt das über uns aus?

Angesichts der Herren Christian Wulff und Stephan Schmidheiny lässt sich so einiges sagen über unseren ganz persönlichen Umgang mit den Honorablen…

Bei Christian Wulff scheint langsam aber sicher eine ganze Nation sich im Ärger zu finden: Die einen ärgern sich über die Aussitzerqualitäten des Bundespräsidenten, die andern über die Auflistung kleinster sich addierender Verfehlungen, hinter denen sie das Bemühen der Presse sehen, eine einmal geschnappte Beute endlich auch zur definitiven Strecke bringen zu wollen. Beide Seiten sind sich wohl nur in einem einig: Das Amt, das Wulff bekleidet, wird geschwächt, entwürdigt, vielleicht sogar irreparabel beschädigt. Eine Position ohne wirkliche Macht, die sich aber auch der politischen Gegenmächte entziehen kann, da es ohne jursitische Verfehlung kein Mittel, keinen Rückitrittszwang gibt, wird genau in diesem Sinne ausgereizt, während jedes Leben, jeder politische und identitätsstiftende Orientierung, welche der Amtsträger durch seine Position leisten könnte, verschenkt und auf lange Zeit unmöglich wird.

Deutschland kann daraus nur einen Nutzen ziehen: Indem neu und offen darüber diskutiert wird, wie es sich sich seine Politiker wünscht, wie es geführt und worin es sich repräsentiert sehen will, und vor allem, worin es sich geeinigt sieht als Gemeinschaft. Doch derjenige, welcher die Werte beschreiben könnte, der die Stimmungen aufnehmen und sie repräsentieren könnte, hat sich längst in Hotelrechnungen und vor allem in Erklärungsnöten verstrickt und ist mehr als unauffällig ein sehr Gewöhnlicher geworden.

Und da gibt es auf der anderen Seite einen Industriellen, einen schwer reichen Mann, der ein Firmenkonglomerat geschenkt bekommt, mit einer Ausrichtung, die auf höchste Gewinne getrimmt ist. Was er antrifft, gefällt ihm in vielen Dingen nicht, und er beginnt sie zu korrigieren, ohne dass er die Absatzmärkte hinter sich bringen könnte. Der Markt will Asbest. Stephan Schmidheiny will ihn nicht. Wenn man einem Industriellen NICHT vorwerfen kann, er wäre den Auswirkungen seiner Produkte gegenüber gleichgültig, dann ist es er.
Die Gesellschaft muss sich bewusst sein: Wenn sie den Industriellen und Spitzenmanagern vorführt, dass ein konziliantes Verhalten, der Versuch einer ehrlichen Korrektur einer falschen Entwicklung aus der Warte der Führung von oben darin gipfelt, dass diese Position zu einer Verurteilung führt, weil man sich an die hält, die man greifen kann, so werden sich all jene bestätigt sehen, die in ihren Positionen gesellschaftliche Kritik blocken und ignorieren.

Wollen wir das? Es geht nicht darum, dass Schmidheiny schon seinen Weg finden wird, ohne Gefängnis aus der Sache raus zu kommen – es geht um die Signale an die Wirtschaft als Ganzes, um das Gedankengut all jener, die nur beobachten können und sich Gedanken machen, wie sie ähnlichem vorbeugen können. Verliert Schmidheiny, verlieren wir alle. Für die Asbest-Opfer ist das zynisch. Aber sie sind eben Beispiele unserer ganz allgemeinen Ethik, die ihre Grenzen in der gewünschten Reibungslosigkeit einer Anwendung und in der möglichst hohen Rentabilität findet.

Es sind, gewissermassen, unsere Opfer. Und im Gegensatz zu Schmidheiny wollen wir keinen Cent für sie zahlen.