Amsterdams Laute
Welches ist “Ihre” Stadt?
Ich meine die Stadt, in die Sie immer wieder kommen können und dabei die Gewissheit haben, dass Ihnen immer wieder etwas Neues auffällt, das sich ins Puzzle einfügt, welches das Bild wiedergibt, in dem sie “Ihre” Stadt immer wieder erkennen.
Ich glaube schon lange, und mittlerweile bin ich mir sicher, dass diese meine Stadt Amsterdam ist – und bleiben wird.
Und dieses Mal ist mir an ihr vor allem ihr eigenes Geräusch aufgefallen. Natürlich ist es in einer Stadt laut, macht sie Lärm. Aber ich kenne keine andere Stadt, in der dieser Lärm nicht nur von Menschen gemacht wird, sondern von Menschen stammt: Nirgends sonst höre ich sie so deutlich und laut reden, klingen die Stimmen durch die Gassen, wabern von Laterne zu Laterne, ja sie schwingen sich sogar über die Grachten und hallen da fort, als kämen sie immer wieder, bis sie gehört werden.
Und ich kenne keine andere Stadt, die so viele ruhige, stille Ecken kennt, wo der Mensch nicht so sehr vom Lärm seiner Maschinen erwürgt sondern noch selbst gehört wird. Und unzählig sind die Gassen, in denen das Leben nicht schneller davon zu ziehen scheint, als das Wasser in den Grachten fliesst.
Und auf all dies hinunter schauen die Flaschenzüge in den Giebeln der Häuser, die sich ganz bestimmt dabei ein wenig vorbeugen, um besser sehen zu können. Gibt es eine andere Stadt, in der Enge weniger bedrohlich ist als hier?
Amsterdam ist alt, schmutzig, grau. Und bleibt in allem neu, frisch, luftig, lieblich und jung. Diese Stadt ist das sich selbst abbildende Leben in seiner ständigen Erfüllung, die in ihrem baldigen Ende sich sogleich wieder erneuert. Hier atme ich so frei wie in keiner anderen Stadt, und meine Neugier ist wach, bleibt unersättlich, ohne dass ich irgend eine Gier nach mehr kennen würde noch eine Angst, irgend etwas zu verpassen.
Ich komme seit zwei Jahrzehnten immer wieder hierher. Aber fragen Sie mich nicht unbedingt nach bestimmten Sehenswürdigkeiten. Es könnte durchaus sein, dass ich Ihnen nicht genau sagen kann, wie Sie dahin kommen. Sie sollten mich aber auch nicht fragen, WIE Sie Amsterdam erkunden sollen, denn es könnte geschehen, dass ich gar nicht mehr damit aufhöre mit dem unmöglichen Versuch, Ihnen zu schildern, WIE ich an Ihrer Stelle durch Amsterdam gehen würde, wie ich hier flanieren kann, WAS Schlendern wirklich bedeutet, welche Lust es sein kann, zu spazieren. Und Kaffee zu trinken und den Leuten zuzusehen, die ganz offensichtlich Ähnliches üben wie ich.
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