Alice Schwarzer und die Menschenrechte
Auch wenn die Bilder spärlich bleiben: In Burma leiden Millionen. Militärschädel auf der einen, humanistische Hilfsangebote auf der anderen Seite. Und mitten drin Alice Schwarzer. Das kann nicht gut gehen. Dass dabei Grundwerte wie Menschenrechte aus dieser Ecke relativiert werden, ist der wirkliche Skandal – und wohl das Zeichen, für ein Phänomen, das unserer satten Gesellschaft den Garaus macht: Unsere Unempfindlichkeit.
Reisen bildet. Das ist unbestritten. Das liegt vor allem daran, dass man angesichts der Schönheiten der Natur, unter dem Eindruck so ganz fremder Lebensumstände und sich durch das Kennenlernen neuer Mentalitäten und Kulturen neue Zugänge zu sich selbst erschliessen kann. Zudem kann man diese Reisen so planen, dass man einen möglichst vielfältigen Eindruck von verschiedenen Aspekten eines Landes bekommt, und man kann sich bemühen, den Menschen direkt vor Ort zu begegnen und nicht nur hinter dem Fremdenführer her zu trotten.
Dennoch sollten wir uns bewusst sein, dass das, was wir dabei erleben, immer nur Facetten einer fremden Welt sind, und wenn sie uns noch so vertraut zu werden scheint, so heisst das oft nur, dass sie nicht so fremd bleibt, wie vermutet. Wir sind vier Mal durch Indien gereist, waren dreimal in Australien – deswegen können wir nicht behaupten, wir würden diese Länder und die vielen anderen “kennen”, die wir sehen durften. Was sicher gilt: Wir kennen uns selbst derweil besser, haben uns selbst neu erfahren und ganz bestimmt einen offeneren und weiteren Blickwinkel für die eigenen Lebensumstände bekommen. Dieser besagte Blick bleibt aber immer ein sehr subjektiver. Das gilt auch für Alice Schwarzer, die sich als mehrfache Burma-Reisende anlässlich der internationalen Kritik am Verhalten der burmesischen Regierung veranlasst sah, in der FAZ einen Kontrapunkt zu setzen, weil sie sich ganz offensichtlich daran störte, dass die westlichen Hilfsangebote bestimmt nicht frei von politischen Absichten sein dürften, weshalb sie ein Verständnis für die “Zurückhaltung” der Militärs in Burma andeutete, um es meinerseits zurückhaltend zu formulieren…
Nun, als gesellschaftliche (Reiz-)Figur des Westens ist nicht nur Frau Schwarzer versucht, dieses Gewicht auch mal dann in die Waagschale zu werfen, wenn Begebenheiten in die eigene Nase stechen, deren Beurteilung nicht zur Kernkompetenz des eigenen Profils gehören. Und wenn eine Kämpferin der Frauenrechte Verständnis für die Handlungsweise einer Militärjunta signalisiert, ist das natürlich ein Fressen für Kontra-Positionen, die ihrerseits dadurch mehr Profil bekommen können. Und so fühlt sich der Herr Matuseck auf Spiegel-Online zu einer sehr polemischen Entgegnung herausgefordert, worauf zwei Intellektuelle also darüber streiten, wer nur den touristischen und wer den soziologischen Durchblick in der Beurteilung des burmesischen Alltags haben möge. In der Mitte positioniert sich derweil im Bestreben um die Demonstration der Souveränität Willi Germund in der Berliner Zeitung, wo er sich genau darüber nicht zu Unrecht mokiert. Dabei wird über Vieles gestritten – und auch mich macht die Verharmlosung der Menschenverachtung des Regimes durch Frau Schwarzer ziemlich fassungslos, zumal es relativ zynisch erscheint, auf dem Rücken hungernder und obdachloser Opfer die Motive der Hilfswilligen erst untersuchen zu wollen, derweil es sonst überhaupt keine Hilfe gibt und die Verhinderung der ausländischen Hilfe genau so politische Gründe hat.
Der wirklich mehr als alles andere alarmierende Satz in der Postille von Alice Schwarzer in der FAZ lautet:
Es kann in diesen postkolonialistischen Zeiten schließlich keinem Menschen, der nicht entschlossen ist wegzugucken, entgehen, dass einst ehrenwerte Begriffe wie Menschenrechte oder Demokratie leider längst ihre Unschuld verloren haben.
Das grösste Problem unserer modernen Gesellschaften ist genau diese Haltung: Wir konstatieren die Verwässerung politischer und gesellschaftlicher Ideale wie Demokratie und Menschenrechte – und beteiligen und damit an deren Beerdigung. Frau Schwarzer, liebe Leserinnen und Leser, diese Begriffe können ihre Ehrenwertigkeit gar nicht verlieren. Sie können missbraucht, mit Füssen getreten werden, aber sie verlieren dadurch kein Gramm ihrer Bedeutung und Wichtigkeit, und schon gar nicht ihrer Ehre. Im Gegenteil! Die Gleichgültigkeit oder zumindest die Müdigkeit, mit der wir dem Missbrauch dieser Werte begegnen, DIE ist wirklich alarmierend. Menschen wie Martin Luther King oder Mahatma Gandhi würden ihren Augen und Ohren nicht trauen, wenn sie unsere matte Lustlosigkeit mit erleben müssten. Und das Schlimmste: Es ist nicht mal unsere Verzweiflung, die uns so handeln und denken lässt, die es möglich macht, Demokratie und Menschenrechte NICHT zu verteidigen oder erstmals anzustreben: Es ist unsere Gleichgültigkeit, diese satte Trägheit, die uns vor dem Fernseher hocken lässt, im Schnitt drei Stunden pro Tag. Es reicht völlig aus, dass unser Auskommen nicht unmittelbar bedroht ist, und schon verlieren wir jedes Ehrgefühl.
Ihre Haltung, Frau Schwarzer, bedeutet nichts anderes, als dass kein Regime der Welt mehr an die Einhaltung der Menschenrechte gemahnt werden kann, weil wir alle Dreck am Stecken haben und nur unsere wirtschaftlichen und machtpolitischen Ziele verfolgen. Die Weltgemeinschaft hat aber durchaus Regularien entwickelt, die diese gegenseitigen Vorhaltungen vorbringbar machen, es werden Regeln definiert, und nur, weil sie nicht eingehalten werden, wird es nicht weniger zynisch für die Betroffenen, wenn wir nur noch mit den Schultern zucken. O nein! Demokratie und Menschenrechte werden nicht wertlos, nur weil sie ein Gangster wie Mugabe im Munde führt, oder wer auch immer. Was Menschenrechte und Demokratie bedeuten oder eben bedeuteten, muss nicht lange erklärt werden. Es sind absolute Werte, die in ihrer Ehre nicht besudelt werden können. Wir WISSEN, wann wir ihnen nachleben und wann nicht. Im Versuch, danach zu leben, mögen wir dabei noch so mangelhaft abschneiden, am menschlichen absoluten Wert dieser Prinzipien ändert sich gar nichts. Und an der Möglichkeit, ihnen Geltung zu verschaffen auch nicht, gerade in wirtschaftlich prosperierenden Gesellschaftsordnungen, die vor dem absoluten Wert der Menschenrechte keine wirklich stichhaltigen Argumente vorbringen können – wie wir alle in unserem Herzen wissen. Der Kampf für die Veränderung muss aber auch immer reaktiv dort geführt werden, wo die Schamlosigkeit offener Missachtung vorgelebt wird.
Eine Frauenrechtlerin, die so viel zynischen oder resignativen Realismus angesichts einer internationalen politischen Momentansituation oder im Bewusstsein der miesen Geschichte offenbart, kann fast nicht mehr abgenommen werden, dass da mal eine Kraft vorhanden war, die kompromisslos genug dachte, um wirklich die Lebensbedingungen der Frauen massgeblich zu verbessern, nicht nur in Deutschland und durchaus im Sinne der Menschenrechte. Wäre die Gesellschaft Alice Schwarzer so begegnet worden, wie jetzt von ihr vorgelebt, so hätte sie gar nichts erreichen können.
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Artikel zum Thema, nochmals im Überblick:
Alice Schwarzer in der FAZ, 31.5.08: Warum Burma echte Freunde braucht
Mathias Mattusek in SPIEGEL ONLINE, 1.6.08: Alice im Wunderland
Willi Germund in der BERLINER ZEITUNG, 4.6.08: Es geht übrigens um Birma
Michale Hanfeld in der FAZ selbst: Das grösste Übel
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