Abschied schenken
Kennen Sie das? Sie treten eine Reise an, sind bereits in den Bus oder die Bahn eingestiegen. Das Fenster setzt sich in Bewegung. Der liebe Mensch davor beginnt zu gehen, dann zu traben und schliesslich zu rennen. Er winkt wie wild, erst freudig, dann werden die Gesichtszüge verkrampfter, und es ist nicht nur die Anstrengung, es ist auch ein bisschen Verzweiflung, Aufbegehren gegen die Trennung. Und es gibt den Moment, in dem Sie sich wünschen, der liebe Mensch würde freiwillig zurückbleiben, ablassen und gelöst winken. Es ist unvermeidlich, dass Sie diesen Menschen aus den Augen verlieren, aber sie würden sich wünschen, das letzte Bild wäre ein mitgegebener Segen.
Vielleicht wollten Sie die Reise ursprünglich nicht antreten, aber nun sitzen Sie da, haben sich doch bewusst dazu entschlossen oder sich hinein geschickt, die Angst vor dem Ziel verscheucht oder abgelegt.
Wer fährt, lässt viel leichter bewusst los, lässt das zurück Bleibende fahren. Wenn es Zeit wird, zu gehen, kann kein ausgebliebenes Gespräch den Moment hinauszögern.
Gehe hin in Frieden. Auf dem letzten Weg Menschen gehen lassen zu müssen, ist stets eine Prüfung, ein auferzwungener Abschied, ein Verlust und Verzicht, bis wir selbst diese Schwelle übersteigen, ohne Gepäck, hoffentlich. Mit Menschen in der Erinnerung, die versöhnt sind mit uns und unserer Reise, so dass kein Schreien und Klagen das Einsteigen erschwert.
Ich glaube, dass die Mutter aller Reisen eine Heimkehr ist.
Der Anstoss zu diesem Text stammt von einem Blogeintrag bei Nachbarland
