Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Abschied in den Frieden - VIII - Vor dem Winken

∞  16 Juli 2013, 17:25

Wie lange wie trauern ist normal?

Die Debatte gibt es wirklich. Es kann nicht verwundern. Denn in unserer Gesellschaft hat jede Auseinandersetzung mit seelischem Schmerz den Hang, zu einer Krankheit deklariert zu werden – und dann wird es für die Gesellschaft oder Versicherungen teuer – und genau deswegen ist es – eben – eine Debatte.

Ich stelle an mir selbst fest, dass ich länger brauche, als gedacht, um mich gedanklich von meiner Mutter zu lösen. Ob trotz oder gerade wegen der Tatsache, dass unser Verhältnis nicht unbedingt ein enges war, auch wenn es immer harmonischer wurde, ist mir im Grunde gleichgültig. Genau darin liegt wohl der Schlüssel: So lange ich mich nicht in meine Trauer flüchte, aber einfach spüre, dass sie noch ein wenig Raum braucht, will ich das nicht abwürgen. Es würde nicht zur erlebten Begleitung passen und darf nun genau so seinen Raum haben wie so oft Geschäft oder Vergnügen den gleichen Raum ganz selbstverständlich einnehmen.

Ich ertappe mich dabei, wie ich mich mahne, endlich ins Funktionieren zu kommen – und ich versuche, den Gedanken wieder fahren zu lassen. Nicht nur, weil es mir durch meine Frau und mein Team ermöglicht wird, diesen Prozess in Ruhe abzuschliessen, bei der inneren Uhr zu bleiben, sondern auch, weil, sobald ich den Gedanken an die vermutete Norm ablege, ich mich entspanne, ich also ehrlich zu mir selber bin: Ich brauche Zeit.

Ich habe noch die Beerdigung vor mir, und ich bin selber gespannt, wie stark dies mich aufwühlen wird – oder dazu beitragen kann, diesen Prozess weiter zu gehen: Verstand und Herz sagen mir, dass wir Grund hätten, zu feiern: Meine Mutter wollte gehen und durfte gehen. Für sie war es genug und sie war bereit – nicht nur aus einer Lebensmüdigkeit heraus, sondern auch mit einem bewussten Blick zurück.

Sie nahm aus ihrer Sicht keine offenen Rechnungen mit auf die Reise – in genau dem Sinn, der ihr wichtig war und für ihre innere Vorbereitung notwendig. Mehr wird uns allen wohl nicht gelingen. Und wir streichen alle auch immer wieder Rechnungen einseitig glatt. Zu Abschied und Versöhnung gehört auch, dass man als Zurückbleibender darüber lächeln lernt und den Reisenden wünscht, dass das Passivkonto leer bleibt. Ich habe einen grossen Respekt vor der praktischen und der Seelenarbeit, die auch so für diese Vorbereitung notwendig ist. Und ich habe viel gelernt – um jetzt zu winken und Tschüss zu sagen.

Die Erinnerung bleibt ewig, habe ich heute auf einer Trauerkarte gelesen. Das stimmt natürlich nicht. Sie verblasst, bleibt schliesslich nur an Ecken hängen. Aber das, was ich erfahren, gelernt und verinnerlicht habe, das kann bleiben und Frucht tragen. Es ist die Art von Erinnerung und Ehrung, die ich mir für dich wünsche.