Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Die Düfte der Natur

∞  18 Oktober 2014, 23:00

Ich erlebe meine Ferien in einer einzigartig schönen Umgebung. Wenn ich mich auf meinen Spaziergang um den Weiher mache, dann fühlen meine Füsse, sehen meine Augen, hören meine Ohren – aber alles, was ich da wahrnehme, aufnehme, ist auch Teil jenes Sinnes, der bei mir am wenigsten stark ausgestaltet ist: Ich rieche was ich sehe. Und plötzlich noch viel mehr.

Die Feuchtigkeit des Grases, der weiche Boden, die knackende Nuss unter dem Schuh, das Rauschen der Pappeln im Wind, das Klatschen der Karpfenflossen auf dem Wasser, wenn sie abtauchen, bevor ich sie sehen kann. Das lautlose Verwesen der Blätter auf dem Wasser und am Boden, die knackenden Kiesel unter der Sohle, die wärmende Sonne, die das Gras noch einmal duften lässt… Ja, herrschaft nochmal – ich beschreibe Geräusche, weil ich Duft nicht wirklich beschreiben kann. Aber atmen Sie durch, atmen Sie tief und gehen Sie raus.

Die Erde an den Fingern, die Feuchtigkeit im Gemäuer – die Natur ist nicht zuletzt mit all ihren Düften um uns – und mit unseren Parfums imitieren wir Natürlichkeit, um Körpergeruch zu übertünchen. Dabei wäre weniger oft mehr, denn unser Duft ist ein Teil unserer Identität, und wenn wir uns gut riechen können, mögen wir uns auch leiden.

Tage wie dieser - oder ganz andere

∞  26 August 2014, 00:32

Heute war so ein Tag, auf den ich gerne zurück blicke:

Wir haben uns von nichts aus der Ruhe bringen lassen und konnten eine ganze Reihe von Dingen von der Pendenzenliste streichen.

Ich staune dabei immer wieder über die Gründe, warum ein Tag rund verläuft oder von Anfang bis Ende harkt?

Oft ist das nicht zu durchschauen, und es gibt objektiv keinen Grund für das eine oder das andere.

Also nehme ich das immer auch als Geschenk – und versuche umgekehrt, Tage, an denen die Verflixt-Hexe wütet, gelassener zu nehmen. Nehme ich mir zumindest vor. Was heute ganz leicht und logisch erscheint…

Mein Sparringpartner ist ein Lehrer

∞  21 August 2014, 23:22

Tennis ist ein wunderbarer Sport. Ich liebe ihn und spiele sehr gerne. Ich geniesse, die Möglichkeit, diesen Sport mit Partnern unterschiedlichsten Alters ausüben zu können – und zwar so, dass alle ihren Spass haben. Also wehe, ich spiele Turnier…

Das mit dem Spass ist so eine Sache, so bald ich es darauf ankommen lasse und wieder mal Turnier spiele. Ist Tennis nur Freizeit und also Training und Plausch, so kann ich mich oft problemlos nur auf den Ball konzentrieren. Auch zwischen den Ballwechseln. Spiele ich aber Turnier, so ist in meinem Kopf die Hölle los: Ich habe gefühlt tausend Gedanken im Kopf und komme überhaupt nicht in diese Tunnelfokussierung, in der ich nur noch den Ball und den nächsten zu spielenden Punkt sehe. Ich spiele zwei Games und hüpfe in Gedanken schon in den zweiten Satz, ich beginne schlecht und sehe mich schon als Verlierer – Umgekehrtes kann genau so passieren – mit ebenso verheerendem Ergebnis. Und spiele ich schlecht, wird es bestimmt nicht besser, und ich überlege mir dann auch noch ständig, was die Zuschauer und Kollegen wohl denken, dass ich diesen leichten Ball verschlagen habe.

Kurz: Ich bin dann nicht zu gebrauchen.

Die Realität neben dem Platz kann dann sehr wohl so aussehen, dass genau diese Kollegen den Einsatz loben und finden, es wäre phasenweise doch ganz gut gewesen.
Das kann ich dann nett finden, glauben aber tue ich es nicht, ich weiss es besser. Ich weiss es immer besser. Und dann kommt mein gelegentlicher Sparringpartner und gibt mir die Hand, lobt die Volleys, die viel besser geworden wären, lächelt mich an, und sagt:

Ein Tennismatch, das Du gewonnen hast, ist eigentlich ein verlorenes Match. Denn daraus lernst Du kaum etwas. Du denkst Dich schon weiter, alles ist super, Du arbeitest nicht an Deinem Spiel. Hast du richtig schlecht gespielt, geschieht Dir das nicht. Ein schelchtes Spiel mit vielen Fehlern lässt Dich viel lernen. DAS macht Spass.

Bizarr? Vielleicht. Aber er hat recht. Mein Partner hat indische Wurzeln. Ich liebe es, mit ihm zu trainieren. Ich denke, es ist zu verstehen.

Verbrauchsgüter - eh nur noch zum Fortschmeissen?

∞  8 August 2014, 18:18

Der Verkäufer von Verbrauchsgütern erlebt absurde Momente:

Auf der einen Seite hat er Kunden, die tatsächlich Angst davor haben, das neue Produkt könnte zu hochwertig sein (echt!). Der Händler fürchtet sich davor, es könnte im Regal hängen bleiben, weil die Konsumenten das Gefühl haben, das Produkt wäre eh zu teuer…

Und auf der andern Seite hat er einen Arbeitgeber und Produzenten, der vermehrt bei Reklamationen einfach mit den Achseln zuckt, weil aller Welt klar sein muss: Bei dem Preisdruck kann nicht die gleiche Sorgfalt in der Produktion angewandt werden wie anno dazumal.

So – und in dem Spannungsfeld soll der Verkäufer mit Lust und Freude an neue Projekte rangehen? Irgendwas läuft da sehr falsch – und ganz sicher nicht zum Vorteil der Endkonsumenten.

Unser Wunder

∞  1 August 2014, 13:22

Wenn wir von einer plötzlichen Erkrankung (oder einer überraschenden Diagnose einer solchen) hören, dann ist unsere Betroffenheit oft gross und nicht gespielt, weil wir uns bewusst machen, wie schnell so was “passieren” kann. Wir “wissen” in diesem Moment: Nichts garantiert uns, dass uns das nicht geschieht. Und dann scheuchen wir den Gedanken wieder fort. Darin sind wir sehr erfolgreich.

Mir geht das genau so. Aber ich wünschte mir, ich würde wenigstens etwas daraus lernen: Das Leben ist ein Geschenk, und ich sollte jeden Tag dafür einsetzen, das auch zu feiern. Diese Art des Feierns kann auch mal laut sein, aber im Grunde ist es, nach meinem Verständnis, ein stilles Fest, manchmal fast eine Andacht. Nur schon, wie mein Körper lebt – welche Leistungen er erbringt, oft eher trotz meines mangelnden Bewusstseins als weil ich wirklich für ihn sorgen würde.

Wir tragen das Wunder unserer biologischen Funktionsweise, aber auch die einmalige Chance in uns, als einziges Lebewesen überhaupt fähig zu sein, darüber zu staunen und daraus eine besondere Bewusstseinshaltung zu entwickeln.

Ich merke dazu an: Zu irgend etwas muss die Tatsache ja gut sein, dass ich älter werde, und ich möchte dieses Staunen noch viel besser lernen – bevor dann die Wehmut darüber einsetzt, dass der Körper nicht mehr kann, was früher mal selbstverständlich war.

10 Min schreiben über: Einheit

∞  17 Mai 2014, 00:49

Wir legen Wert auf Individualität. Wir suchen die Selbstbestimmung und vor einigen Jahren sprachen wir immer von unserer Selbstverwirklichung. Das höre ich weniger oft, fällt mir gerade auf. Wahrscheinlich, weil wir angesichts des Eindrucks härterer Zeiten schon froh sind, einen Job und unser Auskommen zu haben. Wir sind atemloser geworden und hetzen der Sorglosigkeit hinterher. Die Einheit von Körper und Geist werden wir dann haben, wenn wir “es geschafft haben”. Wie wenn das abhängig wäre von einem Etat, von einem Auskommen. Körper und Geist sind gerade dann eine Einheit, wenn nichts Äusseres die Balance stören kann.

Wer nach Einheit strebt, nach Gemeinschaft, Einvernehmen, macht sich gerne und schnell der Gleichmacherei schuldig. Deutschtümelei ist verpönt, und jede Nationalität, wird sie betont, ist verdächtig. Vielleicht gibt es ja die Utopie des vereinten Europas, einer EU, die zur Einheit der Europäer wird. Einheit bedeutet Harmonie, Verbundenheit, Zugehörigkeit. Wenn ein Team eine Einheit bildet, dann ist es “kompakt”, bügelt der eine die Fehler des andern aus, wirkden die Stärken zusammen und bildet sich ein Schild des Schutzes und der Geborgenheit. Einheit ist drinen, Zwietracht bleibt draussen.

Ein Kostüm, eine Kleidung, die zusammen passt, bildet eine Einheit, korrespondiert, die Farben spielen zusammen, der Schnitt fliesst. Die Einheit kann spannend sein, aber sie regt das Auge nicht auf.

Die Einheit ist das kleinste Teil von allem Vielen. Es ist das, was in uns allen wohnt, die Verbundenheit mit der Natur, deren Teil wir sind, mögen wir es auch meistens vergessen haben. Einheit ist Identität, das, was sich nach unserem Verständnis und unserer Überzeugung nicht spalten lässt, von keinem Zweifel bedroht wird. Die meisten von uns haben Grundwahrheiten, die sie hochhalten. Es sind die Einheiten, mit denen sie sich ihr Leben bauen.

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Text verfasst für schreibmut (10 Min schreiben über ein Stichwort)
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Was wenn?

∞  1 Mai 2014, 00:01

Wenn schwierige Aufgaben anstehen, eine Verhandlung auf dem Magen liegt, eine Besichtigung doch bitteschön beim Besichtiger ein positives Urteil auslösen soll – dann sieht man sich in der Vorbereitung ständig überlegen: Was mache ich wenn? Was antworte ich wenn?

Und dann findet der Termin statt – und alles läuft wie am Schnürchen – oder ganz andere Dinge sind offenbar wichtig. Die Stimmung ist von Anfang an ganz anders als befürchtet und alle Befürchtungen lösen sich auf.

Will heissen: Jedes erfolgreiche Geschäft, ein Hauskauf, ein Artikelverkauf, ein Kontrakt, ein Vorstellungsgespräch – hat immer Vorgeschichten und Einflüsse, die ausserhalb von uns stehen. Es gibt immer viele Gründe, warum etwas klappt, und viele davon mögen wir uns zumindest mit zuschreiben können. Immer aber gilt, dass die Umstände uns gnädig sind, dass sich Dinge zusammenfügen, zum Guten wenden, in Einklang stehen, die einem einfach wie ein Geschenk erscheinen. Den grössten Lohn, den wir daraus für uns selber ziehen können, und vielleicht den nachhaltigsten, um das vermaledeite Modewort auch mal zu benützen, ist im Hinblick auf kommende ähnliche Situationen die Gelassenheit zu suchen: Ich kann verschiedene Dinge vorkehren, aber ich kann den Ausgang selten manipulieren. Das gilt auch für Projekte, die schief gehen, Ziele, die nicht erreicht werden. Manchmal macht man Fehler, oder die Umstände sind gegen einen. Aber Vieles davon wendet sich im Laufe der Zeit, findet ein Gleichgewicht, und je wohlgefälliger wir mit dem Unberechenbaren zu Rande kommen, um so eher wird sich das, was wir “Glück” nennen, etwas auf unsere Seite der Wagschale rüber beugen.

Schaue ich mit diesen Gedanken auf meine Vergangenheit und Gegenwart, so habe ich unzählige Gründe, dankbar zu sein – und ganz wenige, diese Gelassenheit beim Blick voraus nicht geradezu von mir zu erwarten. Ich zweifle denn auch manchmal vielleicht an mir, oft aber verzweifle ich einfach an der Welt – bis ich mich wieder in dem Gedanken finde und erde, dass ich mir über Dinge den Kopf zerbreche, die ganz sicher nicht in meinen Abwägungen für meine Zukunft liegen – oder die meiner Liebsten.

Leben wir und sorgen wir, lieben wir und kämpfen wir. Doch vergessen wir nie, dass es die grösste Gabe ist, gute Gaben als solche zu erkennen.

Mein neuer Bammel

∞  23 Februar 2014, 20:55

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Bammel vor dem Älterwerden. Natürlich habe ich schon öfters meine Vernunft bemüht, wenn ich mir überlegt habe, was wir selbst an Vorkehrungen treffen können, dass unser vierter Lebensabschnitt würdevoll und erträglich gestaltet werden kann. Wie viele andere und mit mehr “Grund” als andere können wir zwar anfügen, dass das nun noch reichlich Zeit hat, und dennoch: Schon dieser Gedanke ist Anmassung.

Denn es gibt keine, wirklich keine Garantie. Es gibt nur 80% der Lebensläufe, in denen zu spät auf schwächere körperliche Konstitutionen reagiert wird, so dass das angestammte Leben erst zur erdrückenden Last wird, bevor man seine Lasten verkleinert.

Aber wenn die Konstitution fehlt, wenn das Alter die Menschen in die Stühle zwingt oder gar ins Bett, wie ist es dann zu leben? Warum wollen wir eigentlich alle so alt werden?

Oder: Man versuche mal, eine Patientenverfügung zu formulieren – und erlaube, dass man ihm ein paar Fragen dazu stellt. Wir werden merken, wie schwierig es ist, uns selbst auf die Schliche zu kommen: Wie sehr wollen wir wohl selbst leben, weiter leben, und wie sehr fürchten wir die Abhängigkeit von Schläuchen und Maschinen, so dass wir tatsächlich sagen und unterschreiben mögen, wie viel wir wirklich nicht wollen.

Und: Es ist ein riesiger Unterschied, ob wir verfügen, was wir “nicht mehr” wollen, weil wir schon in bestimmtem Ausmass leiden und “es müde sind”, oder ob wir – wie ich jetzt – diese Situation vorwegnehmen wollen, indem wir mit “was wäre wenn” – Überlegungen sicher gehen möchten, dass wir respektiert werden und Lebenserhaltung in unserem Sinn betrieben wird.

Es gibt sowohl in einer akuten Krankheit wie beim simplen Altwerden so viele mögliche Konstellationen, in denen sich der Mensch am Ende in einer trostlosen Situation wiederfinden kann – wie wollen wir je annehmen, dass gerade uns das nicht aufgebürdet wird?

Und auch dies ist wohl eine unlösbare Frage: Wie empfindet der kranke Mensch seinen Zustand wirklich? Was mir selbst unangenehm vorkommt, was unwürdig – ist das für den Kranken das gleiche? Wie kann ich einen einzigen Gedanken so denken, wie es der Kranke tun mag? Wie kann ich empfinden, was er empfindet? Wie verstehe ich richtig, wie mühsam ein Leben wirklich geworden ist, und wie viel davon einfach ein Klagen ist, das ebenfalls zu einer Art Alltag wird – so, wie wir übers Wetter schimpfen?

Das Faszinosum namens Momentum

∞  18 Februar 2014, 20:35

Mannschaftssportler nennen diesen Effekt so, wenn in mehreren Spielen hintereinander bei knappen Spielsituationen Puck oder Ball immer wieder auf der richtigen Seite ins Netz fallen, bis man trotz eigentlich ebenbürtiger Gegner den Eindruck bekommt, im Grunde jedes weitere Spiel nur gewinnen zu können. Diese Eigenart des guten Laufs – wir kennen das alle, im positiven wie im negativen Sinn. Pech- und Glückssträhnen, sie suchen uns heim und fallen uns zu, und niemand wüsste zu sagen, warum. Wir müssen einfach irgendwie damit umgehen können.

Ich lebe selbst relativ behütet, die Sorgen, die sich in meinem Leben bisher anhäuften, sind höchst überschaubar – und vielleicht habe ich gerade deshalb durchaus Respekt vor anderen Verläufen – und mir erscheint es als ziemliches Mysterium, warum es die einen so und die andern ganz anders trifft. Auf jeden Fall bekomme ich Bauchgrimmen, wenn mir jemand zu erklären versucht, dass man für einen solch positiven Verlauf eben auch viel dazu leisten kann… Mag ja sein, dass man auch zu blöd und zu verblendet sein kann, um dankbar für sein Glück zu sein, aber eine Leistung stellt das nun wirklich nicht dar. Dennoch gibt es tatsächlich keinen besseren Rat für jede Lebenssituation, für gesunde glückliche wie für bedrohte unglückliche, als den Versuch, in jedem Moment den Glauben zu finden, dass ich mit eigenem Verhalten dazu beitragen kann, dass sich eine gute Situation erhält – oder eine schlechte verbessert.

Und noch eines ist gewiss: Menschen, die trotz schwerem Schicksal Lebensfreude verkörpern können, sind eine enorme Inspiration für andere und bewirken damit enorm viel für ihre Umgebung – genau so wie jede Auseinandersetzung mit persönlichem Leid in der Kunst schon immer zu ausserordentlichen Werken geführt hat: Verschliessen wir uns den menschlichen Kräften und Emotionen nicht und versuchen wir stets, sie lebensgestaltend positiv für unser Lebensbild umzusetzen, so wird jede persönliche Verzweiflung auch ihr Ende haben und neuer Hoffnung Platz machen können. Uns allen ist zu wünschen, dass wir dabei auch immer wieder menschliche Unterstützung erleben dürfen.

Wenn der Körper mehr leidet, als die Seele wollte

∞  4 Februar 2014, 19:22

Mein Körper gehört mir! Der Ausspruch ist populär und Teil der feministischen Bewegung, hat in so manchem gesellschaftlichen Kontext ganz wichtige Botschaften ausgesendet. Aber wie halten wir es mit diesem Spruch, wenn dieser Körper krank ist? Wenn unser liebster Liebmensch krank wird?

Wenn plötzlich nichts mehr ist wie zuvor, oder wenn Behandlungen nicht anschlagen? Wie halten wir es damit, wenn dieser Mensch plötzlich sagt: Ich mag nicht mehr?
Oder wie bereiten wir uns vor auf eigene Anfechtungen? Wie erst ist es uns mit der Selbstbestimmung über Körper und Geist, die wir so gerne und so “logisch” als wichtig betrachten, wenn wir von einer Krankheit herausgefordert werden?

Wie gross wird unsere Angst, wie gelassen können wir wieder werden, wenn der Schock vorüber ist, oder sich einebnet im Bewusstsein?

Es gibt so viele Menschen mit klarem Blick für das, was für sie in Frage kommt, und was nicht – und so viele ganz unterschiedliche Lebenssituationen, welche diesen klaren Blick fragend werden lassen. Da ist der eine Krebspatient, bei dem die Krankheit rasend schnell voran schreitet, und der vielleicht nur noch entscheiden kann, ob er auch die nächste Chemo oder Bestrahlung noch will? Und es doch sehr oft nochmals über sich ergehen lässt. Da ist der reflektierende Mensch, der seit Jahren mit seiner Krankheit leben muss, nicht will, aber doch immer wieder sich dem Krankenhausgang stellt, müde wird, Erwartungen verliert, Träume, und doch weiter macht, für viele Menschen in seinem Umfeld eine Inspiration bleibt, auch wenn er von sich selbst glaubt, dass mit ihm nicht mehr viel anzufangen sei.

Was macht uns das Leben lebenswert? Die Frage kann – je nach Lebenssituation – ganz veschiedene Antworten kennen. Und ich vermag schon länger nicht mehr zu sagen, mit welcher Antwort welchem Menschen genau zu helfen wäre. Ich glaube, dass es hier erst recht, noch viel mehr wie bei anderen Aufgaben, nur darum gehen kann, mitzuhelfen, die Fragen zu stellen, sie zu erarbeiten, Mut für sie zu machen – und den Liebesdienst anzubieten, auch die Antwort respektieren zu wollen. Meine Angst vor dem Verlust, vor dem Abschied, mein kindliches Träumen, dass alles wieder gut oder zumindest viel besser kommen könnte – es darf auch sein, aber es sollte nicht als Belastung für den Kranken stehen bleiben. Er soll spüren, dass er geliebt wird, aber auch, dass er nicht mehr zu leisten hat, als das, was er selbst erbringen will.

Wir trennen uns alle, irgendwann, werden getrennt. Und doch gehören wir zusammen, als Menschen mit den immerwährenden gleichen Aufgabenstellungen – von denen wir uns aber längst nicht alle aneignen müssen, schon gar nicht diejengien, die von aussen an uns heran getragen werden. Es kommt der Moment, in dem wir wissen, was nun sein darf und nicht mehr sein muss – und auch alles Leid darf mal ein Ende haben. Kehrt diese Leichtigkeit ein, an nichts mehr festhalten zu müssen, kann darin auch eine kummerfreie Demut erlebt werden, die wir wohl alle irgendwie anstreben, wenn wir von der sog. Gelassenheit reden.

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