Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Gratwanderung in Lille

∞  21 November 2014, 13:58

In diesen Minuten beginnt der Final im Davis Cup zwischen Frankreich und der Schweiz. Was ein Kräftemessen auf höchstem Niveau werden könnte, ist vor allem anderen vor allem eine Gratwanderung des Haupt-Protagonisten: Roger Federer riskiert seine Gesundheit.

Jahrelang nur in Notfällen wirklich Teil des Teams, weil die hauptsächlichen Ziele und die Energiereserven nichts anderes zuliessen, entschied sich Roger Federer dieses Jahr, voll mit dem Team mit zu ziehen – um nun im Final die Potenzierung dieses Spagates vollziehen zu müssen:

Er tritt an trotz Rückenverletzung – und riskiert dabei seine Gesundheit. Ich kann das aus der Distanz natürlich nicht wirklich beurteilen, aber die Gefahr ist doch gross, dass Federer unter dem Druck, für ein ganzes Team spielen zu “müssen”, seine Belastungsgrenzen überschreitet und damit den Rest seiner Karriere riskiert: Verschlimmern sich seine Rückenprobleme, so ist das Australian Open gefährdet und der Abstand zur absoluten Spitze würde vielleicht endgültig zu gross.

Federer hat noch nie einen Match vorzeitig aufgegeben – bei mehr als 1200 Spielen auf der Profitour! Und ganze dreimal trat er zu einer Partie nicht an. Für den ATP-Final konnte er das noch für sich entscheiden, und das war schon wahnsinnig schwer. Aber jetzt – für ein Team spielend?

Dabei wollen wir ehrlich sein:
Keinem Menschen käme es in den Sinn, eine Tenniskarriere wirklich daran zu messen, ob der Davis Cup gewonnen wurde. Zu sehr hat der Wettbewerb an Bedeutung in den letzten Jahrzehnten verloren. Wer weiss denn noch, wer letztes Jahr das Gewinnerland war? Oder vor zwei Jahren? Davis Cup – das is ein wichtiger Anlass, um den Tennissport in den einzelnen Ländern zu fördern. Er ist stimmungsvoll und ein grosser Sport-Event. Er stellt für die Spieler der zweiten Garde der Schweizer einen Karrierehöhepunt dar und schafft eine finanzielle Basis, mit der sie den Spitzensport weiter finanzieren können. Aber damit hat es sich dann auch.

Ich hoffe sehr, dass alles gut geht – und damit meine ich nicht den Schweizer Gewinn des Davis Cup.

Trennung mit Anstand?

∞  8 November 2014, 14:30

Esteban Gutierrez bekommt keinen neuen Vertrag als Pilot im Sauber-Formel1-Rennstall. Er erfährt es aus der offiziellen Pressemitteilung seines Arbeitgebers, wie er sagt.

Nun ist er selbst Realist genug, um zu wissen, dass seine Leistungen nicht genügten und er spricht selbst davon, dass schon die Körpersprache der Partner in den Gesprächen ja einiges verrate.

Es geht hier auch nicht darum, Sauber in die Pfanne zu hauen oder um den letzten Wahrheitsgehalt und allenfalls andere Wahrnehmungen und Verlautbarungen aus dem Umfeld. Es geht, wieder mal, nur um das Beispiel, das seinerseits allerdings für eine zutreffende Beobachtung steht:

Unsere Arbeitswelt ist verludert.

Wie heute mit Angestellten umgegangen wird, wenn mann sich von ihnen trennt, ist erschreckend. Die Kälte und die Mechanismen, die dabei sofort greifen passen leider allzu gut zum individuellen Verhalten, das viele Führungspersonen, welche diese Entscheidungen zu vertreten haben, vorleben. Es ist dies der Moment, in dem die so genannten weichen Faktoren (nur schon der Ausdruck!) definitiv nicht mehr zählen. Und jedes Mal, wenn das gelebt wird, bleibt etwas in der Welt zurück, das mit hilft, dass wir wirklich vor nichts mehr zurück schrecken und die Menschen wie Schachfiguren aufs Brett stellen und wieder runter nehmen. In diesem Fall hätte es einen kurzen Anruf bei Gutierrez vor dem Versenden der Pressemitteilung gebraucht – einen Moment Bremsenergie, die es erlaubt hätte, eine Sache zu Ende zu bringen, mit Anstand, um eine neue auch anständig beginnen zu können. Wenn sich Gutierrez dann sehr freundlich zeigt, verstehend, wenn diese Abläufe als “part of the business” bezeichnet werden, dann sollte uns das nicht beruhigen. Im Gegenteil. Denn es bedeutet nichts anderes, als dass auch Arbeitnehmer sich längst nicht mehr gleich verhalten. Identität durch Anerkennung sucht zwar nach wie vor jeder, Identifikation mit dem Unternehmen aber ist etwas für Naivlinge. Und es gibt auch bereits viele Grossunternehmen, die so was für Zeitverschwendung halten – sie rechnen mit gar keiner anderen Motivation ihrer Mitarbeiter, als damit, viel Geld zu verdienen, und das Verständnis reicht nicht weiter als bis zu dem Punkt: Ist mein Mann geil auf mehr Geld, wird er viel Geld für die Firma verdienen wollen. Und Schluss.

Nur: Menschen funktionieren nicht so. Wenn wir mit den Verlierern des Spiels gar nicht umgehen, wenn wir nicht erkennen, dass wir Umgang mit einander brauchen, wenn wir nur nach oben blinzeln und nach unten schnöden, dann gute Nacht. Und Gefühle, die wir negieren, verschwinden deswegen ja nicht. Hass und Frustration setzen sich unterschwellig in der Gesellschaft fort, und wenn auch sie fehlen, ja, dann bleibt wirklich nur noch die automatisierte Konsumwelt übrig.

Natürlich entspricht dies alles nicht dem, was wir in Familien und unter Freunden erleben. Aber niemand wird bestreiten, dass sich alle diese Relationen laufend verändern – und das nicht zu unserem Vorteil.

Der Sonnenkönig und der Maestro

∞  27 Oktober 2014, 20:29

Kein Lebenswerk währt ewig – schon gar nicht, wenn patronale Sentimentalitäten im Weg stehen…

Die Swissindoors sind einer der grössten Sportanlässe der Schweiz – und sollen das drittbedeutendste Hallenturnier der ATP-Saison sein. Damit sind dann nicht die ATP-Punkte, die es zu gewinnen gibt, gemeint, sondern Umsatz und Auslastung des Turniers.

In jeden Fall ist es schon eindrücklich, was unter der Ägide von Roger Brennwald in 44 Jahren entstanden ist. Ich habe das Turnier selbst mehrmals besucht, mit besonderer Vorliebe am Freitag: Acht im Turnier verbliebene Cracks – das garantiert vielfältige Tenniskost auf höchstem Niveau. Meine Prioritäten liegen dabei beim Tennis selbst, das heisst, ich verpasse kaum eine Minute Sport. Das halten nicht nur die Gäste in den VIP-Logen anders: Über weite Teile des Nachmittags sind viele Plätze im Rund leer. Die Stimmung ist nicht schlecht, aber über weite Strecken doch ein wenig lau. Flaniert man doch mal in den Gängen, so fallen mir nicht nur die im Scheinwerfer strahlenden Produkte und Cüpli-Gläser auf – sondern auch so manche nur notdürftig verdeckte Rohbeton-Mauer: Die St. Jakobs-Halle ist nicht mehr ganz neu, und es sind umfangreiche Sanierungsarbeiten notwendig. Zurück in der Halle: Einmal an diesem Tag wird es wirklich stimmungvoll. Und der Unterschied ist verblüffend gross: Wenn jeder Platz besetzt ist und alle gespannt auf den Auftritt des Einen warten. Um acht Uhr abends ist die Partie von Roger Federer angesagt, und dann interessieren sich wirklich alle für Tennis. Die Atmosphäre wird knisternd, Federer ist auch in Basel ein Garant für hohes Niveau. Und die Geschichte dieses Turniers ist mit Federer noch mehr verknüpft als alle andern. Sechs Turniersiege, elf (!) Finalteilnahmen. Unvorstellbar, dass das Turnier ohne ihn diese Bedeutung hätte – und bestimmt wird er dafür auch bezahlt. Wurde er entsprechend honoriert. Denn seit zwei Jahren gefrieren die Minen, wenn sich Brennwald und Federer was zu sagen haben müssen. Roger Brennwald liebt sein Lebenswerk so sehr, dass das ein grosses Problem werden kann. Der Macher IST die Swiss Indoors. Wenigstens nach seinem Duktus. Er kann ja auch Fakten vorweisen. Doch dabei geht vergessen, dass jede Erfolgsgeschichte von heute nicht zwingend eine Fortsetzung findet. Und die Swiss Indoors brauchen Geld. Viel Geld. Neben dem noch offenen politischen Sukkurs sind die Pläne für die Hallensanierung längst nicht garantiert – und woher sollen sie kommen, diese Mittel? Als vor zwei Jahren Federers Management den Vertrag mit Brennwald neu verhandeln wollte, muss das Brennwald in den falschen Hals geraten sein. Denn Federer spielt (auch) nicht nur in Basel, weil er hier praktisch vor der Haustür wohnen kann. Brennwald stellte sich stur, engagierte Nadal als Aushängeschild und wurde von diesem letztes Jahr prompt versetzt. Das Kalkül, dass Federer sein Heimturnier schon nicht auslassen würde, ging zwar auf, aber Brennwald muss in Kauf nehmen, dass seine ungelöste Management-Aufgabe immer lauter in den Medien diskutiert wird. Aber geht es wirklich nur um die Gage für Federer? Es muss vermutet werden, dass dahinter etwas ganz anderes steht:

Die Probleme sind nämlich ziemlich genau so alt wie der Zeitpunkt, zu dem Federer mal laut darüber nachdachte, dass er mit seinem Management die Swiss Indoors einmal übernehmen und damit die Finanzierung sicherstellen könnte – und damit auch die Suche nach einem Titelsponsor leichter fallen könnte: Federer spielt vielleicht noch zwei, drei Jahre, danach wird das Turnier extrem hart in die Eisen oder aufs Gaspedal steigen müssen, um seine Bedeutung und die Finanzierung aufrecht erhalten zu können. Brennwald scheint das Vorpreschen von Federer so in den falschen Hals bekommen zu haben, dass er mit der Empfindlichkeit des Sonnenkönigs den Niedergang seines Lebenswerks riskiert – während er die Lösung vor der Nase hat und nun auch noch zusehen kann, wie dieser seinen dritten Frühling zelebriert und drauf und dran ist, erneut die Nummer 1 im Ranking zu werden.

Peinlich, wie säuerlich Brennwalds Worte an der Siegerehrung rüber kamen, und tragisch, was hier auf Grund persönlicher Befindlichkeiten riskiert wird.

Es ist dies ein öffentlich vorgetragenes Beispiel für die so oft nicht funktionierende grösste aller Lebensaufgaben: Das Erschaffene in neue Hände geben zu können und sich wirklich zurück zu ziehen. Zu erkennen, wann neue Kräfte neue Herausforderungen stemmen sollen, das ist für jeden Patron die schwerste aller Aufgaben. Wer es hin bekommt, ist wirklich gross. Das gilt für den Metzgermeister in ihrem Dorf genau so, wie es auch für Roger Brennwald gelten könnte.

Er versucht es jetzt mit der Agentur Ringier Infront. Vielleicht ist der Weg erfolgreich. Weil die Agentur eines hin bekommen sollte: Das neue Gespräch mit neuen Gesichtern mit Federer und dessen Management. Vielleicht. Das Turnier ist auf jeden Fall darauf angewiesen, dass Federer am Ende sein Herz sprechen lässt – und nicht den gleichen Hochmut in den Vordergrund schiebt, der ihm entgegen gebracht wird:

Im Jahr, in dem die Schweiz mit Federer und Wawrinka zwei Top-5-Tennisspieler besitzt, prangt auf dem Plakat des einzigen Schweizer Tennisturniers von Bedeutung das Konterfei von … Nadal. Im Grunde sagt das schon alles.

Twittern als Wettkampfführung

∞  22 Oktober 2014, 22:16

Was Social Media heute für eine Rolle spielt, spielen kann, sieht man gut bei Spitzensportlern – einerseits pflegen sie damit ihr Image – und ihren Marktwert – manchmal aber werden vor allem Twitter-Beiträge auch dazu benutzt, vor einem Wettkampf eine erste Psycho-Front zu eröffnen. So was ist zur Zeit in einer Sportart zu beobachten, die in der Regel eher für die feine Art bekannt sein will: Tennis.

In ein paar Wochen stehen sich Frankreich und die Schweiz im Daviscup-Final gegenüber. Die Franzosen als Gastgeber haben sich bei der Unterlage für Sand entschieden, weil das Roger Federers schwächste Unterlage ist. Zudem werden er wie Wawrinka nur eine Woche zuvor noch die Weltmeisterschaft in London spielen – in der Halle auf Hartbelag. Die Umstellung ist schwierig – und in einer einzigen Woche auf den Punkt bereit zu sein, erst recht. Nun hat Federer zwei Bilder getwittert, die seine Schuhe auf Sandbelag zeigen – mit dem Hinweis, dass er für den Daviscup Sandplatztrainingstage eingestreut hat – mitten in der Hallensaison. Während die Experten darüber streiten, wie wenig Sinn so was macht und ob es überhaupt wahr sei, bestätigt Federers Coach die Trainingstage – und Gilles Simon, Mitglied der französischen Equipe und eben Finalverlierer gegen Federer in Shanghai, fühlt sich gedrängt, das französische Publikum schon mal dazu aufzufordern, den Ausländer Federer in Lille dann nicht etwa auch noch mit Akklamation zu unterstützen. Federer sei sich gewohnt, auch in Frankreich gegen Franzosen von der Hälfte der Zuschauer unterstützt zu werden, das müsse im Daviscup-Final anders sein, um ihn verunsichern zu können.

Zwei Twitterbildchen haben einen richtigen verbalen Kleinkrieg ausgelöst – und an Stelle von Federer würde ich mich amüsiert wundern, was auf diesem Weg ausgelöst werden kann. Es sind noch drei grosse Turniere, die zuvor gespielt werden – aber der Daviscup-Final ist bereits lanciert.

Jede Trainerentlassung auf Schalke ist auch ein Medienlehrstück

∞  8 Oktober 2014, 00:01

Schalke 04 hat seinen Trainer entlassen. Eine Fussballmeldung. Aber im Grunde ist es auch eine Einladung, noch genauer hinzusehen, wie Medien funktionieren. Wie informieren sie, was lassen sie gelten, was nicht?

Schalke 04 ist ein Kultklub. Dazu macht ihn erst einmal die enorme Anziehungskraft im gesamten Ruhrpott. Das führte immer dazu, dass in der Führungsetage auch Menschen zu Gast waren, die nicht nur von Fussball wenig Ahnung hatten, sondern auch von Management. Geschweige denn von Unternehmertum. Schalke war immer Emotion. Verliert man zwei Spiele, sieht man sich in der Hölle, gewinnt man danach zwei, träumt man von Titeln in Europa. So ist das auf Schalke. Und so wollen es die Medien. Denn nichts verkauft sich so gut wie Emotion.

Die Emotion, welche die Medien schüren, ist dem Management abträglich. Einverstanden. Wenn aber die gleichen Medien die von Emotionen geleitete Führung kritisieren, dann wird es bereits ein wenig absurd, denkt man sich die Sache richtig zu Ende.

Hier soll es aber ganz bewusst nicht um Revolvermedien gehen, sondern schlicht um die Berichterstattung und die Reporterreflexe einer eher renommierten Sendeanstalt in Sachen Sport, dem ZDF Sportstudio nämlich. Denn Jens Keller, der nun entlassene Trainer von Schalke 04 war auch dort Dauerthema. Und mindestens so schnell, wie der Rest der Medienwelt wurde da jeweils danach gefragt, wie sicher denn der Trainer im Sattel sitze.

Man stelle sich vor, des Trainers Mannschaft gewinnt ein Spiel. Jetzt könnte man das Spiel analysieren, ein Fazit ziehen und auf die nächste Aufgabe verweisen. Für einen Reporter auf Schalke kann es damit nicht genug sein. Er muss den Sportchef vors Mikrofon holen und ihn, wie schon vor einigen Wochen, fragen, ob denn nun der Trainer sicherer im Sattel sitzen würde? Stereotype Antwort: Wir diskutieren gar nicht über den Trainer. Es wird nachgehakt. Es wird nochmals darauf verwiesen, dass keine Diskussion über den Trainer geführt würde.

Es tritt ab der Sportchef. Stimme aus dem Off des Reporters: “Ein klares Bekenntnis zum Trainer sieht anders aus.”
Hä?

Hier trifft die innere Unruhe auf Schalke auf eine Reportagementalität, welche die Unruhe geisselt, selbst aber alles tut, dass gar keine Ruhe aufkommen kann. Das mag journalistischer Kniff sein. Am Ende aber werden nicht nur die Verantwortlichen bei Schalke 04 unglaubwürdig. Für viele Zuschauer sind auch die Reporter längst nicht mehr ernst zu nehmen. Was nicht nur das ZDF nicht daran hindern wird, die Entscheidung der Trainerentlassung nun in Frage zu stellen und mehr oder weniger unerträglich mahnend den Zeigefinger zu heben…

Stammt der folgende Satz von Beckenbauer?

“Leute, spielt’s Fussball.”

Nicht nur er hat dabei immer besser ausgesehen als in der verbalen Interaktion…

Schumi at home

∞  11 September 2014, 23:30

Michael Schumacher ist zuhause. Der Mann, der wie viele andere Prominente in der Schweiz im Waadtland lebt, “um dort Steuern zu sparen”, hatte dort immer seine Ruhe. Es geht immer wieder gern vergessen, dass Schweizer ganz generell den Glamour, den Prominente verströmen, bestenfalls ertragen, zur Kenntnis nehmen und zur Tagesordnung übergehen. Wir machen kein gar so grosses Aufhebens um sie.

Wir freuen uns auch über Erfolge einheimischer Sportler, aber es ist “nur” Sport und es bleibt auch so.

Schumacher hat das gut getan und seiner Familie auch. Er konnte sogar in der heimischen Fussballmannschaft mispielen und mit den Kollegen nach dem Match relativ unbehelligt eine Bratwurst essen und was trinken: Schumacher ist, wie jeder Berühmte, für uns sehr bald mal auch einfach ein Mensch. Und diese Unaufgeregtheit wird von vielen bekannten Persönlichkeiten geschätzt.

Es ist zu hoffen, dass sich das fortsetzt. Im Spital in Lausanne ging es schon ruhiger zu als in Grenoble, und nun, zu Hause, muss zwar die Polizei noch patroullieren, um aktuelle ein russisches Fernsehteam in Schach zu halten. Aber das wird man in den Griff kriegen und die Privatsphäre ziemlich rigoros hoch oben ansiedeln.

Und so, wie Schumi “bei uns” gelebt hat, ist es sogar sehr gut möglich, dass nachbarschaftliche Verbindungen gar mithelfen, der Familie Mut zu machen. Und vielleicht, Schumi, wirst Du eines Tages einfach an den Grasnarben schnuppern, die Du früher mit den Fussballschuhen umgepflügt hast, und die positiven Emotionen tun Dir dabei gut. Wären nur nicht die todsicher zu Neugierigen rundum, welche nur darauf warten, Dein Elend mal öffentlich zu sehen… Das ist wohl in der aktuellen Situation auch bei uns nicht anders.

Alles Gute!

Alex Frei, Miro Klose, Mario Gomez und die Pfiffe der eigenen Fans

∞  7 September 2014, 18:58

Alex Frei ist der Rekordtorschütze der Schweizer Nationalmannschaft. Je näher die Marke rückte, je verkrampfter wurde das Verhältnis der Fans zum Stürmer. Und schliesslich kam es zu Pfeifkonzerten in St. Gallen. Als Frei ausgewechselt wurde, waren seine Handzeichen eindeutig: Nie mehr! Das tue ich mir nicht mehr an. So ziemlich schnell wurde das dann auch wahr.

Alex Frei hat immer zu den Wortführern gehört,und das führte dazu, dass man als Zaungast und Medienkonsument mindestens herauslesen konnte, dass da ein Führungsanspruch auch laut eingefordert wurde, wohl auch innerhalb der Mannschaft. Und wenn ein Team Gruppenbildungen kennt, führt das zu Spannungen. Bei fehlenden Ergebnissen führt das zu Ausbrüchen.

Dennoch: Dass die Zuschauer eines Landes im Heimspiel den eigenen Spieler auspfeifen… Kann das sein?

Miroslav Klose hat den Rücktritt aus der Nationalmannschaft Deutschlands erklärt. Er hat alles erreicht – also darf auch Schluss sein mit dem stillschweigenden Tribut, sich als Mittelstürmer des eigenen Landes damit arrangieren zu müssen, dass mehr interessiert als nur das Spiel. Klose hat das nie wirklich verstanden und im Grunde auch niemandem das Recht geben wollen, über ihn als Mensch zu urteilen. Und im Grunde müssten wir uns ja alle fragen: Ja, wie können wir uns das überhaupt anmassen – auf Grund jener Informationen, welche die Medien gefiltert uns vorsetzen?

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Mario Gomez könnte der Nachfolger von Klose sein, ein alter Bekannter, von dem sie seinerzeit, als er bei Stuttgart Tore in Serienproduktion erzielte, so schwärmten. Richtig ins Herz schlossen sie ihn, dass er, trotz spanischen Wurzeln für Deutschland spielte und sie sich in Spanien die Finger lecken würden, könnten sie ihn kriegen… Er wechselte dann auch innerhalb der Bundesliga zu den Bayern. Und spielte da nicht schlecht. Wie Klose auch nicht. Aber so richtig warm wurden sie nicht mit ihm. Nie. Auch Gomez ist kein Lautsprecher. Er kann den Reporter anschauen mit der müden Aussage im Gesicht, dass ihn die Fragen des Reporters eigentlich nichts angehen, weil der Mensch Gomez den Reporter im Grunde auch nichts angeht.

Aber so wetten sie nicht im Fussballgeschäft. Da haben es Typen wie Müller viel einfacher, sich abzugrenzen. Die liefern eloquent so viel Futter, dass man ihnen Privatsphäre viel eher gönnt. Und Respekt auch.

Der Nachfolger, welcher das Problem von Klose und Gomez übernommen hat, könnte Mario Götze heissen. Noch schiesst er die entscheidenden Tore. Daneben sieht man ihm kaum auf dem Platz. Dabei hätte er so viel Talent. Im Interview wirkt er ähnlich abwesend, wie es bei Gomez der Fall sein konnte. Die Augen wandern während dem Sprechen weiter oder kehren sich gegen innen.

Für die Fans scheint das schwierig. Die wollen, dass die Spieler alles geben, und als Beweis dafür braucht es viel Schweiss, Blut und Tränen. Das Messer zwischen den Zähnen, auch im Interview – das hat Mertesacker vorgemacht. Aber das lässt sich nicht kopieren, nachspielen. Das führte dann wirklcih ins Verderben.

Und so kommen wir beim “Fan” an, beim “Supporter”, der eben keiner ist, sondern die frustrierte Wurst, das seine Helden sucht. Und die haben sich gefälltigst in die Brust zu werfen und Kreide zu fressen -und zwar so, dass man es auch sieht. Ein Tor in 90 Minuten und sonst nicht zu sehen? Das ist ja wie Schattenboxen, und es gibt nur wegen diesem Tor keinen Grund, die Zähne zusammen zu beissen beim Meckern. Wenn dann aber die Leistung fehlt, sprich, das Tor, dann geht’s schnell mal rund. Wenn aber die Zuschauer in einem Pflichtspiel den eigenen Mann auspfeifen, dann sagt das viel aus – über den Zuschauer und seine Erwartung, über sein eigenes Verhältnis zu Sport und Land und seine Frustrationen. Und was ist das für eine Lust, in ein solches Pfeifkonzert einzustimmen?

Und dann hörst Du danach die Spieler und zum Beispiel Gomez sagen, er könne die Reaktion des Publikums verstehen – der versiebten Chancen wegen. Also, Freunde, ich behaupte, wenn du das verstehst, hast du vielleicht die Regeln des Geschäfts hingenommen, aber hoffentlich nicht mehr. Wenn du das nämlich wirklcih verstehst, dann hast du dich unterworfen.

Ich stelle mir mal vor, der Spieler Götze, der schon so viel erreicht hat und doch mitten drin in seiner Nationalmannschaftskarriere steht, wird am Sonntagabend gegen Schottland ausgepfiffen und stellt sich danach vor die Medien und sagt: Freunde, das war’s. Das muss ich nicht haben und das geht auch ohne mich. Punkt.

Da wäre doch mal was los und könnte eine wirkliche Debatte entstehen. Imm Innern würde auch ein Kollege wie Lahm genau wissen, wie man zu dieser Folgerung kommen kann.

Die Strahlefrau im Elend

∞  18 August 2014, 00:21

Der Sport schreibt schon verrückte Geschichten. Jetzt habe ich erst gerade hier von Schweizer Leichtathletinnen berichtet und dem sympathischen Auftritt der Schweizer Sprinterin Mujinga Kambundji, die so etwas wie zum einheimischen Star der Leichtathletik-EM wurde – Vierte über 100m, Fünfte über 200m, drei Schweizer Rekorde, ein sympathischer Auftritt ohnegleichen.

Und dann will sie im Final der 4×100m-Staffel etwas an ihre Kolleginnen zurück geben und als Startläuferin zum Erringen einer Medaille beitragen – und verliert nach zwei gelaufenen Metern den Stab. Aus der Traum – der einzige, der ihren Kolleginnen geblieben wäre. Von der Königin zur Versagerin innert drei Tagen.

Und was geschieht? Drei Läuferinnen, die während Jahren sehr Vieles auf dieses Projekt ausgerichtet haben, nehmen Kambundji in ihre Mitte und überrecden sie zu einer Stadionrunde. Und das Publikum sorgt für Gänsehautfeeling.

Die Episode zeigt: Nirgends anders kann man innert kürzester Zeit die ganze Spannbreite von Erfolg und Misserfolg durchleben wie im Sport. Und nichts ist brutaler, als im Team zu verlieren und daran Schuld zu tragen – und doch ist es unser aller Problem, dass wir irgendwann Fehler machen, die für andere Auswirkungen haben. Damit ist umzugehen – von uns selbst und den Betroffenen auch.

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Video, für Leser in der Schweiz
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Artikel zum Ereignis auf srf.ch

Spitzensport mit ansteckender Freude

∞  15 August 2014, 14:42

Sport, wie er viel öfter sein sollte:

In Zürich finden zur Zeit die Leichtathletik-Europameisterschaften statt. Das ist, wie wenn die Ski-WM in Liechtenstein stattfinden würde. So versprengt sind die Schweizer Athleten, die man nennen könnte, wollte man welche finden, die wirklich vorne mitlaufen, springen oder werfen können. Und Sport in Zürich ist generell so eine Sache. Die Stadien sind immer halb leer, egal, ob es um Eisstockschiessen oder Fussball geht. Aber: Wir haben ein tolles Leichtathletikstadion und als Veranstalter auch eine grosse Tradition. Und wir haben vielleicht nicht immer volles Publikum, aber die, welche hier sind, feiern die Sportler. Womit ich bei der Botschaft dieses Artikels angekommen bin:

Spitzensport ist auch, wenn Athleten jahrelang trainieren und seriös leben, um dann bei der Heim-EM im Gehen über 20km an den Start gehen zu dürfen – und neunzehnte zu werden. Im Ziel ist Laura Polli dann überglücklich und gibt zusammen mit ihrer Schwester Interviews, völlig enthusiastisch über die Atmosphäre, die vielen Zuschauer, die Freunde, die aus dem Tessin her gereist wären und all die Freunde des Geher-Sports aus der ganzen Schweiz, die hier wären und all die Leute an der Strecke und der Applaus -und das gute Resultat, denn nach Starterliste wäre sie nur knapp für Platz dreissig gut gewesen.

Und das Allerschönste daran: Man freut sich mit, zieht den Hut vor der Leistung – und das Fernsehen überträgt es auch noch!

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Ins Bild passt da auch eine Frau mit dem schönen Namen Mujinga Kambundji, die im breitesten Strahlelächeln in ebenso breitem Berndeutsch Auskunft gibt – über Topleistungen. Vierte ist sie geworden über 100m im Final. Saumässig gut ist das. Und dass die Medaille nicht erreicht wurde? Pffft. Egal. Es wird gefeiert und gestrahlt, und ich bin ziemlich sicher, dass das viele Kinder für Leichtathletik begeistern wird. Denn es zählt dafür mehr als das nackte Ergebnis. Einfach herrlich, dieser Event. Das IST nun wirklich mal einer!

Offener Brief an Philipp Lahm

∞  28 Juli 2014, 00:11

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Sehr geehrter Herr Lahm

Sie sind aus der Deutschen Fussballnationalmannschaft zurückgetreten. Sie muss zukünftig ohne ihren Kapitän auskommen. Sie sind erst dreissig, auf dem Zenit Ihrer Fähigkeiten, und deshalb hat mich, hat wohl alle Ihr Entscheid überrascht. Was Sie dazu aber in der Zeit in dieser Woche ausgeführt haben, nötigt mir allen Respekt ab, und erlaubt es mir und uns Allen, über das Wesen von Erfolg und Misserfolg tiefer nachzudenken und so einige Mythen des medialen Hypes gerade zu rücken.

Sie nennen nach dem Erleben Ihres grössten Erfolges und trotz dem gewonnen Champions League – Final gerade jetzt auch Ihre grössten Niederlagen. Und bringen es auf den Punkt:

Sie haben im verlorenen Match gegen Chelsea in München eines Ihrer besten Spiele gemacht – und trotzdem verloren. Die ganze Mannschaft hat gut gespielt, hätte es verdient, zu gewinnen. Ein Jahr später reichte es zum Sieg, und das war genau so wenig wirklich erklärlich: Im Fussball, sagen Sie, liegen Sieg und Niederlage so verdammt dicht beieinander. Und Sie fragen:
“Wie wäre das WM-Finale wohl ausgegangen, wenn Gonzalo Higuaín in der 22. Minute für Argentinien getroffen hätte? Oder eine andere Chance genutzt worden wäre? Ich möchte nicht darüber nachdenken.”

Und doch tun Sie es, und das macht die Gedanken um Ihren Rücktritt so wertvoll und besonders. Denn genau dies ist Fakt:

Im Fußball, in ihrem Beruf, liegen Sieg und Niederlage so verdammt dicht beieinander, sagen Sie.
Es gibt niemals die abschliessende, schlüssige Erklärung für den eigenen Erfolg oder das Scheitern. Es ist immer eine Prise Zufälligkeit dabei, die wie eine willkürliche, unlogische Laune des Schicksals erscheint und im Grunde uns alle fragen lassen muss: Warum geschieht mir das? Warum geht jetzt alles auf? Warum ging der Ball an den Pfosten und nicht ins Tor?

Es gibt den selbstbestimmten Ablauf auch für Spitzenkönner nicht wirklich. Im Fussball nicht – und in jedem anderen Beruf auch nicht. Sport ist wohl deshalb so faszinierend, so sehr ein Fixierbild der Fügungen, die zu jedem Erfolg dazu gehören, weil der Zufall ein Bild bekommt: Die verpasste Grosschance, der knallende Pfosten – und dann der eine Fehler im dümmsten Moment – und danach muss man sich dann als Protagonist anhören, wie Argumentationsketten gebildet werden, warum genau dies so geschehen musste – und man hört Konkurrenten sagen, sie hätten so hart für diesen Erfolg gearbeitet und ihn verdient. Auch Sie sagen das. Aber Sie bringen zum Ausdruck, dass es gleichzeitig eine Anmassung darstellt. Denn die Konkurrenten haben ebenfalls alles für den Erfolg getan. Sie sind in diesem Finale nicht in Führung gegangen, obwohl sie die besseren Chancen hatten. Es hätte das ganze Spiel verändert. Es ist nicht geschehen. Warum, wissen wir alle nicht. Das ist die Wahrheit.

Will man in einem Beruf bestehen, muss man nach den beeinflussbaren Faktoren suchen und alles dafür tun, dass sie zu den eigenen Gunsten wirken können – und dazu gehört die eigene Leistung und hoffentlich auch die Fairness, der Respekt vor Regeln und Gegnern. Sie haben das eindrucksvoll immer gelebt. Und werden es weiter tun. Wir ziehen den Hut!

Sie beschreiben auch die stets steigende Intensität. Konnte man früher fünfzehn Jahre auf höchstem Niveau spielen, fühlen Sie sich heute nach zehn Jahren ausgelaugt. Sicher auch, weil Sie als Kapitän gerade in den Niederlagen mehr Kraft benötigten als andere, denn Sie mussten vorangehen, den positiven Rückschluss aus dem Geschehen suchen und festmachen und weiter vorangehen.

Ja, unser Leben gehört uns, und Ihr bewusster Rücktritt, lange voraus schon vorgefasst, ist eine Demonstration: Sie haben sich die Möglichkeit erarbeitet, genau diesen Entscheid selbst zu treffen: Wann es – auf dieser Ebene – genug war und ist. Sie reden in diesem Zusammenhang von Respekt und Demut gegenüber dem Job.
Sie sind dankbar, dass Sie diese Entscheidung treffen können, diese Grenze ziehen mögen, weil Sie Erfolg und Misserfolg abwägen können, von beidem lernen konnten.

Sie sagen, Sie möchten Ihr Leben selbst bestimmen, das heißt: Entscheidungen treffen, bevor sie Sie einholen. Was Sie nicht sagen, ist, dass Sie sich sehr bewusst sind, dass es viele weitere Situationen geben wird, in denen uns das nicht möglich ist. Um so wertvoller sind jene Momente, in denen wir die Zeichen für bewusste Entscheidungen nutzen können.

Ich danke Ihnen für Ihr Beispiel. Für Ihren Respekt und die Fairness, die Sie immer zeigen. Ich wünsche Ihnen Erfolg und glaube, dass Sie den weiter haben werden. Auf vielen Ebenen. So richtig erklären kann ich diesen meinen Glauben nicht. Wünschen aber tue ich es Ihnen auch.

Freundliche Grüsse
Thinkabout – im besten Sinn ein Fan

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