Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Ein Papst seiner Gläubigen

∞  15 Juli 2014, 00:06

#451200120 / gettyimages.com


Deutschland ist Weltmeister. Für viele ein unglaubliches Ereignis, andere haben es von allem Anfang an gewusst. Es ist wie immer. Derweil arbeiten andere an ganz anderen Sensationen – oder sagen wir, an Veränderungen. An wirklichen gestalterischen, menschlichen Schritten. Der neue Pontifex im Vatikan, der herzlich menschliche Argentinier, der auf den professoralen und doch demütig gläubigen Deutschen folgte, tut indessen sein Werk. Zum ersten Mal seit langer Zeit hat man auch als Nichtkatholik durchaus das Gefühl, dass sich da jemand als Hüter seiner Kirche, als Vater der Gläubigen, als Leitstern versteht, und dabei in aller Bescheidenheit wirkt, aber sehr wohl hartnäckig scheint.

Und vielleicht ist die Zeit reif, dass nicht alle Machtzirkel in der Kurie mehr gegen ihn arbeiten können. Und so liest man nun also, dass Papst Franziskus über Lockerungen im Zölibat nachdenkt – und dass er in einem Interview erneut den Kindsmissbrauch in der katholischen Kirche thematisiert hat. Nicht nur tröpfchenweise, als Tribut an hartnäckig nachfragende Journalisten, sondern als erster Kehrer im schäbigen moralischen Hinterhof der katholischen Kirche.

Es geht eine Kraft von diesem Manne aus, und irgendwie kann das vielen anderen Mut machen. Finde ich.

Das Leben als Leistungswettbewerb hat wenig Inhalte

∞  21 November 2013, 15:44

Auf Grund einer falschen Voreinstellung ist der Artikel leider gestern im Entwurfs-Modus stecken geblieben und nicht publiziert worden, sorry.

In meinem persönlichen Verständnis, was meinen Glauben ausmacht, komme ich immer auf die gleiche Grundaussage: Von Anfang bis Schluss geht es im Grunde nur um eines: Um Liebe. Und entsprechend traurig bin ich über die fehlende spirituelle Inspiration in unserer Gesellschaft.

Die Religion, als autoritäre, die Beziehung des Menschen zu Gott und dessen Liebe vermittelnde Institution, ist schwer beschädigt. Das wäre an sich nicht so schlimm, wenn der Mensch zwischen der Scheinheiligkeit des Überbringers der guten Botschaften und der Hellsichtigkeit der Inhalte unterscheiden wollte und sich letzteres nicht nehmen liesse. Aber es geht uns mit den religiösen Inhalten wie mit den politischen Idealen:

Sie sind uns abhanden gekommen, und wir wehren uns erschreckend wenig gegen die kübelweise in uns geschütteten seichten Ersatzinhalte, mit denen das Vakuum gefüllt wird. Im Grunde genommen fehlen uns Inhalte mittlerweile komplett. Es gibt keine Richtung, die erkennbar, wäre, in die ich uns gehen sehe. Was ich wahrnehme, ist Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit, welche die Sinnfragen auf eine abwechslungsreiche Freizeitgestaltung reduziert, und auf Statussymbole, die den eigenen Leistungslevel präsentieren.

Christliche Liebe aber wäre so viel mehr. Es gibt wohl keine andere spirituelle Kraft, welche die gütige Liebe so sehr ins Zentrum ihrer Lehre stellt, und es ist ganz augenscheinlich, dass wir uns, von diesen Inhalten distanziert, aus schierer Vernunft allein nicht entsprechend zu verhalten verstehen: Wir leben im Überfluss und hören gleichzeitig, dass die beschränkten finanziellen Ressourcen Leistungsverknappungen erfordern für jene, die nicht so viel leisten. Wir leben in einer harten Welt, und der Gedanke, dass Nächstenhilfe Gemeinschaftshilfe ist, und damit Hilfe an sich und für sich selbst, scheint zur naiven Utopie zu werden. Wir können die Veränderungen an unserer Gesellschaft nicht nur dann erkennen, wenn wir auf die Strasse blicken und unter die Leute gehen: Wir können es auch sehen, wenn wir uns bewusst machen, was wir heute bereit sind, widerspruchslos hinzunehmen, wogegen wir früher protestiert haben.

Der Krebsgang der Spiritualität bedeutet eine Verarmung der Seele. Und mit unseren Seelen formen wir die Gemeinschaft und sind verantwortlich für die Welt, von der wir essen, trinken und durch die wir atmen. Allein kommen wir dabei nirgends hin. Genügend auf die Starken fokussiert können wir auch nicht ewig agieren, so als persönliche Strategie, denn die Starken von heute sind die Schwachen von morgen. Das geht allen Lebenden so.

Nicht vom rechten Glauben

∞  5 Oktober 2013, 21:54

Ein Interview des SPON mit dem Piusbruder Gaudron bringt wieder mal auf den Punkt, was viele gläubige Christen in Westeuropa ausblenden wollen: Die katholische Kirche ist mit ihrem Anspruch, das einzig wahre und legitime Christentum zu verkörpern, eine unversöhnliche, nicht wirklich zur Ökumene fähige Exklusivgesellschaft.

Und wenn Katholiken durch ihr Beispiel und den angebotenen Dialog dies vergessen machen wollen bzw. selbst der Überzeugung sind, dass friedliche Koexistenz der Religionen UND der Konfessionen möglich ist, dann liegt darin eine Unvereinbarkeit mit der eigenen Lehre, welche für sich reklamiert, dass die katholische Kirche als von Jesus Christus gegründete Kirche (?) das einzige wirkliche Christentum verkündet und also nur zu Gott kommen kann, wer katholisch glaubt. Und diese Lehre, dieses Bewusstsein, der richtigen Glaubensrichtung, nicht nur dem “richtigen” Glauben anzugehören, entspringen dann auch Antworten wie diese hier auf die Frage, ob jemand an Gott glaubt:

Ja, ich bin katholisch.

Uns Protestanten befremdet diese innerste Grundhaltung, die jede Ökumene unmöglich macht, sehr, und natürlich sind wir dankbar für alle Kräfte, welche in ihrer Glaubenspraxis ein anderes Beispiel geben wollen. Nur gebe ich zu bedenken: Wo führt es jene Päpste hin, welche eine Öffnung der Kirche offensiv voran getrieben haben? Papst Franziskus fährt einen diametral anderen Kurs als sein Vorgänger, widerspricht allem Dogmatischen in einer Weise, welche ihn dem Verdacht aller Hardliner aussetzt, ein Religionsführer der Beliebigkeit zu sein. Und die Unfehlbarkeit des Papstes wird dann zu allererst von den konservativen Kräften der Kirche vergessen, wenn es darum geht, den inneren Widerstand gegen jede Öffnung aufzubauen und mit wirklich allen Mitteln dagegen zu arbeiten.

Wahrscheinlich wird jeder Papst, dem die menschliche Güte anzurechnen ist, daran scheitern, dass er zu allererst gläubiger Mensch sein will, und nicht Dogmatiker. Wer so redet und handelt und anderen den Spiegel vorhält, läuft Gefahr, durch innere Obstruktion und Schlimmeres am Ende mundtot gemacht zu werden. Wie auch immer.

Dabei hat der Piusbruder Gaudron in einem leider Recht: Die Öffnung der Kirche ist kein Mittel, neue Mitglieder der Kirchen zu gewinnen. Aber vielleicht misst sich der Erfolg einer Kirche heute, da wir so viel Wert auf Freiheit und Individualität legen, weniger an Bekundungen einer Gefolgschaft messen, als am Beispiel, mit dem wir andere zum ersten Nachdenken bewegen. Ich wünsche dem Papst Franziskus alles andere als die Einsamkeit eines Überzeugten, dessen warmes Herz in der Kälte von Marmormauern erfriert, und ich hoffe, dass unser aller Gott mit ihm mehr vor hat, als ich befürchte:

Möge sich in seinem Umfeld genügend menschliche Kraft bündeln, in der Inspiration echter göttlicher, in Menschen wohnender Liebe, dass tatsächlich von oben nach unten Revolutionäres gelingen kann. Glauben und hoffen mag ich immer… auch als Angehöriger eines Glaubens, der in bestem Fall in katholischen Augen der erste unter allen falschen ist.

Gott ist tot - und die Ethik müde.

∞  1 Oktober 2013, 20:28

Das Ethische lässt sich nicht narren, so wenig, wie Gott seiner spotten lässt; …
Sören Kierkegaard

Nun habe ich aber das Gefühl, dass die Hemmung, über Gott zu spotten, ganz sicher abnimmt. Und ich glaube auch, dass sich unser Gefühl für Ethik wandelt, ja, dass wir die Ethik selbst immer mehr biegen.

Oder ist es etwas anderes, wenn sich unsere Augen an Elend gewöhnen? Wenn sich unser Intellekt ganz schnell ausschalten lässt, indem wir das Elend der andern begründen, und also nicht selbst mehr etwas ändern wollen – geschweige denn müssen?

Politiker opfern alles dem Wählerwillen, sprich dem Wiederwahlwollenwillen.
Unternehmer ordnen alles dem Wachstum unter.
Und die Natur ordnet uns sich unter, auch wenn wir es (noch) nicht sehen.
Und das dürfte auch mit meiner Beobachtung und Mutmassung oben zu unserem Verhältnis zur Ethik durchaus ganz direkt etwas zu tun haben.

Wir fordern Freiheit, und leben sie dann so, dass wir in ihr ja nicht zu sehr ins Denken kommen.

Wir sind einfach nicht reif, um mit der Erde umzugehen. Wir hätten Gott dringend nötig. Doch statt in der Spiritualität Anregung und Gespür für die Art, wie wir selbst Teil der Natur sind, zu suchen, erklären wir die Welt und machen uns dabei mit unseren heutigen Irrtümern vor dem Wissen der nächsten Generation lächerlich.

Wofür wir unser Geld spenden sollten

∞  11 August 2013, 22:46

Der Kalte Krieg ist vorbei. Die Systeme haben sich angenähert. Der Nährboden für einen umfassenden Frieden der Völker wäre eigentlich noch nie so günstig gewesen – oder zumindest für eine friedliche Koexistenz. Die Realität sieht anders aus: Sie wird zunehmend von ethnisch-religiösen Konflikten beherrscht.

Gewaltsame Auseinandersetzungen kosten nicht nur Menschenleben, sie zerstören Existenzen, verhindern Entwicklung und Bildung, binden die Menschen in Hassgefühlen und zementieren Gegensätze, Selbstidentifikation durch Ablehnung des und der Fremden: Die eigenen Reihen werden gegen aussen geschlossen. Wer sich entwickeln will, muss ein Selbstvertrauen finden, das darauf verzichten kann und sich öffnen will.

Deshalb glaube ich, dass die segensreichste Art, Geld zu spenden und Entwicklungshilfe im Sinne des Wortes zu betreiben, ist, Projekte zu unterstützen, die bewusst den Ausgleich der Religionen und die Schuldbildung für Alle fördern. Die Knacknuss aufzubrechen, dass Religionsgrundsätze über den eigenen allein selig machenden Gott nicht den Respekt und die Akzeptanz Andersgläubiger verhindern dürfen, ist die wichtigste gesellschaftlich-soziale Frage, welche die Weltgemeinschaft zu lösen hätte:

Glaubens- und Religionsfreiheit muss mit den Mitteln der Bildung angestrebt und aufgeklärt gelehrt werden, so dass Menschen, und als solche die Schüler lernen, dass der Glauben anderer eine Bereicherung ist, eine Geschwistersache sein kann, in der verschiedenste Menschen verschiedensten Glaubens das wahre Leben suchen und die Sinnfrage beantworten wollen. Wir müssen durch Neugier, Erzählung und akzeptiertes Lebensart den Reichtum der Vielfalt bewusst wollen und ihn nutzen.

Und jede Religion soll – genau so wie jede andere Lebensweise – ihren Platz haben dürfen, sofern sie sich zur aktiv unterstützten Toleranz der Glaubensfreiheit bekennt und die Regeln und Gesetze des Staates akzeptiert. Nun gibt es in allen Religionen Kräfte, die dies unterstützen – und überall da Konservative, die das nicht vereinbaren können. Deshalb ist gerade die Schule oft ein Ort, an dem dem Grundanliegen einer offenen Weltanschauung die Spitze gebrochen wird, statt dabei ein starkes Fundament der Neugier und Menschenliebe zu verankern.

Überall da, wo auf diesen Ausgleich zwischen den Religionen hingewirkt wird, sollte unser Geld fliessen. Unser christliches, jüdisches, muslimisches, atheistisches Geld.
Denn die Konflikte aus Glaubensgründen waren und sind unser aller schlimmste Geissel.

SMS zum Tag: Glauben im Zweifel

∞  1 April 2013, 09:00

Glauben und Zweifel gehören zusammen. Fern von jedem Fanatismus will Glauben gerade dort Vertrauen suchen, wo Fragen brennen.

Gläubige Menschen werden in der nachchristlichen Zeit, wie die unsere schon genannt wird, gerne verdächtigt, sie würden die Verantwortung für ihr Leben abgeben und ihr Weltbild von gar einfachen Bildern bestimmen lassen, in denen es für Zweifel keinerlei Platz geben kann.

Das ist aber beileibe nicht das Rüstzeug, mit dem Gläubige unserer Zeit, egal welcher monotheistischen Religion, durchs Leben kommen. Damit mögen sie glühend für eine Kirche kämpfen, die kraft ihres Willens, die allein selig machende Botschaft zu kennen, Zweifel an sich schon ausschliessen will.

Als Mensch aber, konfrontiert mit den Fragen nach dem tieferen Ursprung des Lebens, seinem Sinn und Ende, ist der Christ unter uns mindestens so sehr kritischer, fragender Geist wie alle neben und vor uns auch. Wer an die mögliche Führung durch eine höhere Kraft glaubt, sucht und deutet die Zeichen in seiner Lebensgeschichte, im Umgang mit den Unsicherheiten im Jetzt und im Ausblick auf Morgen in der ständigen Suche nach Gewissheit, die nie allgemein gültig werden wird:

Gelebter Glaube bleibt Glaube – auf den man sich trotz aller Zweifel stützen kann, wenn man nur die Zeit aushält, in der die eigenen Fragen zu Antworten reifen können. Gerade im Umgang mit der Ungewissheit kann der Glaube Trost bedeuten, weil der Mensch darin die Demut lernen kann, damit umgehen zu müssen, dass er wenig bis nichts weiss. Wissen ist erlernbar, Glaube muss erfahren werden. Das kann ihn irritierend stark machen – fanatisch aber wird ein solcher Glaube nie, denn er vergisst nicht, dass er nicht gelehrt sondern nur gelebt werden kann.



SMS zum Tag: Ruhetag

∞  29 März 2013, 00:06

Karfreitag: Erinnerung an ein göttliches Drama. Selbst daran gedacht? Askese. Entsagung. Null Unterhaltung. Der Tag geht vorbei – Man könnte ihn auch nutzen.

Auch diesen für den christlichen Glauben zentralen Feiertag haben wir längst aufgeweicht. Wenn wir Gewohnheiten, die zu diesem Tag gehören, wie zum Beispiel ein reduziertes, einfaches Essen, einhalten, dann schlicht, weil wir es uns so gewohnt sind und es dem Körper “und der Linie” ganz gut tut, mal kürzer zu treten. Denn die Osterhasen warten ja schon; ist also nicht so schlimm.

Und doch merke ich auf: Frappierend, wie nervös so ein einzelner ruhiger Tag Menschen machen kann. Wie die Gesellschaft auch dieses Relikt der Besinnung längst aufgeweicht hat.

Es heisst dann, dem Bürger solle nichts aufgezwungen werden (ausser dem Rauchverbot natürlich). Als wäre irgend eine Kampagne für die Volksgesundheit von grösserer Lauterkeit als ein Bibelwort oder ein Koranvers. Steuernde Fremdiinteressen hinter allem zu vermuten, das uns an-leiten will, hat nichts mit Verfolgungswahn zu tun. Skepsis ist angebracht. Nicht nur gegenüber Religionsverkündern. Ganz gewiss nicht nur.

Es sind auch nicht nur die Pfaffen, die sich anmassen, die besten Regeln für uns zu kennen. Die Welt ist voll von Menschen, die absolute Wahrheiten formulieren, und sei es auch nur der vorschnelle Ausschluss einer höheren Macht. So, als könnte man nicht damit leben, die letzte Gewissheit nicht zu kennen. Vielleicht sterben wir sogar mit diesem Unwissen. Sehr wahrscheinlich sogar. Da wäre immer mal wieder ein Tag für freie Gedanken, für ruhenden Puls und leichten Magen hilfreich. Ein Tag eben, an dem man die nicht gelösten Fragen aushält und sich darüber freut, dass jeder Tag seinen Platz hat. Nicht nur im Kalender, sondern auch im persönlichen Fortschreiten auf der Lebensachse.

Warum also nicht einfach mal sitzen bleiben und es morgen werden lassen? Aber eben, wir müssen ja den Osterbrunch vorbereiten. Und den Einkaufszettel noch erstellen. Für den Einkauf am Samstag. Und nicht zu spät einkaufen gehen. Es wird wie immer am Ostersamstag ein Gedränge herrschen.




Kirchenschiff und Kanzel St. Peter, Zürich, 28. März 2013



Macht und Leere - egal, mit welchem Papst

∞  12 Februar 2013, 17:38

istockphoto.com/Aaltazar: “Global Christianity”



Wie sehr wird der zurück getretene Papst ein Faktum bleiben? Es wird eine einmalige Situation entstehen, in der die Welt danach fragt, wie der Ex-Papst über eine Sache wohl denken mag – und genau diese Frage nicht beantwortbar sein darf.

Es ist anzunehmen, dass Benedikt der XVI. selbst keine grossen Schwierigkeiten haben wird, sich künftig komplett aus dem Pontifikat rauszuhalten. Aber wie steht es um seine Besucher, um Informationen, die, auf welchem Weg auch immer über das Denken des abgetretenen Papstes nach aussen dringen könnten? Es entsteht eine neue Möglichkeit für Ränkespiele der besonderen Art, in denen eine Mutmassung vielleicht schon ausreicht, für Unruhe zu sorgen.

Die nächsten Wochen werden wir damit verbringen, darüber zu spekulieren, wer Nachfolger werden könnte und sollte – und was die katholische Kirche und vor allem ihre Gläubigen dringend brauchen würden. Nur lässt sich das längst nicht mehr einheitlich für alle Katholiken beantworten – viel zu unterschiedlich ist die Entwicklung in der Kirche weltweit.

Sicher ist wohl nur eines: Wer wirklich Papst wird, ist wohl nicht so entscheidend. Die Kirche kann sich kaum von der Spitze aus erneuern, die Mechanismen der Macht sind eingespielt und schleifen den Reformwillen, so er denn besteht, schon zurecht. Die katholische Kirche ist, nicht nur aus den Skandalen um die Vatikanbank heraus ersichtlich, ein Machtgefüge, ein Staat im Staate mit undurchschaubaren Verbindungen sehr weltlicher Art. Der Name der Rose in Hochglanz vor dem Medienauge, das doch nur zu sehen bekommt, was den Interessen dient. So scheint es zumindest.

Der neue Papst wird wohl wieder ein Europäer sein – und damit ein Vertreter jenes Erdteils, in dem wie in keinem anderen die Säkularisierung voran geschritten ist. Nirgends ist die Abkehr von Religion und Spiritualtiät so ausgeprägt wie hier, nirgends hat sich der von Benedikt XVI. angeprangerte Relativismus so festgesetzt. Und das wird weiter gehen. Dagegen hilft auch kein Priesteramt für Frauen, keine Aufhebung des Zölibats – denn die liberaleren Voraussetzungen für kirchliche Ämter in der reformierten Kirche führen in keiner Weise dazu, dass die Protestanten weniger Mühe hätten, ihre Kirchen wieder zu füllen. Der Exodus geht unvermindert weiter, hüben wie drüben, und es ist nicht anzunehmen, dass sich das ändern wird.


Ein Rücktritt mit sehr viel Haltung

∞  11 Februar 2013, 20:19

Der Papst tritt zurück. Als ich das hörte, bin ich fast vom Gas gegangen beim Autofahren. Dem Schritt sollte man Respekt zollen – und ich könnte deshalb ja mal versuchen, meinen Frieden mit dem Mann zu machen.

istockphoto.com/koun

Dabei muss ich vorausschicken, dass ich sehr wohl so viel Demut in meinem eigenen Leben und Glauben besitze, dass ich mir bewusst bin, dass mein Gott nur schon den Versuch, mir ein Urteil über den obersten Katholiken anzumassen, als ziemlich lächerlich bis ungehörig qualifizieren mag – zumal ich noch nicht mal der gleichen Glaubensrichtung angehöre. Aber es ist nun mal so, dass dieses Amt und die Person, die es ausübt, notgedrungen für Reibungsfläche sorgt: Es ist nicht gleichgültig, wer auf diesem Stuhl in Rom sitzt, nicht mal für jene Atheisten, die jedes katholische Ritual als Karneval verhöhnen mögen.

Habemus Papam. Es ist Kardinal Ratzinger – diese Nachricht wurde von vielen befürchtet, bevor sie verkündet war. Eine Überraschung war seine Ernennung nicht, Begeisterung dürfte sie vor allem in Deutschland ausgelöst haben (“wir sind Papst”) – und bei Traditionalisten. Aber wohl selten ist es so schwer gefallen, einen Papst richtig einzuordnen – nur schon zu beurteilen, worin seine Wirkung am Ende lag und was bleiben könnte. Papst Benedikt XVI. hat die Anhänger des Ausgleichs unter den Religionen mit scheinbar brüskierenden Reden vor Muslimen und Juden vor den Kopf gestossen – er hat aber in der Sache den Dialog gesucht und ihn aufrecht erhalten. Dieser Papst war spirituell konservativ, was gar in der Wiedereinführung der lateinischen Liturgie gipfelte. Er zeigte in seinem Glauben aber auch eine Festigkeit, die ich Ehrlichkeit gegenüber Andersgläubigen nennen möchte, mehr, als so manchem leutseligen Pfarrer geblieben ist, der ein “sowohl als auch” vertritt, als Verkäufer der Kirche, auch da, wo “die Lehre” eindeutig ist:

Benedikt der XVI. konnte keine Ökumene mit den Reformierten anstreben, weil die katholische Lehre nun mal von der allein selig machenden Wirkung und Bedeutung der eigenen Kirche ausgeht, er konnte in letzter Konsequenz Muslime und Juden achten, für ihr Bestreben nach spiritueller Wahrhaftigkeit, anders als fehlgeleitet aber waren sie schlussendlich nicht zu sehen – die allein selig machende Lehre der katholischen christlichen Glaubensrichtung ist unverrückbar.

Er verkörperte damit die gleiche fundamentalistische Festigkeit in seinen Haltungen, wie sie den obersten Vertretern aller monotheistischen Weltreligionen eigen ist, und er war bestrebt, damit den Katholiken gegenüber genau dies vorzuleben: Die Verbindlichkeit eines überzeugten Glaubens, der Fragen nach Recht und Unrecht mit Ja und Nein beantwortet, ohne Wenn und Aber.

Wer glaubt, und seinem Glauben den Charakter des Wissens und der Rechtmässigkeit verleiht, wer im Namen dieses Glaubens in die Lebensumstände von Menschen eingreift und ihnen Vorschriften macht, welche auch Ansprüche an die Moral erheben, der kann im Grunde nichts anderes erklären, als Regeln, Grund- und Leitsätze. Vielleicht ist es die menschliche Tragik dieses so nüchtern handelnden Mannes, der nach der Pflicht seiner Überzeugungen fragt und keine andere Bestätigung für seine Haltung braucht, dass viel zu wenig beachtet wird, wie hoch seine spirituelle Kraft reichte und reicht, wie mehr philosophisch als “nur” religiös manche seiner Schriften sind, die alle mehr Spiritualität atmen als in Dogmen inne wohnen würde.

Dass der erste Gläubige einer Gemeinde so unprätentiös, wie er amtete, nun den Schritt wählt, zurück zu treten, was siebenhundert Jahre lang kein Papst getan hat, nötigt mir Respekt ab. Und vielleicht ist es die Chance, diesem Mann mehr zuzubilligen als jedem Politiker: Dass er nämlich stets handelte und sprach, wie es seiner Überzeugung entsprach und wenig bis gar nicht danach, wie angenommen oder abgelehnt werden könnte, was er sagte.

Er scheint auch eine tiefe Sehnsucht nach dem stillen Fragen, nach dem Weiterforschen nach den inneren Wahrheiten zu kennen, und ist damit vielleicht allen Menschen sehr viel näher, als diese glauben.

Und nicht wenige, welche die konservative Grundhaltung der Kirche bei jedem Papstwechsel beklagen, werden vielleicht erst später erkennen, wie viel Kardinal Ratzinger uns als Papst oder auch als Ex-Papst zu sagen hätte – mit seinem Blick auf unsere kapitalistische Welt, mit der Kritik an unserem Konsumwahn und der Tendenz, Banalitäten zu skandalisieren und umgekehrt nichts wirklich Bedrohliches wahrnehmen zu wollen: Wir tun gerne gerade so, als gäbe es nichts Böses auf der Welt – und jene, die es durchaus ausmachen, zucken mit den Schultern, weil sie kein Mittel dagegen sehen. Ratzinger würde sagen: Jeder an seinem Platz ist einfach mit seiner Haltung gefragt. Und damit ist er auch Teil des Ganzen.

Für den Ex-Papst liegt dieser Platz vielleicht in einem Kloster, bei medizinischer Sorge und Betreuung, aber hungrig bleibendem Geist, und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass er keinen seiner Entscheide so leicht und mit mehr Überzeugung getroffen hat, als seinen heute verkündeten Rücktritt.



Sind wir menschlich oder spirituell?

∞  8 Dezember 2012, 18:38

Wir haben Adventszeit. Die meisten von uns bilanzieren zu dieser Zeit allenfalls, wo sie denn mit den Weihnachtsvorbereitungen stehen: Geschenke schon eingekauft oder steht noch der Gang auf die Shoppingmeilen bevor? Die Frage nach Gott wird für immer mehr Menschen mit dem verwoben und verschliert, was Kirchen daraus machen. Religion wird zu einem “Etwas” für geistig Randständige, welche die Tatsache nicht ertragen können, dass da “nichts” ist. Nichts Beweisbares, nur naives Denken an eine Wesenhaftigkeit jenseits unserer menschlichen Existenz.

Derweil streiten wir uns über Schwangerschaftsabbruch, die Definition, wann denn Leben entstanden sei und der Tod eingetreten? Wir treffen in all dem Annahmen, bei denen für uns alle Ethos an die Stelle von Wissen tritt, weil die zu Hilfe geholte Wissenschaft empirisch so wenig dazu festhalten und nur den Stand der momentanen Unwissenheit anführen kann – von dem wir womöglich gar nicht wissen, wie unsicher er ist, wie angreifbar und durch spätere Erkenntnisse wieder zu korrigieren. Aber wir geben Antworten aus dem Drang, für das, was wir Leben nennen und selbst auch leben mögen, Verträge mit dem Schicksal abschliessen wollen.

In unserem Drängen nach Wissen und Eroberung, in der schieren Not, ein Flickwerk über die beschädigte Natur als Ganzes und über das kranke, vom Tod bedrohte Einzelschicksal legen zu müssen, entwickeln wir den Hochmut, zu glauben, wir könnten als sinnleere Kreaturen der Natur ihre innere Lebenskraft erhalten, wobei, bitteschön, dieses Leben uns selbst im Zentrum zu sehen hat. Alles andere können wir nicht akzeptieren, wir verdrängen das Ende, bevor wir es fürchten könnten.

Uns Menschen, die wir so unterschiedlich mit der Frage umgehen, wer wir denn sind, wo wir herkommen und hingehen, gebe ich gerne dieses Zitat weiter:

Wir sind nicht menschliche Wesen, die eine spirituelle Erfahrung machen. Wir sind spirituelle Wesen, die eine menschliche Erfahrung machen.
(Teilhard de Chardin)


Was auch immer man über Menschen mit einem spirituellen Bezug in Ihrem Leben sagen und denken mag, wie sehr man sie an sich heranlässt oder sich im Recht oder Unrecht über ihre Zwiespältigkeiten mokiert oder empört, so bleibt eines doch in allen diesen Lebensentwürfen bestehen:
Der tiefe Wunsch, sich im Einklang mit der Natur zu bewegen und vom Trost zu zehren, in der Beobachtung dieser Natur so manche Botschaft über das Geheimnis des Lebens zu erkennen – weil Lebenskunst genau dies ist: Teil der Schöpfung sein, Frieden zu schliessen mit der Tatsache, dass mir gegeben und genommen wird.


Älter