Mein Schreiben. Täglich.
Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.
Arbeit mit Herz
∞ 26 Februar 2014, 19:00
Das Phänomen ist bemerkenswert: Berufe, die im gesellschaftlichen Ansehen relativ tief stehen, haben ausserodentlich viele Berufstätige, die in ihrem Job sehr bewusst ganz zufrieden sind. Glückliche Metzger, Politessen, Müllmänner.
Jetzt mag man ja die Benennung und Evaluation der unattraktiven Berufe hinterfragen, aber es ist schon grundsätzlich interessant, wie unterschiedlich das Bewusstsein dafür ausgebildet ist, dass man mit seiner Arbeit nicht nur ein Rädchen im System am Laufen hält, sondern tatsächlich auch eine sinnvolle Arbeit leistet.
Gäbe es diese positive Selbsteinschätzung nicht – wer würde dann gerne in der Pflege arbeiten – und vor allem wie?
Es wäre ein machtvolles Heer für die Aufrichtung aller kümmernden Herzen, wenn wir all diese Pflegefachfrauen und -männer mal an einem Ort versammeln würden. Menschen, die jeden Tag aufs Neue den Zugang zu alten, kranken Menschen suchen, die Menschen nicht nach ihrem Zustand behandeln, sondern nach ihren Bedürfnissen. Ausscheidungen, umnachtete Geisteszustände, akute Verletzungen, Druck durch die Administration, enorme Verantwortung, die Pflicht, gerade als Helfender die eigenen Sorgen vergessen zu können – es wird wahnsinnig viel geleistet in unserer Gesellschaft, und es wird mit Güte und Herz und einer Menschenliebe getan, die unbeschreiblich ist.
Danke dafür!

Für Kampfjets spenden
∞ 16 Februar 2012, 13:41
Der Schweizer Bundesrat will neue Kampfjets kaufen. Das ist politisch schon immer ein schwieriges Geschäft gewesen. Dabei hat alles mal mit ganz anderer Prioritätenlage angefangen. Oder könnten Sie sich heute vorstellen, dass Sie in einer Sammelaktion um eine Geldspende für die Finanzierung von Kampfjets gebeten würden?
istockphoto.com/koun
Die ersten Flugbewegungen in der Schweiz fanden 1910 statt. Dies, nachdem man lange der Meinung war, solches wäre nur auf Meereshöhe möglich und in Alpennähe undenkbar. Kaum aber waren sie da, die ersten Flugobjekte, überlegte sich auch die Armee, wie die Entwicklung militärisch zu nutzen wäre. Die SP war schon damals dagegen und wollte entsprechendes Geld zum Aufbau einer AHV verwenden.
Klar war schon damals: Das Geld war knapp. Das veranlasste die Schweizerische Offiziersgesellschaft schliesslich, in der ganzen Schweiz eine Sammelaktion bei der Bevölkerung durchzuführen. Am 1. Januar 2013 wurde zur Nationalspende aufgerufen. Man konnte Marken erwerben und an eigens organisierten Flugschauen Geld spenden. Dabei kamen nicht weniger als 1.73 Mio CHF zusammen, was 54 Rappen pro Kopf der Bevölkerung entsprach und fünf Mal mehr war als in anderen Ländern, die ähnliche Aktionen durchführten. Die sechs Doppeldecker-Maschinen, welche der Bundesrat von dem Geld im Ausland kaufen wollte, wurden dann allerdings nie angeschafft: Der erste Weltkrieg kam dazwischen. Die Schweizer Luftwaffe wurde dennoch gegründet. Die Aviatikpioniere rückten eben mit ihrem eigenen Flugmaterial ein, mit dem damals ganz allgemein im besten Fall Aufklärungsflüge denkbar waren. Zudem wurden anlässlich einer Flugschau die ausgestellten Maschinen kurzerhand “aquiriert”.
Es sollte bis 1930 dauern, bis die ersten wirklichen Militärflugzeuge gekauft wurden, weshalb man die Gründung der “richtigen” Schweizer Flugwaffe auch auf dieses Jahr terminiert.
So ändern sich die Zeiten. Was seither aber immer gültig blieb: Jede Anschaffung von Kampfflugzeugen oder auch nur schon deren Diskussion treibt die Auseinandersetzung über Sinn und Unsinn der Landesverteidigung auf die Spitze – und Auschreibung, Evaluation und Beschaffung der Flugzeuge ist immer ein politisches Minenfeld, in dem die Skandale oder auch schlichtes Unvermögen nicht ausbleiben.
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Basisinformationen aus dem Mittagsgespräch von Radio DRS 1 von heute Mittag mit dem Historiker Roman Schürmann (Buchautor: “Helvetische Jäger”).
Offen für mehr Lebensqualität
∞ 23 Januar 2012, 17:00
Nordrhein-Westfalen prüft den Rückschritt, der vielleicht ein Fortschritt wäre: Die Verkürzung der Ladenöffnungszeiten und damit frühere vorgeschriebene Ladenschlusszeiten abends an den Werktagen und am Wochenende.
Da haben wir sie wieder, die Diskussion rund um die so genannte Lebensqualität. Natürlich werden die üblichen wirtschaftlichen Sachzwänge vorgekehrt und mit dem Verlust von Arbeitsplätzen gedroht oder auf die Attraktivität dieser Arbeitszeiten für Teilzeit-Jobsuchende hingewiesen. Im Artikel [gefunden via mycomfor] auf welt.de fehlt natürlich nicht der Hinweis, dass gerade Verkäuferinnen diese Abendjobs suchten, weil
“dann ihr Partner auf die Kinder aufpassen könne”.
Was liegt wohl im Grossteil der Fälle näher: Die absolute Notwendigkeit eines Zusatzverdienstes aus wirtschaftlicher Not oder ein kleines Stück vermeintliche Eigenständigkeit der erziehenden Mütter, die damit zum Zweitauto beitragen? Was verschlagworten wir mit dem Begriff Lebensqualität? Dass ich in unserem verschlafenen Pendlerquartier an der Tanke bis abends um elf noch Chips kaufen kann – oder ein Leben, das um diese Zeit Ruhe für alle vorsieht – und so viel Voraussicht und Lebensplanung, dass die Einkäufe zuvor gemacht werden können?
Die Frage muss politisch beantwortet werden – und wird es auch, schlussendlich nach wirtschaftlichen Kriterien. Alle anderen Beurteilungspunkte sind “weicher” Natur, auf die wir selbst offensichtlich sehr ambivalent reagieren. Daraus resultiert dann der Schritt durch den Notausgang: Freiheit für den Bürger, das Unternehmen, jeder soll selbst entscheiden können.
Und dann schaue ich fern und bekomme einen “Bericht vom Land” vorgesetzt, bei dem die Familie sonntags am Morgen in die Kirche geht. Oder zum Frühschoppen. Oder auf Familienbesuch. Es gibt oder gab Zeiten der Arbeit, der Ruhe, es gab einen Rhythmus, in dem man sich auch rituelle Begegnungspunkte schaffen konnte. Man ruhte. Pflegte auch Gemeinschaft. Bekam einen dafür fest vorgesehenen Raum.
Alles war bei unserer frühen Reise nach China 1985 exotisch. Nichts aber hat auf mich einen so starken Eindruck gemacht (weil die Auswirkungen im gesellschaftlichen Alltag so leicht zu beobachten waren) wie der Umstand, dass in den Familien jedes Mitglied an einem anderen Tag frei hatte. Das war praktisch, hiess es, denn so war immer jemand da, der die Hütedienste für die Kinder übernehmen konnte.
Auch unsere “Wahl” freier Ladenöffnungszeiten ist eine schleichende Veränderung in diese Richtung, hin zu einem Modell, in dem es möglichst vielfältig möglich sein soll, für seine pekuniären Bedürfnisse zu sorgen – als Konsument wie als Jobsucher. Liegt darin nicht auch eine stille Kapitulation? Das Zugeständnis, dass wir keine Gemeinschaft mehr haben, welche gemeinsame freie Zeit braucht und geniesst und sie nicht durch spontane, möglichst komfortable Konsumgänge “füllen” muss?
Planen für die Zukunft, Leben in der Gegenwart
∞ 26 Dezember 2011, 17:00
Gegen das Fehlschlagen eines Planes gibt es keinen besseren Trost, als auf der Stelle einen neuen zu machen.
Jean Paul
Meine Erinnerung an einen gütigen Mahner, dem nur die Gegenwart blieb, und der mir doch half, inmitten meiner Pläne immer nach mir selbst zu fragen – für meinen nächsten Augenblick.
Es ist lange her. Wir waren auf der Hochzeitsreise und freundeten uns dabei mit einem älteren Paar an, das sich ganz offensichtlich mit uns über unser Glück freute. Man tauschte sich aus, und bald erfuhr ich, wie unterschiedlich doch unsere Perspektiven waren: Er, der Architekt mit Krebs – und vor allem einer negativen Prognose – wir, das junge Paar mit Plänen, in denen natürlich nur positive Ziele vorkamen, von denen wir auch ganz frei erzählten. Da war keine Bitterkeit bei ihm und seiner Frau zu spüren. Sein Blick zurück auf sein Leben bot ihm ganz offensichtlich Grund genug, dem möglichen Hader über sein Schicksal die Gelassenheit eines erfüllten Lebens bewusst entgegen zu setzen. Er schien mit seiner Situation versöhnt, was uns sehr beeindruckte und ihm eine Ausstrahlung schenkte, die uns seine Nähe suchen liess, weil man sich in seiner Gegenwart dem eigenen möglichen Frieden näher fühlte.
Es berührt mich bis heute, seine Sorge für uns zu fühlen und die sanfte Mahnung zu hören, vom Leben nicht zu erwarten, dass es die eigenen Pläne erfüllen werde.
Wir schienen ihm ein bisschen unheimlich in unseren klaren Vorstellungen, wie wir uns Beruf, Beziehung und Auskommen vorstellen und dies formulieren konnten, und er hatte wohl die Befürchtung, wir würden für eine erhoffte Entwicklung unserer Verhältnisse das Leben in der Gegenwart verpassen.
Ich weiss noch heute, wie gut ich ihn darin schon zu verstehen glaubte, und wie eilfertig ich ihn bestätigen wollte:
Der Mensch denkt, und Gott lenkt,
heisst es.
Kann man die eigenen Pläne Wirklichkeit werden lassen, so hat man dies bestimmt oft und in grossem Ausmass der eigenen Disziplin, dem Einsatzwillen und der entsprechenden Geradlinigkeit zu verdanken. Es gehört dazu aber immer auch ein Umfeld, das einem in die Hände spielt – oder zumindest nicht mehr Steine in den Weg legt, als sich ausräumen lassen.
Darum waren für mich meine Pläne immer in erster Linie ein Ausdruck meiner Sicht auf meine Gegenwart: Was lässt mich welche Pläne schmieden? Was sind meine Werte, meine Prioritäten, welche Vorstellung habe ich von Glück, Sicherheit, Geborgenheit? Welche Anerkennung brauche ich – wie fest bin ich bereit, mich auf Menschen zu verlassen – auf den einen Menschen?
Wir alle können Pläne nennen, die sich zerschlagen haben. Und das wird auch weiter so bleiben. Pläne können aber angepasst und korrigiert werden, und das ist keine Schande. Es kann auch dem Realismus geschuldet sein, und wenn zum neuen, revidierten Plan die Akzeptanz der Umstände hinzu kommt, dann liegt darin auch keine Verschiebung des Lebens selbst auf später: Es ist tatsächlich wichtig, dass zu jedem Plan auch ein gelebter Umgang mit der Gegenwart gehört – und die Kunst, dem Moment stets die Gelegenheit zu geben, uns eines grundsätzlich Besseren zu belehren.
Heute schmiede ich gerne Pläne. Ich geniesse aber auch vermehrt den Umstand, einmal ohne Plan auszukommen. Ich kann meinen Reisebegleiter von damals, vor 25 Jahren, immer besser verstehen.
10 Min schreiben – 2 Min lesen: Gleichgewicht
∞ 8 März 2011, 17:46
Die Erde, die Natur, sagen wir, gerate aus dem Gleichgewicht. Wir sind eine zu grosse Bealstung für sie. Aber stimmt das auch?
Gerade, weil die Erde doch reagiert, weil die Natur sich verändert, wird doch dadurch das immerwährende Gleichgewicht bewiesen und bewahrt: Die Katastrophe ist nötig, damit ein wieder ruhigeres Gleichgewicht entsteht.
Nach dem Beben der Erde gibt es eine neue Ruhe, nach der Flut neues Wachstum…
Was wir erkennen und verhindern wollen, ist die Veränderung. Das Gleichgewicht, das innerste Lebensprinzip, der Ursprung allen Werdens – wir sind ein Teil davon, und deshalb vermögen auch wir dies niemals auszulöschen. Wir können uns selbst ins Verderben reiten, und wahrscheinlich noch viel gründlicher, als wir das heute für möglich halten. Und vielleicht auch viel schneller. Aber die Erde wird nur wegen uns nicht untergehen oder verglühen.
Es ist in allem unsere unglaublich verbretterte, unvernetzte, kurzsichtige Denke und Beobachtungsfähigkeit, die uns nicht die nötige Sorgfalt für uns selbst entwickeln lässt, und erst recht nicht den Blick für alles, was viel gewaltiger über uns herrscht, als es wir je erfassen könnten.
Wenn unser Hirn sich im Triumph versteigt, wir hätten die Welt und uns selbst entschlüsselt, so gerät dadurch allenfalls unser eigenes inneres Gleichgewicht durcheinander. Mit den dabei zum Ausdruck kommenden Prinzipien, die unsere Wahrnehmung und unsere kognitiven Fähigkeiten bestimmen, bleibt alles in Ordnung. Wir erfüllen das, was uns bestimmt ist. Als Menschheit.
Der Einzelne aber kann sehr wohl zu seinem ganz persönlichen Gleichgewicht beitragen.
Nirgends steht geschrieben, dass ich den Konsumrausch teilen muss, die Muslimangst oder den Nachbarneid. Ich kann sehr wohl sehr gelassen das Gleichgewicht des Friedens wahren, zu dem in mir alle Talente mit angelegt wurden, womöglich lange vor dem Tag, an dem ich zum ersten Mal mit dem Gebrüll des Neugeboren Angst, Anklage, Hunger oder Schrecken kund getan habe – und als Antwort Beruhigung, Fürsorge, Liebe und Güte erfuhr – zumindest so lange die Nerven hielten…
In uns liegt das Geheimnis unseres Gleichgewichts. Mehr haben wir uns und der Welt nicht zu bieten.
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Bemerkung: Die 10 Min – Texte sind Bearbeitungen des Übungsansatzes auf meiner Seite schreibmut.twoday.net, wo ich 10 Min ungebremst zu einem Begriff niederschreibe, was mir spontan einfällt. Bearbeitungen an dieser Stelle schreiben den Text nicht völlig um. Ich erlaube mir aber stilistische Änderungen und die Beseitigung von Tippfehlern – und die klarere Strukturierug allzu hektisch formulierter Gedanken.
Nachsatz: Wer meine spontanen Gedanken zu einem eigenen Begriff formuliert bekommen möchte, kann sich bei mir melden – bitte vorläufig ohne Nennung des Begriffs. Dafür muss ich ja dann bereit sein, sofort und spontan darüber zu schreiben. – und 10 Min später erscheint der Text auf schreibmut.twoday.net.

Eigenverantwortung ist (nicht) wandelbar?
∞ 22 Juli 2010, 20:25
Was bedeutet der Begriff für Sie? Ich habe mich heute damit 10 Min ganz spontan schreibend auseinandergesetzt, und lasse das nun nachwirken.
Wir definieren unsere Verantwortungen heute ganz anders als vor dreissig Jahren. Ein Vergleich dessen, für welche gesellschaftlichen Pflichten wir uns gegenüber früher heute in die Pflicht nehmen lassen (… würden – ich will schon fast im Konjunktiv schreiben), wäre wohl sehr erhellend.
Mir ist das vor etwa zehn Jahren bei einem Artikel in einem Tennismagazin erstmals aufgefallen: Da wurden aktuelle Spitzenspieler, die wohl alle schon Autogrammstunden gegen Bezahlung gegeben hatten, gefragt, für wen sie Vorbild sein wollten? Fast alle haben sich der Frage komplett verweigert und gemeint, sie hätten selbst keine Vorbilder und würden sich auch nicht als solche sehen.
Wir fürchten ganz allgemein die Bilder, die andere sich von uns machen könnten – und wenden gleichzeitig viel, sehr viel Energie dafür auf, dieses Bild zu getalten. Dass wir heute Facebook dafür unsere Zeit totschlagen lassen, ist dann wirklich definitiv ein Genickschlag. Und so manche Profile wandeln sich noch schneller, als sich Meinungen über Menschen bilden mögen…
Statt dass unser Dorf unsere Welt bliebe, machen wir die Welt zum Dorf. Dass das gelingt, bedingt allerdings, dass wir alles verknappen. Wir verkürzen Distanzen. Wir vereinfachen Sichtweisen, generalisieren das Individuelle, stellen nichtwissend Vergleiche an, die nur Krücken für eine Welt sein können, die wir eben nicht wirklich kennen, geschmeckt und gerochen haben. Wir machen damit aber so manche Reise nicht – und verzichten auf die bewusste Entscheidung, jemanden wirklich aufzu-suchen.
Ist die grosse weite Welt per Kommunikation nicht viel mehr eine grosse weite Projektion der Leere? Und mit der wollen wir allein sein, dabei können wir genau das nicht…
Unser Gehirn arbeitet immer mehr, aber wir denken immer weniger (nach). Und schon gar nicht voraus.
Wir tafeln nicht. Wir fooden. Convenience nennt sich die vorbereitete Mahlzeit aus dem Regal: Schnelligkeit, mit wenig Aufwand. Wie, bitte, will man da Feste feiern? Ich meine, wirkliche Feste, wissen Sie, bei denen die Freude nicht bestellt wird, sondern das Lachen aus uns selbst kommt und sich einnistet, wie ein im Garten willkommener Nachbar.

Die Realität ist immer vielschichtiger als die Information
∞ 10 Mai 2010, 20:26
Es gibt Bretter, gegen die man Jahre lang mit dem Kopf schlägt, bis endlich jemand kommt und einem hilft, sie abzumontieren…
Ich bin ganz bestimmt nicht der einzige, der sich daran stört, dass es immer wieder Wissenschaftler gibt, welche grossmeisterlich im Stile eines Zauberkünstlers verkünden, “eines der letzten Geheimnisse” (oder so was in der Art) entschlüsselt zu haben. Nachgeschoben wird die Verheissung ungeahnter neuer Möglichkeiten und vielleicht wieder einmal der Satz, die Welt hätte keine Geheimnisse mehr.
Masslos haben mich all die Jahre immer wieder solche Aussagen geärgert. Mehr noch: Sie haben mich bestürzt, mir Angst gemacht: Denn wenn Forscher Ihre Demut verlieren, die Fähigkeit, zu staunen und das Bewusstsein verloren geht, dass der Triumph der neuesten Entdeckung nicht mehr ist als der neue momentane Stand des menschlichen Unwissens – ja dann wird es gefährlich.
Tja, und nun also rede ich mit meinem Freund, Angestellter eines Universitätsbetriebes, über dieses mein Unbehagen. Und er lächelt. Und dann fragt er:
Hast Du Dir schon mal überlegt, durch welchen Filter alle diese Verlautbarungen medial denn gehen, bevor sie Dir zu Ohren kommen? Wenig später ist mir klar: Auch hier spielt die Triage der Massenmedien die entscheidende Rolle: Sie bestimmt, welche Art Information ich bekomme – und also wird mir die medial geile Variante des Wissenschaftlers präsentiert, um es jetzt bewusst zornig zu formulieren: Das Medium will die klare, einfache, plakative Botschaft. Zu viele Zwischentöne verwirren. Und die schreierische Verheissung ist nun mal interessanter als die differenzierte abwägende Prognose. Ich glaube, dass wir uns dies immer wieder und in immer stärkerem Ausmass bewusst machen müssen: Was wir aus den verschiedensten Forschungs, Gesellschafts- und wissensbereichen vermittelt bekommen, ist das, was in der Masse einzuschlagen vermag.
Genau so, wie radikale bis populistische Statements und entsprechend kantige Figuren und die scheinbar so hehre Auseinandersetzung mit ihnen in Form von “Kritik” ein Abstimmungsthema oder überhaupt eine öffentliche Debatte bestimmen können, so ist es auch in allen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens: Es wird für uns entschieden, welche Art Information uns zumutbar erscheint.
Ich bin sicher nicht der einzige, dem es unwohl wird, wenn er Politiker erklären hört, wie ich, “der Bürger” gewählt hätte und was ich folglich wolle – und wir alle sind wohl schon wütend geworden, wenn Politiker bei der Gelegenheit erklären, die Komplexität der Vorlage hätte dem Stimmbürger nicht erklärt werden können.
Aber was uns noch viel mehr beschäftigen sollte: Es ist dies nicht nur die Sichtweise des Politkers, es ist jene der Medien. Sie haben sich längst ihr Bild von Ihnen und von mir gemacht. Und entscheiden, wieviel Differenzierung uns denn zugemutet werden könne. Das ist ganz praktisch, denn es bedeutet auch, dass man sich selbst an den vordergründigen populistischen Auseinandersetzungen reiben kann. Der Holzschnitt erfordert weniger Feinschliff als das differenzierende Argument – und damit auch weniger eigene Herausforderung, fachliche Vertiefung etc.
Liege ich falsch? Ich hoffe es. Aber ich bin mir nicht sicher. Gar nicht sicher.
Was ich aber weiss: Sich informieren zu wollen ist auch für einen mündigen Bürger eine echte Herausforderung geworden.
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Bildquelle: Kounadeas by iStockphoto >
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Aus dem Leben eines bildungsfernen Studenten
∞ 24 April 2010, 15:45
(Fortsetzung von gestern ) – Ich nahm die Werte und Leitplanken meiner Erziehung also mit nach Zürich. Sie halfen mir in der Orientierung, liessen mich eintauchen, aber nicht versinken. Vielem Neuem stellte ich das Wertesystem meiner Kindheit gegenüber, und darum liess ich mich auf gewisse Dinge ein, anderen ging ich aus dem Weg. Ich war nie gefährdet, in die Drogen abzugleiten; ich kiffte noch nicht mal. Es war, diesbezüglich, auch eine recht brave Schule. Ich lernte meine heutige Frau kennen, und als ich später die Schule Richtung Uni verliess, waren wir schon zweieinhalb Jahre ein Paar. Die optimistischste Schätzung unter Kollegen hatte uns ein paar Monate zugetraut… Ich dürfte mich für meine Eltern nicht bezüglich meiner Präferenzen verändert haben, auch die relative Zielstrebigkeit schien ich in mir zu tragen. Es war nur diese andere Welt, aus der sich kaum erzählen liess. Gab es Elternabende? Wohl kaum. Ich hätte mir auch meine Eltern nicht an der Schule vorstellen können… Da verweigerte sich der unausgesprochenenen Fremdheit jede weitere Bildgebung. Ich war nie ein grosser Erzähler zuhause. Nun wäre es eh das Erzählen aus einer ganz anderen Welt gewesen.
Dann ging es an die Berufswahl. Und das bedeutete Studienwahl. Ein Pausenjahr kam nicht in Frage. Eine praktische Ausbildung mit Lehre und direktem Berufsleben eigentlich auch nicht. Wenn schon, denn schon. Der Tribut gegenüber den Eltern bestand darin, nicht mehr als nötig auf der Tasche zu liegen. Ich lebte ein Privileg, also hiess es, vorwärts machen. Im Gymnasium hatte ich im direkten Erleben gespürt, wo meine Liebe lag – und vielleicht auch ein bisschen Talent. Aber Sinn machen musste ein Studium auch im Bezug auf die mögliche Anstellung, die Profession, den Broterwerb. Und ich wollte nicht Lehrer werden. Also keine Germanistik, keine Philosophie (Bewahre!) – und keine Theologie. Meinen Glauben wollte ich leben – ihn vorzuleben, schien mir aufgesetzt, fremd, alles Missionarische wies ich von mir. Was ich schliesslich wählte, war Jurisprudenz. Da, sagte ich mir, hat es von allem etwas “drin”. Geschichte, Rechtsphilosophie, Umgang mit Sprache.
Erst heute ist mir klar, dass die meisten meiner Schulkollegen ganz andere Leitlinien hatten. Sie folgten einer Vorgeschichte aus dem Elternhaus, waren eingezwängt in Vorstellungen, aber auch in Unterstützungen, welche bestimmte Wege vorgaben.
Und mein Freund wollte Arzt werden aus Berufung. Die schönste aller Vorspuren… Aber es gab auch ganz andere. Der Herr, der Zahnarzt werden wollte, weil man da am besten verdiente. Wahrscheinlich hat ihm das sogar sein Vater ausgerechnet nach einer Feldanalyse…
Also studierte ich Jura. Doch nun war ich wirklich fremd. Je länger je mehr. Ich hatte tolle Kollegen, die ich als meine Freunde bezeichnete – aber sie alle stammten tatsächlich aus “anderem Haus”. Der praktische Bezug zu Hause war schon ein ganz anderer. Kaum einer sah sich zwar genötigt, neben dem Studium ein Praktikum zu machen, aber die meisten sahen über ihr privates Umfeld in das entsprechende Berufsbild hinein.
Ich aber litt unter der Theorie und dem Schubladendenken in der Stoffvermittlung, und je länger je mehr merkte ich, dass ich zuviele Kompromisse eingegangen war. Ich hatte vernünftig gehandelt. Pflichtgetreu war die Absicht, blutleer der Motor. Die Bildung, an der ich geschnuppert hatte, wurde im Studium eher pervertiert als gefördert. Die Semester reihten sich an einander, unterbrochen vom jeweiligen Militärdienst. Ich verlor den Atem – und fand berufliche Anbindungen, für die ich das, was ich im Studium lernte,nicht brauchen konnte. Nun war die bildungsnahe Welt die Scheinwelt, und ich fühlte mich und meine Studienwelt entlarvt: Wir hatten zu allem eine Meinung und von nichts wirklich eine Ahnung. Während mein Bruder neun Jahre zuvor wohl ähnliche Wahrnehmungen hatte, die aber bei den Hörnern nahm, sich noch mehr reinkniete und als erstes mal Assistent eines Professors wurde, wählte ich eine Art innere Rebellion, und mag sie nur darin gelegen haben, die Dinge wirklich so anzusehen, wie ich sie wirklich sah.
Ich zog zu Hause aus, hauste in einer Studentenbude. Aber ich arbeitete auch ein wenig. Ein kleiner Betrieb, aber viel Potential – und vor allem eine Aussicht auf Selbständigkeit, auf Gestaltungsmöglichkeiten und Anforderungen, für die es keine Form brauchte, kein “Comment”, sondern harte aber ehrliche Arbeit und Überzeugung, wollte man verkaufen, was man zu bieten hatte. Und kaum wusste ich, dass dich die Demut des Verkäufers aufbringen würde, spürte ich Lust auf mehr – da häuften sich die Zeichen. Eine Abschlussarbeit, die gerade mal so zu “genügend” hingebogen wurde, wie ich es empfand, war ein Stück Goodwill zuviel. Und gleichzeitig war eine gesundheitliche Indisposition des Patrons im Geschäft der letzte Fingerzeig – und endlich zeigte ich Flagge: Ich schmiss das Studium und kehrte in eine Welt zurück, in welcher bodenständige Werte eines einfach strukturierten Handelsgeschäfts viel entscheidender waren als römisches Recht.
Dass ich nun der Welt meines Vaters wieder sehr viel näher war, dürfte für niemanden so sehr eine Enttäuschung gewesen sein, wie für ihn. Dieses Paradoxon ist typisch, und ich wünschte, er würde heute sehen können, dass alles sich zum Guten gewendet hat. Ich wünschte, er würde es sehen, aber ich fürchte, selbst wenn er noch lebte, er könnte dies bis heute nicht. Für ihn habe ich wohl eine Gelegenheit ergriffen, mich aus dem Staub zu machen: Die Welt mag noch so fremd sein, in der sich der Sohn bewegt. Aber er geht seinen Weg und beisst sich durch. Er gibt nicht auf und ist auf niemanden angewiesen.
Als wir uns eine Wohnung kaufen konnten, war er, vor vielen Jahren, das letzte Mal zu Besuch. Er sass am Tisch, schaute sich alles an, oder zumindest das, was er von seinem Platz sehen konnte, und sagte: nichts. Ich weiss bis heute nicht, ob er sich freuen konnte. Ganz sicher war ihm so mancher Nippes fremd, den wir auf Reisen sammelten, ihm war alles Grosse, oder grösser Werdende schnell ungeheuer, und doch wollte er Stolz sein können. Ob er es war? Ich weiss es bis heute nicht. Ich ging meinen Weg, auch wenn ich ihn längst selbst definiert hatte. Das war ganz wichtig. Meine Rebellion, dieser kleine unspektakuläre Schritt eines Studienabbruchs – er war eine Befreiung. Sie führte mich mitten in die Realität und plötzlich waren alle Dinge handfest – mit dem besten Kameraden an der Seite, den man sich vorstellen kann. Und der mich auch stets für das schätzte, was ich mitbrachte – und verhinderte, dass Werte wie Plfichterfüllung und Einsatz sich in Sackgassen verrannte – weil Thinkabout´s Wife stets einen Finger auf die Erwartungen hielt, so dass ich in ihnen auch das selbst gebaute Gefängnis wahrnahm.
Ich bin weiss Gott nicht zum Bildungsbürger geworden. Seit fünf Jahren schreibe ich wieder. Als der, welcher ich bin. Ich hätte gern ein Leben voller Bücher gehabt. Es ist anders gekommen, und es hat keinen Sinn, zu meinen, man müsse nun etwas aufholen. Wie sehr darin trotzdem Wehmut liegt, mag man daran sehen, was ich mir als Belohnung ausmale, sollte ich jemals ein richtig dickes, fettes, sprich, erfolgreiches Buch schreiben: Ich würde mir vom Verlag das Recht aushandeln, wöchentlich ein Buch zu bestellen. Lebenslänglich. Der Zwang, es dann auch zu lesen, wäre der doppelte Lohn.
Ich würde ganz anders schreiben, hätte ich mehr gelesen. Würde ich mehr lesen. Mehr Zeit ist nun da. Ich habe vor gut drei Jahren meine Arbeitswelt umgekrempelt und die Zeit gewählt. Die Zeit, die mir zum Lehrer wird in der Kunst, die Frage zu stellen:
Wer bin ich? Und auch die Antworten darauf. Wobei es wie in der Forschung gilt, festzustellen: Viel wichtiger als die Antworten sind die neuen Fragen. An ihnen kann man erkennen, wie nebensächlich die scheinbar wichtigen Dinge werden – oder wie einfach die Fragen sind. Fast so einfach, wie die Antworten. In den Büchern sind sie zu finden. Die Fragen auf jeden Fall. Doch Antworten darin nehmen wir wohl immer nur dann an, wenn wir sie in uns selbst finden. Dazu aber kann jedes geschriebene Wort ein Wegweiser sein. Womöglich gar in Blogs.

Doch kein Reload - aber ein weiterer Tag mit seiner Zeit
∞ 10 April 2010, 21:27
Heute erlaube ich mir einmal etwas, was es in anderen Blogs auch gibt:
Die Sparte “Reloaded” wieder mal zu bedienen:
Ich mache mir in letzter Zeit vermehrt Gedanken, unter welchem Aspekt sich ein paar meiner mittlerweile über 3000 Artikel zusammen fassen liessen: Wo liegt so was wie ein roter Faden, welche Perlenkette könnte ich damit knüpfen?
Ich schreibe viel und oft und gern – und das Themenspektrum schwankt dabei zwischen beliebig bis verwirrend breit. Je nach Sichtweise. Ich kann es nicht ändern, und ich will es auch nicht. Aber es ist definitiv nach ein paar Monaten vielleicht nicht mehr soooo interessant, über ein bestimmtes Sportereignis zu lesen. Auch politische Diskussionen sind nicht immer wirklich grundsätzlich andauernd interessant.
Wie es einem Tagebuch der Gedanken eigen ist, wenn es denn eines sein soll, das sich ernsthaft mit dein eigenen Umtrieben befasst, so gäbe es auch dieses Weblog nicht, wenn da nicht der Antrieb gewesen wäre, den eigenen Grundsatzgedanken zum Leben eine Sprache zu geben, der Lust am Schreiben ein Zwiegespräch folgen zu lassen mit mir selbst, immer wieder auf der Suche nach den Essenzen des Lebens.
Sie Sinnfrage ist nicht einfach eine esoterische Blase für verschwurbelte Schöngeister, sie ist schlicht auch eine ganz grundsätzliche Glücksfrage: Wenn ich einen Sinn in meinem Leben sehe, dann lebe ich gelassen, beschwingt, freudig, dann bin ich sinnlich, achtsam, bleibe nicht an Bedingungen haften und bin bereit für den immer wieder neuen Moment, die Gegenwart. Ich schaffe es leichter, der Vergangenheit einen Nagel an der Wand zu schenken und sie dann auch dort zu lassen, und ich lasse das Gewitter der Zukunft kommen, wenn denn die Läden mal zugezogen sind. Kerze anzünden, Buch lesen und mir Gedanken zur Zukunft machen, die auch meiner Gegenwart ihr Recht geben. Mein Leben ist Jetzt. Und damit sind wir bei unserem ganz ursächlichen Umgang mit der Zeit. Wie halten wir es mit der Tatsache, dass sie rast? Dass wir endlich sind? Dass wir nicht können, wie wir wollen, dass wir altern, dass die Zeit geliehen ist und nie wirklich genützt erscheint?
Unser Verhältnis zur Zeit bestimmt unsere Verwurzelung in unserem Dasein. Es geht immer wieder um dieses eine Thema. Zumindest in meiner Gedankenwelt. Ich glaube, dass in der Selbstbefragung nach dem Umgang mit der “eigenen” Zeit sehr viele Schlüssel dafür liegen, ob wir “glücklich” sein können – oder nicht.
Hm. Jetzt ist ohne Reload ein irgendwie doch “eigener” Artikel aus diesen Sätzen geworden. Also lasse ich den Reload weg und beschäftige mich mal weiter offline mit dieser besonderen Art des Sortierens. Es scheint mir nicht schlecht zu bekommen…

Es lohnt sich, über Lohn zu schreiben
∞ 10 März 2010, 18:41
10 Minuten schreibend über Lohn nachgedacht.
Für diese Entgeltung einer Leistung gibt es ja viele Bezeichnungen, und sie “lohnen” (nicht löhnen) alle eine nähere Betrachtung, angefangen beim Verdienst.
Und: Welche Beziehung haben wir zu unserem Lohn? Was geschieht in uns, wenn wir den Eingang der monatlichen Zahlung konstatieren?
Und was geschieht mit uns, wenn sie plötzlich fehlt?
Heute ist dafür in meinem Kopf kein Raum und in meinem Terminplan keine Zeit, um darüber mehr zu schreiben, aber das kommt auch wieder anders.

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