Mein Schreiben. Täglich.

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Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Trennung mit Anstand?

∞  8 November 2014, 14:30

Esteban Gutierrez bekommt keinen neuen Vertrag als Pilot im Sauber-Formel1-Rennstall. Er erfährt es aus der offiziellen Pressemitteilung seines Arbeitgebers, wie er sagt.

Nun ist er selbst Realist genug, um zu wissen, dass seine Leistungen nicht genügten und er spricht selbst davon, dass schon die Körpersprache der Partner in den Gesprächen ja einiges verrate.

Es geht hier auch nicht darum, Sauber in die Pfanne zu hauen oder um den letzten Wahrheitsgehalt und allenfalls andere Wahrnehmungen und Verlautbarungen aus dem Umfeld. Es geht, wieder mal, nur um das Beispiel, das seinerseits allerdings für eine zutreffende Beobachtung steht:

Unsere Arbeitswelt ist verludert.

Wie heute mit Angestellten umgegangen wird, wenn mann sich von ihnen trennt, ist erschreckend. Die Kälte und die Mechanismen, die dabei sofort greifen passen leider allzu gut zum individuellen Verhalten, das viele Führungspersonen, welche diese Entscheidungen zu vertreten haben, vorleben. Es ist dies der Moment, in dem die so genannten weichen Faktoren (nur schon der Ausdruck!) definitiv nicht mehr zählen. Und jedes Mal, wenn das gelebt wird, bleibt etwas in der Welt zurück, das mit hilft, dass wir wirklich vor nichts mehr zurück schrecken und die Menschen wie Schachfiguren aufs Brett stellen und wieder runter nehmen. In diesem Fall hätte es einen kurzen Anruf bei Gutierrez vor dem Versenden der Pressemitteilung gebraucht – einen Moment Bremsenergie, die es erlaubt hätte, eine Sache zu Ende zu bringen, mit Anstand, um eine neue auch anständig beginnen zu können. Wenn sich Gutierrez dann sehr freundlich zeigt, verstehend, wenn diese Abläufe als “part of the business” bezeichnet werden, dann sollte uns das nicht beruhigen. Im Gegenteil. Denn es bedeutet nichts anderes, als dass auch Arbeitnehmer sich längst nicht mehr gleich verhalten. Identität durch Anerkennung sucht zwar nach wie vor jeder, Identifikation mit dem Unternehmen aber ist etwas für Naivlinge. Und es gibt auch bereits viele Grossunternehmen, die so was für Zeitverschwendung halten – sie rechnen mit gar keiner anderen Motivation ihrer Mitarbeiter, als damit, viel Geld zu verdienen, und das Verständnis reicht nicht weiter als bis zu dem Punkt: Ist mein Mann geil auf mehr Geld, wird er viel Geld für die Firma verdienen wollen. Und Schluss.

Nur: Menschen funktionieren nicht so. Wenn wir mit den Verlierern des Spiels gar nicht umgehen, wenn wir nicht erkennen, dass wir Umgang mit einander brauchen, wenn wir nur nach oben blinzeln und nach unten schnöden, dann gute Nacht. Und Gefühle, die wir negieren, verschwinden deswegen ja nicht. Hass und Frustration setzen sich unterschwellig in der Gesellschaft fort, und wenn auch sie fehlen, ja, dann bleibt wirklich nur noch die automatisierte Konsumwelt übrig.

Natürlich entspricht dies alles nicht dem, was wir in Familien und unter Freunden erleben. Aber niemand wird bestreiten, dass sich alle diese Relationen laufend verändern – und das nicht zu unserem Vorteil.


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