Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Gratwanderung in Lille

∞  21 November 2014, 13:58

In diesen Minuten beginnt der Final im Davis Cup zwischen Frankreich und der Schweiz. Was ein Kräftemessen auf höchstem Niveau werden könnte, ist vor allem anderen vor allem eine Gratwanderung des Haupt-Protagonisten: Roger Federer riskiert seine Gesundheit.

Jahrelang nur in Notfällen wirklich Teil des Teams, weil die hauptsächlichen Ziele und die Energiereserven nichts anderes zuliessen, entschied sich Roger Federer dieses Jahr, voll mit dem Team mit zu ziehen – um nun im Final die Potenzierung dieses Spagates vollziehen zu müssen:

Er tritt an trotz Rückenverletzung – und riskiert dabei seine Gesundheit. Ich kann das aus der Distanz natürlich nicht wirklich beurteilen, aber die Gefahr ist doch gross, dass Federer unter dem Druck, für ein ganzes Team spielen zu “müssen”, seine Belastungsgrenzen überschreitet und damit den Rest seiner Karriere riskiert: Verschlimmern sich seine Rückenprobleme, so ist das Australian Open gefährdet und der Abstand zur absoluten Spitze würde vielleicht endgültig zu gross.

Federer hat noch nie einen Match vorzeitig aufgegeben – bei mehr als 1200 Spielen auf der Profitour! Und ganze dreimal trat er zu einer Partie nicht an. Für den ATP-Final konnte er das noch für sich entscheiden, und das war schon wahnsinnig schwer. Aber jetzt – für ein Team spielend?

Dabei wollen wir ehrlich sein:
Keinem Menschen käme es in den Sinn, eine Tenniskarriere wirklich daran zu messen, ob der Davis Cup gewonnen wurde. Zu sehr hat der Wettbewerb an Bedeutung in den letzten Jahrzehnten verloren. Wer weiss denn noch, wer letztes Jahr das Gewinnerland war? Oder vor zwei Jahren? Davis Cup – das is ein wichtiger Anlass, um den Tennissport in den einzelnen Ländern zu fördern. Er ist stimmungsvoll und ein grosser Sport-Event. Er stellt für die Spieler der zweiten Garde der Schweizer einen Karrierehöhepunt dar und schafft eine finanzielle Basis, mit der sie den Spitzensport weiter finanzieren können. Aber damit hat es sich dann auch.

Ich hoffe sehr, dass alles gut geht – und damit meine ich nicht den Schweizer Gewinn des Davis Cup.

  1. Thinkabout · 23. November 2014, 23:41 · #

    Es ist gut gegangen. Und damit ist vor allem Stan Wawrinka beschenkt worden: Er hat ein Jahrzehnt lang alles dafür getan, dass die Schweiz auch ohne Federer wenigstens in der Weltgruppe blieb – nicht immer war er dabei überzeugend, aber fürs Team immer verfügbar. Dass er nun die Basis dafür legte, dass sich Federer steigern konnte, ohne sich zu überfordern, und dass am Ende der Maestro das Ding nach Hause fahren konnte – das Statement von Federer war so was von berechtigt: Das ist Stan Wawrinkas Titel. Vor allen andern, und die Geschichte dieses Team-Events zahlt ihm jetzt etwas zurück.

    Federer ist hohes Risiko gefahren, hat sich am Limit gefordert – ist tatsächlich alles gut gegangen und erleidet er keine Nachwirkungen, so hat gerade Wawrinka allen Grund, sich über die Fügung und den Lohn seines Einsatzes ohne jeden Beigeschmack zu freuen.

    Chapeaux!

  2. sinta · 24. November 2014, 17:01 · #

    Sämtliche Beiträge i.S. Sport sind bei thinkabout immer objektiv, mit viel Sachverstand und Herz geschrieben.
    Diese Artikel sollten für Sportzeitungsschreiber Pflichtlektüre werden.

  3. Thinkabout @Sinta · 24. November 2014, 22:23 · #

    Oh, das ist aber ein schönes Kompliment! Ich bin mir bewusst, dass mein Interesse für Sport nicht jedermanns und jeder Frau Sache ist. Aber ich liebe einfach die Geschichten, welche der Sport schreibt, und die Sinnbilder, die er uns für das Auf und Ab des Lebens liefert.

  4. Gerhard · 25. November 2014, 18:49 · #

    Wenn Du ehrlich bist, @Thinkabout, dann begeistert Dich “Leistung”, nicht irgendwelche Geschichten. Ich kann dem Leistungsgötzen hier ja auch einiges abgewinnen: Es ist schön und belebend, seine eigene Kraft zu spüren und auch die anderer, “Größerer”.
    Kraft, Lebenskraft, Lust….Wollen/Können/Dürfen.

  5. Walter · 25. November 2014, 21:43 · #

    Gerhard,
    da braucht man doch überhaupt nichts zu verbergen, wenn man sich an einer Leistung, und sei es die eine, freuen kann. Was ist dies für ein herbeikonstruierter Gegensatz zwischen Leistung und Geschichte? Eine gute Geschichte ist eine gute Leistung und eine schlechte Geschichte eben eine schechte Leistung. Punkt fertig.

  6. Thinkabout · 25. November 2014, 22:34 · #

    Wir müssten dann mal Leistung definieren. Natürlich ist bei jemandem wie Federer die Menge der Rekorde ein Teil der Faszination – aber es gibt auch die Geschichten der scheinbar ewig Scheiternden, die dann doch eine Grenze durchbrechen – wie Wawrinka. Und manchmal wird hier sogar der Haltung in der Niederlage Tribut gezollt:

    Allez Rotscher, Vamos RAFA

  7. Gerhard · 26. November 2014, 07:47 · #

    Walter, was ist hier herbeikonstruiert?
    Ich zeige auf, daß der Artikel von Leistungswörtern strotzt. Kurt freut sich normalerweise über kritische Kommentare! Und das tat ich hier.
    Ich kann es aber auch gänzlich sein lassen!
    Ich kann hier auch garnichts mehr kommentieren!!
    Punkt fertig!

  8. Thinkabout · 28. November 2014, 00:26 · #

    Aber Gerhard,

    Wer wird denn gleich so aus der Haut fahren müssen? Ich habe Euch Beide verstanden – und gehe auf Deine Kritik ja oben auch schon ein. Normalerweise? Ich freue mich sogar immer. Nur so kann ich meine eigenen Gedanken weiter denken und dazu lernen. Genau so, wie Ihr Leser auch immer für Euch entscheidet, was Ihr annehmen wollt – und was für Euch selbst in die Tonne gehört.

  9. Gerhard · 28. November 2014, 08:11 · #

    Danke, Kurt, für die Response, ich dachte schon, es kommt nichts mehr!
    Hoffentlich hast Du es nicht gemacht, um mich als Leser zu halten ;) ;)
    Auf Walters Anmerkung habe ich überspitzt reagiert. Beim nachträglichen Lesen fiel mir nicht unbedingt ein agressiver Ton bei ihm auf, bzw. weiß ich auch gar nicht, in welchem Tenor er seine Anmerkung schrieb. Dieses “Punkt fertig” triggerte meine, eben wütende Reaktion.
    Nun gut!
    Es ist so, daß ich ,meine Statements zwar pointiert, aber auch immer kurz fasse. Ganz bewusst kurz. Allerdings transsportiert so ein Comment von mir dann womöglich nicht immer das deutlich, was ich sagen will.
    In dem obigen Fall deines Artikels störten mich “der Hagel” der Leistungsbegriffe, ich schrieb darüber, dann aber fiel mir unterwegs ein, daß “Leistung frönen” auch was Gutes hat, denn so erinnert man sich an die Krafterfahrungen in einem selbst. Ich selbst liebe auch Leistung (!) und freue mich über meine Kraft, wenn ich eine Siegesserie in meiner Sportart hinlegen kann.
    Zu deinen Anmerkungen Punkt 6:
    “es gibt auch die Geschichten der scheinbar ewig Scheiternden, die dann doch eine Grenze durchbrechen”
    Auch dies hat 2 Seiten! In der Leichtathletik sind mir einige Fälle “bekannt”, in der sich jemand immer und immer wieder versucht, sich dabei von Verletzung zu Verletzung hangelt und letztlich absehbar scheitert. Nun kann man sich fragen, ob so eine Haltung sinnvoll war. Das Umfeld wird das Ganze sicherlich nicht gern begleitet haben. Der sich Versuchende hat womöglich eine riesige Zeit seines Lebens fokussiert aufs Eine darangehängt. Er hätte auch recht bald abbrechen können und sich etwas anderem widmen können.
    Das ist die Kehrseite des Nichtakzeptierenkönnens.
    Es kann eine großartige Haltung sein, aber auch das Gegenteil.

  10. Thinkabout · 30. November 2014, 00:45 · #

    @Gerhard

    Ich finde gar nicht, dass der Artikel so sehr von Leistungsbegriffen strotzt. Die statistischen Angaben?

    Dass überall dort, wo ein Sportler eine Erfolgsgeschichte schreibt, viele andere im Schatten stehen, bei denen eigene ähnliche Eigenschaften am Ende sich verheerend auswirken können, ist Teil der Abbildung der Realität: Jede erfolgreiche Karriere wird von Mitstreitern begleitet, welche mit ähnlicher Verve ähnliche Ziele verfolgten, und womöglich gerade an dieser Sturheit scheiterten.

    Beim Sieger ist Sturheit Ausdauer. Beim Verlierer ist die gleiche Eigenschaft Besessenheit. Der eine liess sich nicht das Aufgeben einreden – der andere hatte bis zuletzt kein Gefühl für die eigenen Mängel. Das, lieber Gerhard, ist unser aller Umgang mit den Konditionen unseres Daseins und mit Hindernissen – und die unterschiedliche Weise, mit der wir auf Widerstände reagieren, sie akzpetieren, unserne Weg umlenken, oder eben durch die Wand wollen, ist Teil unseres Charakters und manchmal auch davon abhängig, wie wir Zufriedenheit ganz persönlich erreichen können.

    Aus allen diesen Überlegungen heraus sind Blicke auf Sportlerkarrieren, auf Siege und Niederlagen, eben gerade Sinnbilder für unser aller Alltag – der so grau gar nicht ist.


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