Mein Schreiben. Täglich.

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Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Die Mär von der Leistungsgesellschaft

∞  9 März 2010, 17:44

Sie wird besungen oder beklagt, diese unsere Leistungsgesellschaft. Oder wird sie nur herbei geredet? Ist sie ein politisches Schlagwort?


Leistung zu fordern, ist selbstverständlich geworden. Niemand will sich dem Verdacht aussetzen, etwas gratis zu wollen. Wir sind alle keine Schnorrer, nicht wahr? Wir malochen, chrampfen, ackern, schieben Überstunden und sind alle dem Leistungsgedanken verpflichtet. Und über allem thront der Glaubenssatz: Leistung muss sich wieder lohnen. Sagen die einen. Und die anderen, für die sich deren Leistung schon jetzt lohnt, können darauf bauen, dass verdientes Geld in aller Regel schon beweist, dass der betreffende gewiss auch entsprechend in die Eisen steigt (steigen muss). Von nichts kommt nichts. Nicht jeder ist ja Banker von Beruf. Diesen armen Teufeln spricht man ja mittlerweile die redliche Butter schon vom Brot weg. Aber im allgemeinen ist die Welt doch in Ordnung, nicht wahr?
Wer sich einsetzt, bringt es zu etwas. Mit dieser Maxime wird die sanfte Wahrnehmungsverschiebung ermöglicht, die zu dem führt, was wir längst übernommen haben:
Wir reden von Eigenverantwortung. Damit meinen wir aber nie die eigene Verantwortung für das Gemeinwohl. Verantwortlich sind wir nur für uns selbst. Damit haben wir der Gemeinschaft genüge getan. Dabei ist genau dieser eine Typus wohl heute so verbreitet wie zu Grossvaters Zeiten: Der einfache Mensch, der keinem anderen zur Last fallen will. Nur geht er heute unter. Was er leistet, ist heute oft und verbreitet nicht mehr smart genug. Und wenn er klagt, er käme auf keinen grünen Zweig, so gibt es dafür ein Schulterzucken: Wer Pfleger wird, nur so zum Beispiel, oder Koch, oder was auch immer der Beispiele mehr sind, hat den Beruf von Anfang an nicht des Geldes wegen gewählt. Der Mann, die Frau wusste, auf was er oder sie sich einliess.

Was heisst das alles? Dass wir nicht in einer Leistungsgesellschaft leben, sondern in einer Erfolgsgesellschaft.

Es mag für viele unfassbar sein, aber den wahren Charakter einer echten und gesunden Leistungsgesellschaft habe ich in einer militärischen Ausbildung – und nur dort – kennen gelernt: Uns wurde eingebläut, Leistung zu fördern – und die Anforderungen den Talenten des Einzelnen anzupassen: Es ist nicht der Fehler des Dünnen, dass er die Munitionskiste nicht zu schleppen vermag. Es ist der Fehler des Chefs, wenn er den Dünnen stattdessen nicht die Karte lesen lässt – oder sonst so einsetzt, dass dessen Talente zum Tragen kommen. Im Unterschied zur zivilen Gesellschaft ist in der militärischen Gruppe am Ende des Tages jeder gleich weit – genau so weit, wie die Gruppe selbst auch. Und im Idealfall hat jeder dazu das beigetragen, was nach seinen Talenten das Optimum war. Unmögliche Leistungsziele zu setzen, war verpönt. Gelobt wurde jener, welcher aus seinen Möglichkeiten am meisten machte – für alle.

In unserer Gesellschaft aber wird der Einsatz des einzelnen sehr, sehr unterschiedlich bewertet. Durch Geld und Lohn. Das war schon immer so, und warum das keine grösseren sozialen Spannungen gibt, ist ein Thema für sich. Aber, bitte schön, hören wir auf von unserer Leistungsgesellschaft zu sprechen. Wir leben in einer Erfolgsgesellschaft, in welcher der Wert des Geldes dominiert. Wer viel verdient, zahlt für Viele Steuern mit, soll also nicht geschröpft werden. Wer viel verdient, konsumiert viel, was sicher stellt, dass alle anderen auch etwas zu konsumieren haben. Und damit ist die Welt in Ordnung.

Ich bin kein Sozialist. Aber manchmal frage ich mich schon, wie sich eine gute Freundin fühlen mag, welche als Mutter und Pflegefachfrau einen enorm fordernden Job mit hoher Sozialkompetenz bewältigt, wenn sie ihren Gehaltscheck mit meinem vergleicht. Oder vergleichen könnte. Ich leiste garantiert nicht mehr als sie. Aber ich habe mehr “Erfolg”, so lange ich ihn mit dem einzigen möglichen Massstab messen will, den es gibt: Geld. Dass wir in einem Staat mit hohem Grad an Sozial- und Arbeitsfrieden leben, haben wir nicht so sehr einem moderaten Steuersystem und einem schlanken Staat zu verdanken, als vielmehr vielen leistungsbereiten Menschen, die am gesellschaftlichen Erfolg weniger interessiert sind als an der persönlichen inneren Befriedigung. Ich glaube, gerade deswegen ist es allerhöchste Zeit, dass jene, welche für ihren eigenen Einsatz sehr gut entlöhnt werden, wieder mehr Bewusstsein für die tragende Basis unserer Gemeinschaft entwickeln und auch nach den Ausdrucksformen suchen, wie das gezeigt werden kann.

Das kostet zu allererst übrigens überhaupt kein Geld. Es erfordert allerdings soziale Kompetenz. Bildet man sich darin weiter, fällt der pekuniäre Beitrag dann aber auch leichter.